Welcome to Ethnowood

Welcome to Ethnowood

Am 8. und 9. November öffnete das Trauma seine Pforten für das dritte ethnologische Filmfestival in Marburg. Beim „One with a Movie Camera“ konnte man mit diesmal insgesamt 24 Kurzfilmen einen Einblick in verschiedene Welten gewinnen. PHILIPP war für euch da und hat das mal beobachtet.

Der Saal ist dunkel. Beim Hineingehen sieht man erst einmal nicht viel. Lediglich die schemenhaften Umrisse der roten Sessel sind wahrnehmbar. Doch die Augen gewöhnen sich schnell an die Finsternis. Es riecht ein wenig muffig, nach altem Stoff. Ein Handy klingelt und alle Köpfe drehen sich nach dem Übeltäter herum. Es ist fast wie im richtigen Kino. Jetzt fehlt nur noch Popcorn und ein Hollywood-Blockbuster, von dem man sich 120 Minuten einfach berieseln lassen kann. Aber: Dafür sind die vielen Gäste heute nicht hier. Denn das „One with a Movie Camera“ – Festival bietet mehr als klebrige Süßigkeiten und stoffarme Filme.

„Undankbares Subgenre“

Die Stimmung im buntgemischten Publikum aus Filmschaffenden, Studierenden und Interessierten ist gespannt in dem kleinen Kinosaal vom Trauma. Aufmerksam schauen alle nach vorn. Gerade läuft „Behind the wheel“, ein 20-minütiger Kurzfilm über Nigora, eine Frau aus Tadschikistan, die, um ihre Familie zu ernähren, einen „Männerberuf“ ausübt: Sie flickt Autoreifen. Und es gefällt ihr, es macht ihr Spaß. Dennoch kämpft sie in der Szene, die gerade auf der Leinwand zu sehen ist, mit den Tränen. Ihr Sohn, 13 Jahre alt, meint, sie solle diesen Beruf nicht ausüben. Sie sei schließlich eine Frau. In der Szene erklärt Nigora die Unterschiede zwischen ihren verschiedenen Rollen als Mutter und Person, die das Geld nach Hause bringt und letztendlich als Frau, die sie schließlich ist.

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Zwei Tage lang, jeweils von mittags bis etwa 23 Uhr, flimmerten insgesamt knapp 16 Stunden Film über die Leinwand des Trauma-Kinos. Dabei sind es nicht irgendwelche Streifen, die auf dem „One with a Movie Camera“-Festival gezeigt werden. Es sind ethnografische Kurzfilme. Aufnahmen, die oft nicht so viel Aufmerksamkeit erhalten, wie ihnen eigentlich zusteht. Der ethnografische Film ist eine Subkultur, ein „undankbares Subgenre“, sagt Laura. Man zeige ein Individuum in seiner Lebenswelt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das breite Spektrum, das am letzten Wochenende bei dem Festival angeboten wurde, zeigte zum größten Teil Ergebnisse von Abschlussarbeiten, „vor allem aus filmischen Studiengängen wie zum Beispiel der visuellen Anthropologie“, erklärt Toni. Er und Laura sind Teil der Organisation des „One with a Movie Camera“. Beide studieren in Marburg und genießen das Festival jedes Mal sehr. „Die Idee kam durch ein Seminar, mit dem wir unter anderem das GIEFF (Göttingen International Ethnographic Film Festival) besucht haben“, erzählt Laura. Das war 2012, seitdem findet es jährlich statt. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es kein ethnografisches Filmfestival in Hessen.

Kürbissuppe und Ommas Kuchen

In einem anderen Film geht es um blinde Personen, um deren Wahrnehmungen und ihr Empfinden. „Wie ist denn sehen? Wie fühlt sich das an?“, fragt eine junge Frau in die Kamera. Die Szenerie ist simpel gehalten, oft erhält man Bilder, in denen man kaum etwas erkennt. Das Publikum kann sich ganz in diese „andere“ Welt hineinversetzen und teilhaben an den Gedanken der insgesamt zehn Personen, die seit der Geburt blind sind. Auf der Leinwand festgehalten wurden sie von Eibe Maleen Krebs, 82er Jahrgang, die schon in der Schule „ganz normalen Umgang mit Blinden“ hatte. Ihr „kleines Baby“ kam bereits auf einigen anderen Festivals sehr gut an, in Göttingen oder Gießen zum Beispiel. Dadurch wurde auch das Marburger Event auf die junge Filmemacherin aufmerksam. „Es ist sehr interessant, die Reaktionen auf den Film mitzubekommen,“, erzählt Eibe. Teilweise kämen Leute noch einige Zeit nach einer Filmschau zu ihr. „Es ist schön zu sehen, dass der Film tagelang noch Bestand hat.“ Auch das Publikum in Marburg scheint begeistert zu sein. Viele Szenen ernten herzhafte Lacher und im Saal prickelt es nur so vor Staunen.

„Es lief auf einmal so gut“, sagt Laura über den Beginn des Festivals, während sie einen Kürbis zerteilt. Die 27-Jährige sitzt in einer kleinen Küche im Trauma, heute Mittag soll es Kürbissuppe geben. Die selbstgemachte Suppe wird für kleines Geld verkauft, ebenso wie „Ommas veganer Apfelkuchen“, Getränke und belegte Brötchen, vegan und nicht-vegan. Unterstützt werden die freiwilligen Festival Arbeiter*innen durch Fördergelder vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Dabei erhalten sie genug, um einige Filmschaffende nach Marburg einzuladen, damit im Anschluss an ihren Film mit ihnen darüber gesprochen werden kann. „Die ideelle Unterstützung von den Profs aus dem Fachbereich ist auch immer riesig.“, fügt Laura hinzu. Die Filme selbst dürfen sie netterweise für lau zeigen. Dabei machen die Veranstalter*innen keinen Profit. Das wollen sie auch gar nicht. Wichtig sei ihnen, den ethnografischen Film auch Nicht-Ethnolog*innen näher zu bringen. Denn interessant seien sie sowieso für jedermann.

Faszination für Ethnologie

Auch Regisseur*innen von ethnografischen Filmen versuchen ähnlich wie ihre Kolleg*innen aus anderen Genres mit ästhetischen Bildeinstellungen zu arbeiten. Hier liegt allerdings auch die Herausforderung, denn eine ethnografische Dokumentation soll den ethnografisch-wissenschaftlichen Anspruch des Aufzeigen der Wirklichkeit nicht verlieren. Auf dem Festival wurden die Filme in vier Kategorien vorgeführt, um die Themenkomplexe greifbarer zu machen: „Körperlichkeit & Geschlecht“, „Migration“, „Warnehmungswelten“ und „ohne Einordnung“. Bei der Begrüßung betonen die Veranstalter*innen, dass nicht irgendwelche wissenschaftlichen Diskurse,  sondern die Faszination für diese Art von Film im Vordergrund stehen soll. Im Anschluss an jeden Film gibt es deswegen eine Viertelstunde lang die Möglichkeit, über das soeben Gesehene zu reden und zu diskutieren, da nichts „unverdaut“ hingenommen werden soll. Neu dieses Jahr ist dabei die „Filmemacher*innen Couch“, eine Art Podium zum Diskutieren.

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Die Atmosphäre im Trauma während des „One with a Movie Camera“ ist gemütlich, familiär und einfach nett. Auch wenn manche Filme es nicht sind. „Status & Stigma“, der Beitrag von Melanie Langpap zum Beispiel, beschäftigt sich mit der Stigmatisierung von AIDS-kranken und HIV-Positiven in Südafrika, ihrer eigenen Vergewaltigung während ihres Auslandssemesters in Südafrika, und vor allem den folgenden drei Monaten, in denen die Ungewissheit, ob sie jetzt HIV positiv oder negativ ist, sie beschäftigen. Die ganzen 47 Minuten über schwebt diese Frage über dem Publikum, es ist ein überaus mutiger und vor allem intimer Film über Langpap selbst. Die Regisseurin ist nach dem Film via Skype zugeschaltet, bereit für Fragen aus dem Publikum. Nur kommen zunächst keine. Die Menschen auf den roten Sesseln scheinen immer noch sehr beklommen.

Schön wars

Bei anderen Filmen läuft das anders: Meinungen, Lob und Diskussionen füllen den Raum, das Publikum scheint interessiert und die Filmemacher*innen geben ihr Bestes, Fragen zu beantworten. „Die Filmemacher*innen-Couch war ein Experiment, es ist verbesserungsfähig,“, gibt Toni zu, „uns hat ein der wissenschaftliche Input ein wenig gefehlt. Aber ansonsten lief alles sehr gut.“ Der immer noch fast volle Kinosaal beim letzten Film des Festivals bestätigt die Aussage. „Majubs Reise“, eine Geschichte über einen dunkelhäutigen Schauspieler in den 1930er Jahren, macht den Abschluss. Ein harter Brocken fürs Ende, das Résumé dezimiert es aber nicht. „Schön wars, ich komme nächstes Jahr gerne wieder!“, sagt ein Gast, als sich der Saal langsam leert. Denn tatsächlich ist es hier nicht wie im „normalen“ Kino: Am Ende des Festivals sind die Sessel nicht voll mit Popcorn und niemand muss sich fragen, was man jetzt eigentlich aus dem Film mitnehmen sollte. Vielleicht schreckt das ethnografische Filmfestival durch seinen Namen etwas ab, ein Besuch für hoffentlich noch kommende Events wird sich wohl trotzdem lohnen.

UND NU? Auch 2015 soll das „One with a Movie Camera“ – Festival wieder stattfinden. Allerdings erklärt Toni, dass es jedes Jahr darauf ankomme, ob sich engagierte Leute fürs Team und HelferInnen finden. Interesse, das Projekt zu unterstützen? Dann schau doch mal hier vorbei, auf der Facebook-Präsenz des Festivals.

FOTOS: Nele Hüpper und Christina Burkhardt

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Ressortleiterin Sport, studiert vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft und „hüpft“ oft und gern durch die Fußballstadien der Republik.