Der Campus jodelt

Der Campus jodelt

Wenn man das Wort jodeln hört, denkt man unweigerlich zuerst an Berge, Heidi und einen Almöhi mit weißem Rauschebart. Typische Stereotypen halt. Doch seit einigen Wochen kann man in einigen Universitätsstädten mit der App „Jodel“  jodeln. Wir haben uns die App, die jetzt auch in Marburg im Umlauf ist, mal angeschaut.

Die App Jodel gibt es fürs Smartphone (kostenlose iOs- und Android Versionen, bisher noch nicht fürs Windowsphone) und ist irgendwie süß. Zumindest auf den ersten Blick. Das Icon zeigt einen weißen Waschbärenkopf auf orangenem Grund und wenn man die App durch herunterziehen aktualisiert, schläft der Waschbär und wacht wieder auf, wenn die Aktualisierung beendet ist. Ansonsten hat die App verschiedene Farben für die verschiedenen „Jodeleien“, leichtes rot, hellblau, grasgrün, blasses türkis und das selbe orange wie beim Icon. Alles sehr einfach aufgebaut und sehr modern, clean und stylisch. Doch jetzt wird es schwieriger:

Was genau macht man mit der App?

Deinstallieren ist die erste Idee. Doch wenn man sich länger damit beschäftigt, ist es doch ziemlich interessant. Theoretisch können sich alle 26.000 Studierenden der Universität Marburg über diese App unterhalten. Anonym und über alles, was sie wollen, Gott und die Welt quasi. Durch hoch- und runtervoten kann man die literarischen Ergüsse der Mitmenschen bewerten, ein „Jodel“ mit mehr als Minus fünf Bewertungen wird nicht mehr auf dem Bildschirm angezeigt und damit auch nicht mehr von der Community gesehen. Man kann auch „zurückjodeln“, also antworten, wenn jemand eine Frage stellt oder Bilder posten.

Muss denn immer alles einen Sinn haben? Nein. In diesem Fall nicht. Die App ist ungefähr so sinnvoll wie mit einem Edding etwas auf die Klowände der Philfak schreiben – es wird einmal gelesen und interessiert dann kein Schwein mehr. Zumal die Sprüche bei Jodel genau so „niveauvoll“ sind wie die Sprüche auf den Klowänden. Geschrieben von vermeintlichen Akademiker*innen, denn die App spricht gezielt Studierende an. Die App verbindet Facebook, Twitter, Instagram, Spotted und Tinder auf eine absolut anonyme Art und Weise, die den leicht voyeuristischen Drang eines jeden von uns befriedigt. In der Tradition von SMSvongesternNacht und German-bash.org kann man sich bei Jodel aber auch einfach über alles lustig machen, was man eben lustig findet. Ob das die anderen auch so sehen, sei mal dahin gestellt. Der Kniff: Es ist eine App, hinter der man sich verstecken kann und bei der man eben NICHT weiß wer da noch so mitjodelt. Ein Gegentrend zu dem in den sozialen Netzwerken doch so gläsernen User*innen eben. Wenn einem irgendwas Gejodeltes nicht gefällt, votet man es einfach runter. Und durch dieses Voten sammelt man Karma. Nur wozu genau man dieses Karma braucht, weiß man noch nicht so genau, aber die Entwickler*innen der App haben auf jeden Fall „etwas tolles“ für gesammeltes Karma versprochen. Vielleicht ist es ja Bier.

„Alle mal beruhigen. Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist.“

Auf ihrer Facebook-Seite schreibt Jodel selbst: „Anonyme Gedanken von Leuten aus deiner Umgebung. Das ist Jodel“. Wir finden: Ja, das passt und trifft es ganz gut. Anonyme Gedanken von anonymen Menschen, die einen dazu bringen, die Hausarbeit an der man gerade sitzt, nicht zu schreiben. Dennoch muss man hin und wieder schmunzeln. Zum Beispiel über Sprüche wie: „Alle mal beruhigen. Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist.“ Der Spruch hat zwar auch einen Bart von hier bis Ellenhausen, aber lassen wir das.

Hier hätten wir dann mal ein paar Einblicke in die Jodel-App.

Laut den Betreiber*innen hat Jodel übrigens insgesamt etwa 100.000 Nutzer*innen und darunter 40.000 die sich jeden Tag einloggen um eine Nachricht zu schreiben. Inwiefern die Angaben stimmen, kann man nicht nachvollziehen, weil eben alles anonym ist. Die Anonymität in dieser unseren Zeit des gläsernen Menschen ist durchaus aufregend und anziehend. Die Macher*innen schreiben auf ihrer Website jedenfalls, dass man sich über Jodel sorglos mit dem gesamten Campus unterhalten, freier und verrückter sein könne. Alles schon irgendwie sehr faszinierend. Trotzdem ist und bleibt es ein anonymes Sprücheklopfen, bei dem man Gefahr läuft, eine Plattform für allerlei Gedankengut zu schaffen, dem lieber keine Plattform geboten werden sollte. Mobbing zum Beispiel. Was bleibt, wenn man die App einmal hoch und runter gescrollt ist? Nicht viel als hier und da ein kurzes Schmunzeln und die Hoffnung, dass es bei der leichten Kost, die die App bis dato bietet, auch bleibt.

FOTO: Weareaustria.at

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Ressortleiterin Sport, studiert vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft und „hüpft“ oft und gern durch die Fußballstadien der Republik.