„Von den Superhelden-Comics der letzten Zeit bin ich ein wenig gelangweilt.“

„Von den Superhelden-Comics der letzten Zeit bin ich ein wenig gelangweilt.“

Samia Yusuf Omar. Den Namen kennt man nicht unbedingt – außer man beschäftigt sich intensiv mit den Olympischen Spielen. 2008 ging die damals 17-Jährige für ihr Land Somalia in Peking im 200-Meter-Lauf der Frauen an den Start. Während die Sprintstars Campell-Brown und Ferguson schon im Ziel sind, läuft das schmächtige Mädchen allen hinterher. Sie kommt weit abgeschlagen als Letzte ins Ziel. Doch das hält sie nicht davon ab, wieder an den Olympischen Spielen teilnehmen zu wollen. Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2012 in London versuchte sie als Flüchtling über die Meerroute Richtung Europa zu gelangen. Sie ertrank vermutlich im April 2012 vor der Küste Maltas. Der Berliner Künstler Reinhard Kleist hat ihre Geschichte in Form einer Graphic Novel in der FAZ veröffentlich. Im Februar erschien sein Buch. PHILIPP hat mit dem Künstler über seine Arbeit, den Unterschied zwischen Graphic Novels und Comics und natürlich auch über sein neustes Werk gesprochen.

PHILIPP: Zeichnen Sie Comics oder Graphic Novels?

Reinhard Kleist: Ich zeichne schon Comics. Aber auch Graphic Novels.

Können Sie als Mann vom Fach erklären, was der Unterschied zwischen Comic und Graphic Novel ist?

Ich bezeichne mich immer als Comic-Zeichner, der Graphic Novels macht. Graphic Novels sind für mich eine Einordnung – also es sind schon Comics. Aber Graphic Novels sind genauso eine Einordnung, wie es die im Bereich der Comics für Mangas gibt oder Superhelden-Comics. Mit dieser Einordnung gibt man eine Richtung vor, sodass man ungefähr weiß, was einen erwartet. Bei den Graphic Novels also eher ernste Stoffe. Gerne in schwarzweiß gezeichnet. Die richten sich auch eher an eine erwachsenere Leserschaft. Aber eigentlich sind die Grenzen sehr fließend. Graphic Novels gehören in so eine Grauzone. Mir hat die Einteilung durch diesen Begriff sehr geholfen. Gerade in Deutschland gab es diese große Schwierigkeit: „Comics, die müssen lustig sein und sind für Kinder“ und dann kam halt dieser Begriff der Graphic Novel. Dann haben auch die Medien erkannt, Moment mal, das ist doch was anderes. Zusammengefasst: eigentlich sind Graphic Novels Comics.

Warum sind Graphic Novels cooler als Comics?

Gute Frage (lacht). Das ist echt eine schwierige Frage. Ich muss sagen, von den Superhelden-Comics bin ich in der letzten Zeit ein wenig gelangweilt. Irgendwann gingen diese ganzen Geschichten in die selbe Richtung. Da fand ich dann das, was bei Graphic Novels rauskommen kann, für mich persönlich interessanter. Die Themen sind spannender. Auch die Themen mit Zeitgeschichte sind für mich faszinierend. Aber was jetzt cooler ist… das kann man gar nicht so sagen. Es kommt darauf an, was man erwartet. Das macht dann natürlich das rennen. Ich glaube, das entscheidet sich auf dem Schulhof und da haben Graphic Novels glaube ich nicht so die Chance (lacht). Was man aber auch nicht unter den Tisch fallen lassen darf, sind Mangas. Die spielen gerade bei den jungen Menschen eine große Rolle. Bei denen brauch ich mit meiner Graphic Novel gar nicht erst ankommen.

Haben Sie eine:n Lieblingszeichner:in?

Hab ich früher gehabt. Es gab immer Leute, an denen ich versucht hab, mich ästhetisch zu orientieren. Das waren hauptsächlich englische und amerikanische Leute, die mich begeistern. Das sind zum Beispiel Dave McKean und Kent Williams. Solche Menschen, die sehr experimentell gearbeitet haben. Jetzt zur Zeit orientier ich mich eigentlich wenn dann eher an den guten Geschichtenerzählern. Das hatten die nicht drauf, damals. Die hatten super tolle Grafiken, aber beim Geschichten erzählen haperte es bei manchen. Jetzt orientier ich mich an Will Eisner. Das ist mein Lieblingszeichner.

Können Sie selbst noch Graphic Novels lesen, ohne an die Arbeit zu denken?

(lacht) Bei den ersten fünf Seiten nicht. Wenn die Graphic Novel gut ist, dann vergess ich die Arbeit. Zum Beispiel sind meine Lieblingsbücher in der letzten Zeit Irmina von Barabra Yelin. Sie ist auch eine gute Freundin von mir. Ich hab das Buch angefangen zu lesen und war nach fünf Seiten so in der Geschichte drin, dass ich überhaupt nicht mehr gemerkt habe, dass ich gerade ein Buch in der Hand habe.

In diesem Stil zeichnet Reinhard Kleist die meisten seiner Werke: schwarz-weiß.
In diesem Stil zeichnet Reinhard Kleist die meisten seiner Werke: schwarz-weiß.

Sie können die Frage wahrscheinlich nicht mehr hören, aber hat sich nach den Attentaten auf Charlie Hebdo etwas in Ihrer Themenfindung oder an Ihrer Kunst geändert?

(Er überlegt kurz) Ne. In der Kunst eigentlich nicht. Aber schon mit der eigenen Wahrnehmung davon. Man hat da gesehen, was für eine Sprengkraft Zeichnungen haben können. Die öffentliche Reaktion, die hat mich sehr verblüfft. Sogar angenehm überrascht. Für mich selber hat es in meiner Themenauswahl nicht so eine große Relevanz. Bisher auf jeden Fall nicht. Im Hinterkopf hat man das schon. Das wird natürlich in der Zukunft eine Rolle spielen.

Wie wählen Sie überhaupt die Themen für ihre Graphic Novels aus?

Das sind meistens Zufälle. Auf die Geschichte von Samia Yusuf Omar bin ich während einer Internetrecherche zum Thema Flüchtlinge gestoßen. Aber ich wollte eigentlich etwas anderes machen, weil ich eine Einladung vom Goethe-Institut Palermo hatte. Ich wollte was in Palermo machen, zu dem Thema was mit den Leuten passiert, wenn sie in Europa ankommen. Wo landen sie und so weiter. Dann bin ich auf die Geschichte von Samia gestoßen und schon beim Lesen und bei der Recherche hat mich die Geschichte berührt. Dann hab ich beschlossen, die Geschichte weiter zu verfolgen, weiter zu machen. Genau so ging es bei den anderen Geschichten. Das waren manchmal einfach nur Zufälle. Die Boxer-Geschichte habe ich in meinem Buchladen entdeckt, da lag die Biographie und ich dachte so: huch, was ist denn das? Das nehm ich mal mit!

Warum suchen Sie sich oft Themen, die sehr komplex sind?

Bei den beiden letzten Büchern (Anm. Red: „Der Boxer“ und „Der Traum von Olympia“) ist das mit dem Sport schon ein Thema. Ich versuch, bei allen Themen unterschiedliche Ebenen zu finden. Zum Beispiel bei dem Jonny Cash (Anm. Red: „Cash – I see a darkness“) Buch war es so, dass ich eigentlich nicht nur eine bloße Lebensgeschichte machen wollte. Ich wollte noch ein Thema dahinter finden. Da war es dann: was ist das Thema Freiheit? In dem ganzen Buch geht es immer wieder um dieses Thema Freiheit, Gefangen sein im eigenen Knast, Gefangen sein im richtigen Knast. Bei „Castro“ ging es um den unterschiedlichen Umgang mit Idealen. Und so versuche ich hinter jeder Geschichte eine andere Geschichte zu finden. Deswegen werden die auch etwas komplexer.

Haben Sie eine Faszination für Menschen? Kann man das so sagen?

Eine Hass-Liebe. Sagen wir mal so (lacht). Meine Karriere fing ganz anders an. Ich hab erst so fantastische Sachen gemacht. Irgendwann hat mich das nicht mehr so interessiert. Ich wollte dann etwas mit Biographien machen. Über die Jonny Cash-Story bin ich auch zufällig gekommen. Ich hab mit einem Sänger einer Jonny Cash Coverband zusammen in einer WG gewohnt, so kam das dann… Und dann hab ich gemerkt, dass mich das total interessiert. Also an Lebensläufen zu Arbeiten und zu gucken, was passiert da eigentlich noch. Was für Schicksale ergeben sich da und gerade bei dem „Castro“ hätte ich auch noch einen zweiten Band machen können, weil es da so irre Geschichten gibt, die drum herum passiert sind. Mich fasziniert es, mit Lebensläufen umzugehen und da diese Themen rauszumeißeln und einen anderen Zugang dazu zu finden. Das hat dann ganz oft auch immer mit dem Leben an sich zu tun. Jetzt gerade arbeite ich an einem neuen Projekt, da geht es um Nick Cave. Da gucke ich jetzt auch, dass ich da einen ganz anderen Zugang zu finde, als bei Cash oder Castro – oder eben „Der Traum von Olympia“.

Sie haben sich für die Recherche von „Der Traum von Olympia“ mit Samias Schwester getroffen – wie war dieses Treffen?

Das war sehr emotional. Ich habe ihre Schwester ein Jahr nach dem Tod von Samia getroffen. Über Teresa Krug, eine Journalistin, die damals bei Al Jazeera gearbeitet hat, habe ich Kontakt zu Samias Schwester bekommen. Sie hat mit mir einen Termin gemacht, für den wir nach Helsinki geflogen sind. Teresa verdanke ich wahnsinnig viel. Sie schreibt auch das Nachwort für die englische Ausgabe. Wir haben geredet und sie hat sehr viel erzählt. Von ihrer Schwester Samia, vom Leben in Mogadischu. Und was sie selbst von der Geschichte von Samias Flucht weiß. Dann musste sie aber doch den Raum verlassen, weil sie angefangen hat zu weinen. Das war halt so emotional. Aber sie hat sich mittlerweile geöffnet und einen ganz anderen Zugang zu der Geschichte bekommen. Auf Facebook verwaltet sie die Gedenkseite für ihre Schwester und da hat sie tatsächlich auch das Cover von meinem Buch gepostet. Das finde ich sehr schön.

Ist „Der Traum von Olympia“ etwas Besonderes? Auch wegen der Aktualität?

Ja. Es ist das einzige Buch, wo die Heldin nicht gebrochen ist. Samia ist für mich eine absolute Heldin. Sowohl wie sie ist als auch mit dem, was sie macht. Normalerweise stehe ich eher auf gebrochene Charaktere, die etwas düsteres haben oder eine dunkle Seite. Sie ist eher eine strahlende Lichtgestalt. Und sie ist die Einzige, die am Ende des Buches nicht überlebt. Das macht das Buch dann auch wieder besonders. Ich hab, als ich die Geschichte geschrieben hab, überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass das ein politisches oder ein brisantes Thema ist. Ich wollte einfach diese Geschichte erzählen, weil sie mich so berührt hat. Und natürlich ist jemand, der für seinen Traum alles auf’s Spiel setzt und alles opfert, es durchzieht, der hat natürlich die Sympathien auf seiner Seite. Das wollte ich erzählen. Ich hab gar nicht an politische Brisanz gedacht.

Wie sehr beschäftigt das aktuelle politische Geschehen Sie persönlich? Und in Ihrer Kunst?

Persönlich? Sehr. Jetzt gerade beschäftigt es mich, weil ich einen jungen Iraker bei mir wohnen habe. Das bringt mein Leben gerade sehr durcheinander. (lacht) Gerade mache ich auch Zeichenkurse mit Flüchtlingskindern. Das hab ich schon mal vor zwei, 2 ½ Jahren im Irak gemacht. Ich war im Nordirak in einem Flüchtlingslager und habe dort einige Zeichenstunden mit Kindern gemacht. Das will ich jetzt öfter machen, gerade in Berlin. Ich hab das jetzt schon zwei Mal in Deutschland gemacht, aber noch nicht so regelmäßig, wie ich das gerne hätte. In der Arbeit selbst hat mich das bisher noch nicht so viel beschäftigt. Ich weiß gar nicht warum. Gerade bin ich mit dem Kopf noch voll und ganz bei Nick Cave.

So sieht eine Ausstellung von Reinhard Kleist aus - die Graphic Novels hängen an der Wand
So sieht eine Ausstellung von Reinhard Kleist aus – die Graphic Novels hängen an der Wand

Wie lange zeichnen sie im Schnitt an einer Graphic Novel?

Das ist ganz unterschiedlich. „Der Traum von Olympia“ ging relativ schnell, weil ich das auch relativ schnell fertig haben musste. Die Graphic Novel erschien zuerst in der FAZ. An der Nick Cave-Geschichte sitze ich jetzt schon 1 ½ Jahre, das wird aber auch noch ein Jahr dauern. Es ist total unterschiedlich. Das kommt natürlich auch auf die Länge an.

Lesen Sie Rezensionen zu Ihren Werken?

Ja (lacht)Ich lese sie und ich freu mich über die Verrisse. Ich finde das total gut, wenn mein Buch runtergeputzt wird, weil das bedeutet, dass man als Medium ernst genommen wird. Früher war das eher so, „Ach ja, das ist ein tolles Werk“, aber man merkt halt auch, die schreiben das jetzt nur, weil sie die Graphic Novel unterstützen wollen. Das ist eine Graphic Novel, das muss man noch ein wenig pushen. Wenn es einen Verriss gibt, dann heißt das, dass man ernst genommen wird. Deswegen finde ich das gut.

Was haben Sie von Marburg bisher gesehen und hat es Ihnen gefallen?

Ich hab schon jede Menge gesehen. Ich hab hier fünf Jahre bei der Sommerakademie den Comic-Kurs geleitet, von daher kenne ich Marburg wie aus meiner Westentasche.

Und der Unterschied Marburg – Berlin? Ist der schlimm?

Schlimm? Nein. Der Unterschied ist schon stark. Aber ich finde es sehr erholsam, hier in Marburg zu sein. (lacht)

Vielen Dank für das Gespräch!

ÜBRIGENS „Der Traum von Olympia“ erschien im Februar 2016 im Carlsen-Verlag. Auf der Homepage von Reinhard Kleist findet ihr alle Informationen über seine älteren Werke und seine neuen Projekte.

FOTOS: Anggara Mahendra auf flickr.com, CC-Lizenz.

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Ressortleiterin Sport, studiert vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft und „hüpft“ oft und gern durch die Fußballstadien der Republik.