Was bedeutet der Wirtschaftsnobelpreis 2016 für die Wissenschaft, Prof. Korn?

Was bedeutet der Wirtschaftsnobelpreis 2016 für die Wissenschaft, Prof. Korn?

Medizin, Physik, Chemie, Literatur, Frieden, Wirtschaft – für besondere Erkenntnisse auf diesen wichtigen Gebieten werden alljährlich die Nobelpreise verliehen. Für Fachfremde ist es aber oftmals schwierig, zu verstehen, wofür die Preisträger:innen eigentlich ausgezeichnet werden. PHILIPP hat mit Prof. Dr. Evelyn Korn, Professorin für Mikroökonomie, über die Besonderheiten der Vertragstheorie gesprochen.

PHILIPP: Holmström und Hart haben den Nobelpreis für ihren Beitrag zur Vertragstheorie erhalten – können Sie erst mal erklären, worum es bei der Vertragstheorie geht? Geht es da um ganz banale Verträge wie z.B. meinen Mietvertrag für mein WG-Zimmer oder ist das Ganze abstrakter?

Prof. Dr. Korn: Es kann ein solcher Vertrag gemeint sein, aber eigentlich meint der Begriff etwas anderes. Ich hatte an dem Tag, an dem die Nobelpreise verkündet wurden, mit Kollegen zu tun, die auch gleich Vertragsrecht (Anm. d. Red.: Vertragsrecht beschäftigt sich damit, wie ein schriftlicher Vertrag aufgesetzt sein muss und welche rechtlichen Vorschriften dabei zu beachten sind) gelesen hatten, weil das die Verbindung war, die im Kopf aufgeht. Darum geht es aber nicht. Ein Vertrag ist in unserer Vorstellung vielmehr jede Art von impliziter oder expliziter Absprache, nicht nur das geschriebene Stück Papier. Ein impliziter Vertrag ist zum Beispiel die Pünktlichkeit. Wenn man um elf Uhr verabredet ist, ist man um elf Uhr da. Wenn ich zu spät komme, habe ich den Vertrag gebrochen.

Soweit verstehe ich das. Aber wie wird daraus nun die Vertragstheorie?

Die Frage ist, was hält mich eigentlich dazu an, pünktlich zu kommen? Das ist zum Beispiel meine persönliche Motivation, dass ich ein pünktlicher Mensch sein möchte. Dann gibt es auf der sozialen Ebene noch die allgemeine Norm der Höflichkeit. Zu manchen Anlässen darf man eine Viertelstunde zu spät kommen, zu anderen muss man pünktlich sein. Das basiert immer noch auf einer impliziten Ebene, ist aber nicht mehr ganz so persönlich. Und dann kommen wir auch schon zur nächsten Ebene: Zum schriftlichen Vertrag. Da habe ich zum Beispiel eine Dienstleistung zugesagt und wenn ich zu spät komme, kann ich diese nicht mehr ordentlich erfüllen und muss vielleicht sogar eine Vertragsstrafe zahlen. Die Vertragstheorie schaut sich nun an, welche Verträge überhaupt geschlossen werden können, wie diese Verträge auf Menschen wirken und ob die Ziele, die in dem Vertrag verfolgt werden, überhaupt erreicht werden können. Und genau mit diesen Fragen haben sich auch Hart und Holmström befasst, indem sie nämlich vor allem in organisationalen Kontexten geschaut haben: Wie muss man solche impliziten und expliziten Verträge aufbauen und wie kann man implizite Verträge für die expliziten Verträge nutzen, damit die Vertragspartner das gewünschte Verhalten zeigen.

Okay und was war jetzt der neue Beitrag von Holmström und Hart zu dieser Theorie?

Die Idee, dass Menschen auf Anreize reagieren – das ist das, was die Elemente eines Vertrags ausmacht – die ist sehr alt. Schon Platon sprach davon, dass man Regeln braucht und wie man sie durchsetzt. Die Vertragstheorie an sich gibt es aber erst seit den 1970er Jahren. Sie fragt sich letztlich: Wo kommen die Regeln her? Wer macht sie, wie wirken sie, was müssten wir tun, wenn wir optimale Regeln haben wollten? Hart und Holmström haben diese Theorie viel im unternehmerischen Kontext untersucht. Da ist zum Beispiel eine wichtige Frage: Macht es Sinn, dass ein Unternehmen demjenigen gehört, der das meiste Geld hat? Oder sollte es nicht denen gehören, die die Arbeitskraft mitbringen? Und wie schafft man Anreize für beide Vertragspartner, damit eine möglichst optimale Lösung für ein funktionierendes Unternehmen gefunden wird und beide bestrebt sind, ihr Bestes zu geben?

Außerdem hat sich Holmström mit der Frage befasst, wie man Verträge in Situationen einsetzt, in denen das Ergebnis einer Handlung nicht klar beobachtbar ist. Hier wird gerne das Beispiel des Versicherungsvertreters herangezogen. Dieser soll möglichst überzeugend den Menschen gegenüber seine Versicherungen verkaufen. Der Chef kann dabei nicht überprüfen, ob der Vertreter sich wirklich alle Mühe gegeben hat. In einer Stadt wie Marburg, in der von den 80.000 Einwohnern ein Drittel Studentinnen und Studenten sind, die vielleicht noch Versicherungen über Mama und Papa laufen haben, hat ein Versicherungsvertreter wahrscheinlich schlechtere Chancen als einer, der in einer ähnlich großen Gemeinde am Starnberger See arbeitet. In solch einer Situation geht es darum, den Vertrag so zu gestalten, dass man dem Versicherungsvertreter, möglichst keine Chance gibt, sich hinter seiner Umwelt zu verstecken. Der Chef will also herausfinden: War der Vertreter einfach faul oder war der in Marburg? Wie man einen Vertrag gestalten kann, damit man das möglichst voneinander trennen kann, das ist eine Frage, mit der sich Holmström beschäftigt hat. Eine ganz wesentliche Erkenntnis daraus ist, dass man das nicht vollständig trennen kann. Also in dem Moment, in dem Informationen zwischen den Vertragspartnern asymmetrisch verteilt sind, ist es nicht mehr möglich, dass sie gemeinsam die bestmögliche Lösung erreichen. Und dann muss man schauen wie man die zweitbeste Lösung erreichen  kann.

Also soll der Vertrag es quasi schaffen, dass beide Vertragspartner:innen optimal erreichen, was ihre Ziele sind? Auch wenn das meistens nicht dieselben Ziele sind.

Genau. Und da sie nicht dieselben Ziele haben, hat natürlich immer derjenige, der den Vertrag gestalten kann, mehr Einfluss darauf, dass seine Ziele erreicht werden. Die Ziele des Anderen sind dann untergeordnet. Früher hat der Arbeitsvertrag viel mit impliziten Annahmen gearbeitet. Da war es selbstverständlich, dass man sich als Arbeitnehmer auf jeden Fall total für das Unternehmen einsetzen muss. Umgekehrt musste man sich genauso als Arbeitergeber für seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einsetzen. Inzwischen wurden die expliziten Verträge oft dahingehend geändert, dass man ein Fixgehalt hat, das den Grundeinsatz abdeckt und jede Leistung, die darüber hinausgeht, mit einem Bonus bezahlt werden muss. Durch die Änderung der expliziten Verträge, haben sich auch die impliziten verändert.

Also zusammenfassend: Hart und Holmström haben keine Klauseln oder sonst was geschrieben, die in Verträgen am besten vorkommen sollten, sondern haben Veträge abstrakter, theoretisch betrachtet.

Ganz abstrakt, genau. Das ist ein ganz abstraktes, mathematisches Gebiet in der Ökonomie. Ein aktuelles Beispiel, an dem erkennbar wird, wie abstrakt die Fälle in der Vertragstheorie sein können, hat Trump geliefert: Er hat sich sehr ablehnend gegenüber Einwanderern geäußert und hat ja diese These, dass er eine Mauer bauen möchte. Ein Effekt davon – unabhängig ob er die Drohung wirklich wahr macht und die Mauer baut oder nicht – ist jetzt schon, dass sich rassistische Gewalt im Süden der USA ausbreitet und im Grunde Leute, die aussehen als könnten sie aus Lateinamerika kommen, durch die Polizei de facto nicht mehr zu schützen sind. Das heißt, dass durch diese Äußerung an dem impliziten Vertrag,  wie man miteinander umzugehen hat, etwas geändert worden ist. Bei der Gestaltung von expliziten Verträgen ist es daher zentral, auch die impliziten Wirkungen mitdenken zu können.

Als letzte Frage: Man hat immer mal gehört, dass nicht alle unbedingt einverstanden waren mit der Verleihung des Nobelpreises an Hart und Holmström. Würden Sie sagen, dass sie den Preis zurecht erhalten haben?

Die Diskussion hatte ja verschiedene Aspekte. Es gibt den Ansatz der pluralen Ökonomik, der sich auf den Standpunkt stellt, dass die Theorien, die bisher genutzt wurden, darin versagt haben, die Wirtschaft zu erklären und wir deshalb neue Ansätze brauchen. Der Wunsch war daher, dass man dies durch einen Nobelpreis eher äußern könnte, indem man ihn an eine außergewöhnlichere Theorie oder eine ganz neue Idee vergibt. Die Wahrnehmung war, dass das, was Hart und Holmström tun, absoluter Mainstream ist. Es war also eine langweilige Entscheidung, das war die Kritik. Aber, dass die beiden Großes geleistet haben, stellt, glaube ich, niemand in Frage.

ZUR PERSON: Prof. Dr. Evelyn Korn folgte 2004 einem Ruf an die Universität Marburg an den Fachbereich Wirtschaftswissenschaften. Hier arbeitet sie auf dem Gebiet der Mikroökonomie.

FOTO: CC Steve Snodgrass auf flickr.com, unverändert

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Studiert Geographie, reist gerne, tanzt gerne und liebt Theater.