Warum es so schwer ist, erwachsen zu werden

Warum es so schwer ist, erwachsen zu werden

Das mit dem Erwachsenwerden ist gar nicht so einfach. Orientieren muss man sich, was für ein Mensch man sein und nach welchen Werten man leben möchte. Und dann sind da noch diese ganzen anderen, lästigen Pflichten.

Peter Pan hat es wahrscheinlich richtig gemacht. Statt erwachsen zu werden, lebt er mit seiner Gang, die dem Namen nach (The Lost Boys) auch eine fancy Indieband sein könnte, auf einer fernen Insel in einer Welt, in der niemand altert. Dazu ist er der Einzige, der ohne den Glitzerstaub der Fee Naseweis fliegen kann. Ihm liegt die Welt quasi zu Füßen. Und sein Mädchen? Das holt er sich einfach.

Nun ist Peter Pan eine von J. M. Barrie geschaffene (welt-)literarische Figur und anders als er, leben du und ich nicht in Nimmer-, sondern in einem Deutschland, in dem nicht gegen Piraten, sondern die Bürokratie gekämpft wird. Und das leider ganz ohne Glitzerstaub. Man könnte fairerweise überlegen, den abendlichen Entspannungsrotwein am Ende eines pflichterfüllten Tages als den Glitzerstaub der Erwachsenen zu begreifen. Aber machen wir uns nichts vor. Es ist nicht das Gleiche.

Träume sind was für Loser

Das Erwachsensein, so die gesellschaftliche Botschaft, ist vor allem in der westlichen Welt, in der die Kindheit ein zu schützendes Ideal der Unschuld und Reinheit darstellt, eines: Harte Realität. Träume und Ideale? Haben darin nichts zu suchen. Basta. Die Crux: Gleichzeitig wird das direkt auf die Kindheit sich anschließende Ideal der Jugend mit ihrer Vitalität und Offenheit emporgehoben. Wer schön und jung ist, der*die kann – und soll vor allem! – leisten. So ist es kein Wunder, dass nicht nur jene, die am Beginn des Erwachsenwerdens stehen, nicht wissen wohin mit sich, sondern im Grunde der Mensch jeglichen Alters und Geschlechts mit gegensätzlichen und damit fast unerfüllbaren Anforderungen an sein Alter konfrontiert wird.

Ein Beispiel für dieses Paradoxon liefert das Studium als Keimzelle des bildungsbürgerlichen Erwachsenwerdens. Da haben wir sowohl den anhaltenden Rausch der Ich-nehm-alles-was-ich-kriegen-kann-Freiheit, als auch das Damoklesschwert der gesellschaftlichen Ordnung, das über einem schwebt. In Dauerschleife erinnert es daran, irgendwann dann doch mal mit dem Studium fertig zu werden. Sich binden und am besten direkt nach Zeugnisvergabe mit einer Festanstellung in der Hand die Uni zu verlassen, so soll es bitte sein, wenn‘s geht. Ein Drahtseilakt ist nichts dagegen.

‚Ein Bier kann reichen und die Partybiene muss mal wieder einen Härtefallantrag stellen‘

Die Balance zwischen Freiheit und Pflicht ist fragil und verhält sich etwa damit, das perfekte Frühstücksei zu kochen. Man probiert und probiert und es braucht ewig, bis man weiß, wie‘s geht (weich: 3-5 Minuten, wachsweich: 5-6 Minuten, hart: alles über 8 Minuten). An der Uni sieht das dann so aus, dass der*die Streber*in zwar weiß, wie man sein*ihr Erasmus-Learning-Agreement so ausfüllt, dass es zu möglichst wenigen Komplikationen kommt, dafür aber vollkommen davor kapituliert, wie er*sie auf drei WG-Partys gleichzeitig sein kann. Aus dem einfachen Grund, weil er:sie zu keiner eingeladen ist. Umgekehrt ist es natürlich genauso. Ein Bier mehr am Abend kann reichen und die Partybiene muss mal wieder einen Härtefallantrag stellen. Es ist tragisch.

Mit der Tragik des Erwachsenwerdens kennt sich auch die Philosophin Susanne Neiman aus. In einem Interview mit ZEIT Campus erklärt sie, dass das Erwachsensein vor allem heiße, „die Fähigkeit zu haben, sowohl das Sein als auch das Sollen im Auge zu behalten.“ So müssen wir beispielsweise irgendwie unseren Lebensunterhalt verdienen (das Sein), während uns dabei auch noch andere Werte und Ideale (das Sollen) begleiten. Auch Kant bringt Neiman ins Gespräch, und zeigt mal wieder, dass good old Immanuel so schlau ist, dass sein Kult-Ausspruch „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ auch hier mal wieder Licht ins Dunkel bringt.

Plötzlich ist Kant nicht ganz so lebensfremd

Was uns verwöhnten Luxusproblemkindern nach Kant also helfen könnte, die Balance in dieser wahnsinnigen Zeit zu halten, sind Informationen. Da sie zum Reflektieren anstiften, können sie uns zu aufgeklärteren Menschen machen: Dass in Praktika, die länger als drei Monate dauern, der Mindestlohn gezahlt werden muss, zum Beispiel. Oder, dass Anwesenheitspflichten an der Universität im Grunde rechtswidrig sind. Wüsste der gemeine Studierende dies, könnte er:sie das administrative Chaos im Sein allein durch sein Wissen beherrschbarer machen. Wissen als Machtgarant. Die alte Formel.

Aber Vorsicht, der*die da nun denkt, es liege nur an einem selbst. Ganz so einfach ist es nicht. Es sei denn, man folgt dem neoliberalen Mantra, dass mensch für sein*ihr Glück selbst verantwortlich ist. Probleme, die trotzdem bleiben, sind: Nicht alle den den gleichen Zugang zu diesen Informationen, weil das strukturell gar nicht so erdacht ist. Nach Kant hat der Staat zum Beispiel ein Interesse daran, seine Bürger:innen zu infantilisieren. Und auch nicht alle können die wichtigen von den unwichtigen Dingen unterscheiden, weil ihnen die Ressourcen dazu fehlen.

Alltagswissen als Unterrichtsfach

Nicht zu wissen, um was es im Leben geht, sah irgendwann am Anfang des Jahres 2015 auch eine 18-Jährige Kölnerin so. Auf Twitter schrieb sie: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Wie es im Internet so ist, erntete sie vor allem Spott. Gleichzeitig bereitete sie aber auch den Boden für populistische Forderungen, wie sie unter anderem Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) danach tätigte. Kurz nach den 140-Zeichen der Teenager-Wutbürgerin forderte Wanka die Einführung eines Unterrichtsfachs namens Alltagswissen. Und auch Sigmar Gabriel (SPD) äußerte sich. Er fände ein Fach namens „Ökonomische Bildung“ ganz knorke.

Fruchtbare Forderungen in einem Land, in dem sich laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts YouGov 75 Prozent der Deutschen ein Schulfach namens Benehmen wünschen, oder finden, dass in der Schule „zu viel unnützes Zeug“ gelehrt werde. Ist also die (Hoch-)Schule Schuld an unserer Misere? Die Beantwortung dieser Frage kann nicht pauschal ausfallen, da sie abhängig davon ist, welchen Raum der Institution Schule und Universität zugesprochen werden soll. Mit jeder Bevormundung ginge immer auch ein Verlust von Freiheit einher, sagen da die einen; die Bevormundung sei in Zeiten der Orientierung ein Mittel erster Wahl, sagen die anderen.

Der Mensch braucht das Unglück

Noch schwieriger als mit dem Sein des Erwachsenwerdens verhält es sich aber mit dem Sollen. Die Orientierung, was für ein Mensch man sein und wie und nach welchen Werten man leben möchte, ist schließlich weitaus zeitaufwendiger und undurchsichtiger, als bei der Krankenversicherung um einen Tarifwechsel zu bitten. Einen Königsweg gibt es hier, trotz unzähliger Generation A-, B-, C-Analysen und „Wie finde ich heraus, was ich will“-Artikel, die um „das Glück“ zu finden, etwa alle unisono den hilfreichen Rat „Hauptsache positiv denken!“ geben, nämlich keinen.

Immerhin die – in diesem Fall psychologische – Wissenschaft weiß, dass es komplizierter ist. Dort weiß man: Auch negative Emotionen und ihr Ausleben sind wichtig, damit Menschen glücklich sein können. Emotionen wie Furcht und Angst dienen etwa dem wichtigen und unverzichtbaren Zweck, dass sie einem mitteilen können, wie es um einen steht. „Welchen Nutzen hätte ein Kompass, dessen Nadel bewegungslos auf Norden verharrt?“, fragt da beispielsweise Daniel Gilbert, Psychologe an der Harvard University.

Folgt man nun der Gleichung, dass der Sinn des Lebens das Glücklich- oder zumindest das Zufriedensein ist, nähert man sich der Entschlüsselung des Rätsels nach dem Ideal im Erwachsenwerden. Dieses, mit all seinen Facetten, ist kein Ziel, sondern ein Prozess, der erst mit dem Tod sein Ende erreicht hat. Bis dahin können wir uns fortwährend ausprobieren. So sehr stressen müssen wir uns also gar nicht. Und damit auch nicht mehr auf Peter Pan neidisch sein. Außer auf seinen Glitzerstaub natürlich. Weil, mal ehrlich, wer würde nicht gern fliegen können.

FOTO: CC Jo Christian Oterhals, unverändert

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PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin von 2014 - 2017.