Sneak-Review #9: Das brandneue Testament

Sneak-Review #9: Das brandneue Testament

Auch diese Woche stellt sich wieder die Frage: haben sich die 4 Euro Sneak-Eintritt gelohnt oder hätte sie man besser in Bier investieren sollen? Diese Woche in der Sneak des Cineplex Marburg: Jaco Van Dormaels Komödie „Das Brandneue Testament“.

Wie immer ist der große Saal Nummer 4 im Cineplex komplett gefüllt, überall kruschelt und raunt es und die Trailer für kommende Neuerscheinungen laufen mal wieder in Überlänge. Dann: Hinter mir aus der Ecke stöhnt jemand auf und es ertönt ein enttäuschtes „Oh man.“ Ich bin mir nicht sicher, ob es daran liegen mag, dass der Titel einer französisch-namigen Produktionsfirma auf der Leinwand erscheint und damit klar ist, dass es sich hier nicht um einen der kommenden Hollywood-Blockbuster handeln wird, oder ob solch eher unbekannte Kleinproduktionen einfach generell kaum noch Anklang in unserer Gesellschaft finden. Frei nach dem Motto, nicht aus den Staaten, nix gut. Unter der Schirmherrschaft „Le Pacte“ jedenfalls, einer französischen Produktionsfirma, dürfen wir uns heute die belgisch-französisch-luxemburgische Komödie „Das brandneue Testament“ vergnügen.

Gott existiert. Er lebt in Brüssel.

„Gott existiert. Er lebt in Brüssel.“, ertönt eine junge weibliche Stimme zu Beginn des Films. Was ich erst als schlechten Scherz abstempelte, entpuppt sich bald als höchst amüsant und perfekt leichte Kost für den diesigen Abend. Der Streifen handelt nämlich von Ea, die niemand geringeres ist, als Gotts Tochter in persona. Gott (Benoît Poelvoorde), ein Mann der schon immer „ein mieses Leben und zwei linke Hände“ hatte, erschuf aus Langeweile zunächst Brüssel. Weil ihm das aber zu wenig war und ihm Löwen oder Sträuße im Supermarkt oder Giraffen auf den leeren Straßen der Stadt irgendwie falsch vorkamen, erschuf er schließlich auch den Menschen nach seinem Ebenbild. Dieser traf bald auf Eve und gemeinsam zeugten sie schließlich viele, viele kleine Kinder – kurz gesagt, die Menschheit. Eines Tages schleicht sich Ea, Gotts kleine Tochter (Pili Groyne), in den strikt verbotenen Raum, in dem Gotts allmächtiger Supercomputer steht. Hier entdeckt sie, wie er sich einen Spaß daraus macht, die Menschen mit neuen Geboten zu ärgern und quälen (wäre da z.B. Gebot 2129: „Immer wenn ein Mensch in die Badewanne steigt, beginnt das Telefon zu klingeln.“).

Um Rat suchend bei ihrem Bruder, selbstredend Jesus, der hier die Gestalt einer kleinen Plastikpuppe trägt, die ab und zu zum Leben erwacht, beschließt sie, mithilfe des Supercomputers allen Bewohnenden der Erde ihre Todesdaten zu geben – wodurch „der Alte total unglaubwürdig“ wird, wie Jesus erfreut feststellt. Das Familienverhältnis ist wohl nicht das beste. Mithilfe von sechs neuen Aposteln, die sie per Zufall auswählt, beginnt sie nun, auf der Erde ein brandneues Testament und damit eine neue Weltordnung zu erschaffen. Da wäre zum Beispiel die schöne Aurélie, die bei einem Zugunfall ihren linken Arm verlor und Ea das Sprichtwort mit auf den Weg gibt: „Das Leben ist wie eine Schlittschuhbahn, es gibt viele Menschen, die fallen.“ Oder der junge Willy, der nach seiner Todesnachricht beschloss, ein Mädchen zu werden. Nur knappe 50 Tage sollte er noch leben und schon immer beschäftigte ihn die Frage: „Können Jungen auch Mädchen sein?“

Gott: „Ich hasse mich!“

So zieht sich dieser Mix von bunten Bildern, skurriler Ideen und versteckten Weisheiten durch den ganzen Film. Bereits ab der ersten Sekunde wird mit den Worten „am Anfang weiß man nicht, wann der Anfang ist“ erstaunlich philosophisch, eine gewisse Glaubens- und Gesellschaftskritik laut die amüsanter kaum hätte gestaltet werden können.“Ich hasse mich“, sagt ein großartig von Benoît Poelvoorde gespielter Gott einst. Er begegnet einem Priester, der zu ihm sagt: „Gott sagt, liebe deinen Nächsten.“, woraufhin dieser den Kopf schüttelt und erwiedert: „Das hab ich nie gesagt!“ Die Szene endet in einer Schlägerei. Doch nicht nur das Bild Gottes, der gekleidet in einem karierten Bademantel, grau-versifften Shirts und einer zerlotternden grau-weißen Hose stets etwas heruntergekommen aussieht und den lieben langen Tag nichts anderes tut, als schimpfen, brüllen oder sich selbst bemitleiden, ist bestückt mit allerlei Interpretationsmöglichkeiten. Und auch die Darstellung der sechs Apostel und der allgemeine Umgang der Gesellschaft mit ihren Todesdaten weisen einen großartig umgesetzten Touch von philosophischen Fragen auf. Zum Beispiel: Gibt es Schicksal?

Einzig und allein der Part mit Apostel Nummer vier, Evangeline, erscheint doch etwas sehr suspekt. Unglücklich in ihrer Ehe führt Ea sie zu einem Zirkus, wo sie auf einen Gorilla trifft und sich prompt in ihn verliebt. Hatte da jemand ein zu großes Faible für King Kong? Nichtsdestrotrotz ist der Film am Ende eine hervorragende Mischung aus Sarkasmus, Skurilität und ernster Kritik, ganz wie wir es nicht zuletzt mit Filmen wie „Willkommen bei den Sch’tis“ oder „Zusammen ist man weniger allein“ bereits aus der französischen Ecke kennen und lieben gelernt haben. Mein persönlicher Lieblingsstreich ist übrigens Kevin, ein junger Punk, der sich nach Veröffentlichung der Todesdaten ständig selbst umbringt. „Hallo! Hier ist wieder Kevin!“, heißt es dann in den „Deathleak“-Nachrichten, bevor der Mann breit grinsend aus dem nächsten Fenster springt – um unten Heile auf einer anderen Person zu landen.

Kinostart ist am 3.12.2015. Und zum Trailer geht’s hier.

FOTO: filmfesthamburg.de

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PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin. Zwischen ihrem Master in Friedens- und Konfliktforschung ist sie zu Techno und Goa am Raven oder reist durch die Weltgeschichte.