Kritik der Marburger Vernunft

Kritik der Marburger Vernunft

Diesen Donnerstag findet wieder die jährlich vom Institut Philosophie veranstaltete Christian Wolff-Vorlesung statt. Das Event, das bereits Namen wie Habermas auf seiner Redner*innen-Liste hatte, ist inzwischen über Marburg hinaus hoch angesehen. Die News gingen indes schon um: Von insgesamt drei Professuren des Fachbereichs werden ab Frühjahr zwei der Inhaber*innen der Philipps-Universität Marburg den Rücken kehren. Ein Schock für die Studierenden, die sehr viel auf die Vorlesungen von Prof. Dr. Esser (Praktische Philosophie) und Prof. Dr. Demmerling (Systematische/Theoretische Philosophie) gaben. Im Gespräch mit Herrn Malte Dreyer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeits- und Forschungsbereich Praktische Philosophie und Organisator der Christian Wolff-Vorlesung, versucht PHILIPP zu klären, was es mit den Kündigungen auf sich hat, was die Studierenden der Philosophie nun erwartet und was das alles eigentlich mit der Vorlesung auf sich hat.

PHILIPP: Herr Dreyer, fangen wir mal platt an: Was genau ist die Christian Wolff-Vorlesung?

Malte Dreyer: Die Christian Wolff-Vorlesung ist ein Forum für Philosoph*innen, die sich dem Gedanken der Aufklärung verpflichtet fühlen. Sie jährt sich in diesem Jahr zum 15. Mal und wurde von dem emeritierten Herrn Professor Janich initiiert. In der deutschen Hochschullandschaft gibt es zwar viele Literaturpreise, aber bloß sehr wenige Auszeichnungen für Philosoph*innen.

Warum ist der Gedanke der Aufklärung heute noch relevant?

Die Aufklärung wird in diesem Sinne nicht nur als historische Epoche, als Kanon von Texten oder als Set an Theorien verstanden, sondern als Art und Weise, die Gegenwart zu begreifen. Sie beschäftigt sich mit der kritischen Reflektion aktueller Probleme und ist somit auch ein politisches Projekt. Aufklärung ist ein Prozess, der nicht abgeschlossen ist. Er verfügt über keinen festen Inhalt, sondern ist eher eine Form des Denkens.

Klingt logisch. Nach welchen Gesichtspunkten werden dann die Dozierenden für die Christian Wolff-Vorlesung ausgewählt?

Die Vorlesung wird von Philosoph*innen gehalten, die im weitesten Sinne politisch denken, also gegenwärtige Probleme kritisch reflektieren. Sie haben eine eigene Weise des Philosophierens ausgebildet und bilden eine Schnittstelle zwischen philosophischer Reflektion und Öffentlichkeit. Diskussionen in der Philosophie sind manchmal scholastisch und kleinteilig. Daher ist es wichtig, dass die Dozierenden eine große öffentliche Strahlkraft entwickeln können und indes bekannt dafür sind, ihre Philosophie leicht verständlich zu vermitteln.

Ja, leicht verständlich ist immer gut! Welche Gäste hatte die Vorlesung bisher?

Die Vorlesung wird in der Regel von Philosoph*innen oder anderen Geisteswissenschaftlern gehalten. Die Vortragsliste mit den Rednerinnen und Rednern der letzten Jahre lesen sich wie ein ‚Who-is-who‘ der Philosophie. Die einzige Ausnahme bildete Helmut Schmidt im Jahr 2007. Dessen Vortrag wurde im philosophischen Institut allerdings kontrovers diskutiert und man ist zu dem Schluss gekommen, dass es den Philosoph*innen vorbehalten sein sollte, die Christian Wolff-Vorlesung zu halten, da sonst das Format verwässert würde. Ein Beispiel für eine bekannte Rednerin der letzten Jahre ist Agnes Heller, eine Grande Dame der Philosophie und ehemalige Schülerin von Georg Lukács. (Georg Lukács gilt als ein bedeutender Erneuerer der marxistischen Philosophie.) Im Jahr 2012 hielt sie den Vortrag zum Thema „Leben wir in Zeiten moralischen Verfalls?“ Sehr interessant!

Eine Kollegin von Herrn Dreyer betritt den Raum und bringt eine neue Kanne Kaffee. „Ich hoffe der schmeckt, ich kann sowas nicht.“, sagt sie. Hr. Dreyer winkt ab: „Hauptsache Kaffee!“, freut er sich und stellt noch ein paar Kekse dazu. Ein passender Moment, um das Thema zu wechseln.

Herr Dreyer, wir haben nun seit einiger Zeit von dem Weggang zweier Professor*innen des Instituts gehört. Meine philo-studierenden Freunde sind total bestürzt, zumal die Bedingungen für die hohe Anzahl der Studierenden an der Universität nicht besonders gut aussehen. Können Sie uns dazu was sagen?

Im letzten Jahr gab es einen ungewöhnlich hohen Andrang an Studierenden, da das philosophische Institut der Universität Marburg eines derjenigen ist, an dem es noch keinen Numerus Clausus gibt. Dazu kamen die doppelten Abiturjahrgänge. Das allerdings führte zu einer nahezu unmenschlich hohen Arbeitsbelastung der Mitarbeiter*innen. Das wäre bloß durch einen deutlichen Zuwachs an Lehrpersonal kompensierbar gewesen. Dies wiederum wurde vom Präsidium abgelehnt. In diesem Jahr hat sich die Situation ein wenig verbessert. Das liegt allerdings an der Einführung eines Numerus Clausus. Das macht uns zwar nicht glücklich, musste aber leider sein.

Und warum wechseln die Professor*innen Andrea M. Esser und Christoph Demmerling jetzt nach Jena?

Im letzten Jahr wurde ein Ruf von Jena an die Professor*innen Esser und Demmerling erteilt. Wird ein Ruf erteilt, so läuft dies immer nach einem ähnlichen Schema ab. Der*die Professor*in treten sowohl mit der Hochschule, die den Ruf erteilt hat, als auch mit ihrer Heimatuniversität in Berufungsverhandlungen. Es ist gängige Praxis in Deutschland, dass Professor*innen sich an anderen Universitäten bewerben, um bei den Bleibeverhandlungen bessere Konditionen an der eigenen Universität zu erreichen. Das hat hier leider nicht geklappt.

Was ist denn ihre persönliche Meinung zur Verhandlungsstrategie des Präsidiums?

Das Präsidium handelt nach der Maxime, die Personalstruktur am Fachbereich 03 nicht zu verändern. Damit hat das Präsidium wenig Handlungsspielräume im Falle von Berufungsverhandlungen. Dies führt zu einer großen Zahl von Wegberufungen und einer Unstetigkeit, die nicht gut für die Studierenden ist.

Klingt schwierig und fast aussichtslos. Was passiert jetzt mit den Professuren?

Die Universität Marburg wird nun das gleiche Berufungsverfahren durchlaufen, das die Universität Jena bereits hinter sich hat. Es findet eine Ausschreibung der offenen Lehrstühle statt. Dann wird eine Kommission gebildet, die aus externen Wissenschaftlern, studentischenVertretern, dem verbleibenden Professor (Prof. Dr. Schröder) und Mitarbeitern des Instituts besteht. Die besten Bewerber*innen werden zum sogenannten „Vorsingen“ eingeladen, das heißt sie halten einen öffentlichen Bewerbungsvortrag an dieser Uni. In einer nicht öffentlichen Besprechung wird eine Liste erstellt, und an die erstplatzierten Professor*innen wird ein Ruf erteilt. Daraufhin folgen wieder Berufungsverhandlungen. Wie man sieht, ist das ein langer Prozess, der mitunter mehrere Semester andauern kann. Daher werden die Lehrstühle ab nächstem Semester vertreten.

Okay. Und was ändert sich konkret für die Studierenden? Was erwartet sie im kommenden Semester?

An der Betreuungssituation wird sich zunächst nichts ändern. Esser und Demmerling verlassen die Universität zum nächsten Sommersemester. Jetzt werden also Bachelor- und Masterprüfungen noch problemlos angenommen. Ich stehe in Kontakt mit der Rechtsabteilung, um herauszufinden, ob und wie Abschlussarbeiten von Esser oder Demmerling danach noch betreut werden können. Was sich jedoch ändern wird, ist die Art der Lehre: Natürlich bringen die Gastprofessoren ihre eigenen Schwerpunkte mit. Das kann durchaus schön und produktiv sein. Schade ist es natürlich für Studierende, die sich für einen MA in Marburg entschieden haben wegen Essers Aufklärungsschwerpunkt oder Demmerlings Scherpunkt in der Sprachphilosophie. Da wird ihnen vielleicht der*die eine oder andere nach Jena folgen.

Wir haben gehört, dass mit Essers Weggang auch die Christian Wolff-Vorlesung in Schwierigkeiten geraten kann. Welche Rolle spielt sie denn da?

Diese Information ist so nicht richtig, aber ich kann mir denken, worauf Sie anspielen: Die Vorlesung wird in jedem Jahr vom Geschäftsführenden Direktor bzw. der Geschäftsführenden Direktorin ausgerichtet. Diese*r lädt zur Veranstaltung ein, hält die Laudatio und ist Ansprechpartner*in. Esser hat dies schon einige Male getan. Im letzten Jahr nutzte sie die Vorlesung als Bühne, um auf die Missstände am Institut aufmerksam zu machen. Sie warnte vor einem möglichen Ausfall der Christian Wolff-Vorlesung in der Zukunft, da ein Ausbleib von Verbesserungen der Arbeitsbedingungen am Institut den Wegfall von Veranstaltungen bedeuten würde, die nicht direkt mit der Lehre verknüpft sind. In diesem Jahr ist zwar Prof. Schröder Geschäftsführender Direktor, aber Frau Esser wir trotzdem die Laudatio halten. Das wird vermutlich Essers letzter großer Auftritt an dieser Universität sein.

Okay, dann heißt es jetzt erstmal nur Hoffen. Was erwartet uns denn am Donnerstag?

In diesem Jahr hält Otfried Höffe die Vorlesung zum Thema „Gerechtigkeit in Zeiten der Globalisierung“. Höffe steht in der Tradition der Aufklärung und Immanuel Kants. Er beschäftigt sich viel mit der Rechtstheorie und der Politischen Philosophie. Höffe hat sich bereits in seinen Schriften mit Menschenrechten und der Frage beschäftigt, ob es universelle Begründungen für bestimmte Rechte geben kann. Er hat sich aber meines Wissens bisher noch nicht mit dem Thema der Gerechtigkeit unter der Bedingung der Globalisierung auseinandergesetzt, es wird also für uns alle etwas vollkommen Neues werden.

Schön. Da freuen wir uns doch drauf. Herr Dreyer, gibt es noch etwas, was Sie noch sagen wollen?

Eigentlich nur, dass den Fachbereich 03 spannende und arbeitsreiche Zeiten erwarten werden.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

ZUM NOTIEREN Christian Wolff war – wie man sich vermutlich denken kann – ein bedeutender Aufklärer aus dem 17/18. Jahrhundert. Er lehrte von 1723 bis 1740 an der Philipps-Universität Marburg Philosophie. Am Donnerstag um 20 Uhr findet in der Aula der Alten Universität (Lahntor 3) die inzwischen 15. Vorlesung dieser Reihe statt. Infos findet ihr hier.

ILLUSTRATION: Leonie Kunkel

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Freie Autorin und Studentin der Politikwissenschaft. Frankophil und mitunter zu zynisch.