Wir brauchen mehr Wut

Wir brauchen mehr Wut

Dass der neue Präsident der USA den Klimawandel gern ins Lächerliche zieht, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Klimaschutz steht nicht auf seiner Agenda und darüber regen wir uns gern auf. Aber was ist eigentlich mit unserer eigenen Agenda? Sieht es da besser aus? Bei den meisten von uns eher nicht. Zeit, sich mal an die eigene Nase zu fassen, findet unsere Autorin.

Etwa drei Monate ist Trump nun offiziell im Amt und poltert und plärrt seitdem rücksichtslos durch die Weltpolitik, zerschlägt hier eine Brücke, zieht dort eine Grenze und verletzt mühsam erworbene Werte. Trump ist laut, fordernd, unbeirrbar. Aber zu einem Thema will er Stille. Das streicht er klammheimlich von der Seite des Weißen Hauses und tut es gern mit einem herablassenden Lächeln ab: Den Klimawandel. Was Trump darüber selbst glaubt oder nicht ist nicht immer ganz klar. Zu oft verirrt er sich in seinen eigenen Aussagen. Was er seine Anhänger und all diejenigen, die es sonst noch hören wollen, hingegen ganz eindeutig glauben machen will: Um den Klimawandel brauchen wir uns nicht zu sorgen, so lange es der Wirtschaft gut geht. Diese Lüge könnte die vielleicht verhängnisvollsten Folgen aus dieser Präsidentschaft hervorbringen. Deshalb – fand man in der PHILIPP-Redaktion – ist es Zeit für eine Wutschrift. Eine Wutschrift nicht nur an Trump, sondern auch an all diejenigen, die den Klimawandel in ihrem Alltag nur zu gern verdrängen. Also setzte ich mich an meinen Schreibtisch und erwartete, dass die Worte nur so aus mir heraussprudeln würden. Aber nichts. Ich saß eine geschlagene Stunde vor meinem Laptop und es tat sich nichts. Also klappte ich ihn wieder zu und wartete auf die Inspiration.

Zwei Wochen erfolgreicher Prokrastination brachten eine Erkenntnis  

Gar nicht so leicht eine Wutschrift über etwas zu schreiben, das mich grade gar nicht so wütend macht. Ich weiß, dass es mich wütend machen sollte. Ich weiß auch, dass es mich mal wütend gemacht hat. Aber momentan scheint so vieles so viel wichtiger. Ich könnte eine ganze Reihe von Wutschriften verfassen: An meinen Mitbewohner zum Beispiel, der seine Barthaare allmorgendlich großzügig im Waschbecken verteilt, es gleichzeitig aber auch nie versäumt, eine bissige Bemerkung zu machen, wenn jemand seinen Putzdienst einen Tag zu spät erledigt. Oder an meinen BAföG-Sachbearbeiter, der die Ruhe weg zu haben scheint, während ich die ersten drei Monate jedes neuen Semesters einen harten Sparkurs mit Butternudeln einschlage. Aber eine Wutschrift an die Klimawandelverdrängenden? Schwierig. Je mehr ich mich damit beschäftige, was ich schreiben soll, desto stärker merke ich, dass ich wohl oder übel zu allererst vor meiner eigenen Tür kehren muss.

Der „Klimawandel“ ist schon so lange präsent in meinem Leben und wie gesagt, früher hat er mich auch mal gepackt. Hat an meinem Gewissen gerührt und es hat mich wütend gemacht, dass niemand ernstlich etwas zu tun scheint. In meinem Regal staubt ein Buch aus dieser Zeit vor sich hin: 100 grüne Lösungen, die unsere Erde retten können. Al Gores „inconvenient truth“ direkt daneben. Ab und an zappe ich in eine Doku über den Klimawandel und lasse sie aus schlechtem Gewissen fünf Minuten laufen. Dann schalte ich um und denke mir, morgen guckst du mal wieder in das Buch – (Plot-twist: Ich mache es nie).

„Welcher Klimawandel? Draußen ist es doch eiskalt?!“

Manchmal ertappe ich mich sogar dabei, wie ich es gar nicht so abwegig finden will, dass der Klimawandel nur eine weltweite Verschwörungstheorie ist. Dann müsste ich rein gar nichts tun und stünde am Ende sogar als die Schlaue da, die sich von solchen Faxen nicht hat beeindrucken lassen. Die Schreckensnachrichten über das Fortschreiten des Klimawandels, die ab und an durch die Nachrichten tingeln, dringen nicht wirklich zu mir durch. Zwar höre ich von einem Tipping Point, den wir erreicht haben und dass wir, wenn wir so weitermachen wie bisher, bald drei Erden bräuchten, um zu überleben. Aber außer einem kurzen beklemmenden Gefühl, löst das nichts mehr in mir aus. Es stellt sich keine Wut mehr ein, sondern Resignation. Weil alles so viel zu groß, so viel zu weit fortgeschritten und so unveränderbar erscheint.

Ich wünschte, die Wut käme wieder, denn mit ihr war da Energie und der Wille, etwas zu ändern. Die Resignation ist gemütlicher, aber auch erdrückend. Sie wiegt mich in einer Art Trance, beruhigt mein schlechtes Gewissen und flüstert mir zu: „Irgendwer wird schon was machen. Du allein kannst da eh nichts tun.“ Aber es macht niemand was. Ganz im Gegenteil, eine ganze Nation wählt sich den toupettragenden, orangen Inbegriff der Resignation an die Spitze, der sie glauben lassen will, es gäbe keinen Grund, sich Sorgen zu machen, und ein schlechtes Gewissen brauche niemand zu haben. Ganz zu schweigen von Wut. Dieses direkte Abstreiten erschreckt mich. Es macht mir Angst, weil ich mich nicht mehr darauf verlassen kann, dass „die da oben“ schon versuchen, etwas zu ändern. Stattdessen ist da nun einer, der ganz offen zugibt, dass er sich darum nicht kümmern wird. Er wird nicht dafür sorgen, dass wir in Zukunft umweltschonende Autos fahren, dass Fracking gestoppt wird, dass Wälder geschützt und Flüsse nicht vergiftet werden, dass Lebensräume bestehen bleiben, und dass die Eisbärenmami von der ZDF-Info Dokumentation ihre Babies großziehen kann. Und nicht nur das, er leugnet auch noch, dass all das nötig wäre.

Leider bin ich nicht dumm. 

Er will mich für dumm verkaufen. Nur leider bin ich nicht dumm. Ich weiß Bescheid. Ich bin einfach nur zu faul, um das zu nutzen. Zu faul und zu mutlos. Und das ist fast noch schlimmer als dumm. Ich feiere meine Faulheit, ich feiere sie mit euch allen. 106 Upvotes auf Jodel dafür, dass ich gestern Nacht noch fünf Folgen meiner Serie geschaut hab und jetzt zu faul bin, den neuen Tag zu beginnen. Wilde Zustimmung, weil ich heute nichts gemacht, sondern mich so richtig „winterlich“ in meinem Bett verkrochen hab. Und ich bedanke mich für den Applaus, weil er meine Mutlosigkeit übertönt. Meine Angst, mich dem zu stellen, was das aktuellste Thema unserer Zeit ist. Weil ich mich vor dem Gefühl der Machtlosigkeit mehr fürchte, als ich Mut aufbringen kann, das bisschen Macht zu nutzen, das ich habe. Das Gefühl, alleine nichts erreichen zu können, das Gefühl der Sinnlosigkeit dessen, was man so versucht im Alltag zu ändern – das alles lähmt. Aber ich kann es mir nicht mehr erlauben, gelähmt zu sein, mich lähmen zu lassen. Nicht mehr, wenn ich nun auch die Illusion aufgeben muss, dass das schon jemand macht, dass es genug Andere gibt, die das Problem erkennen und Verantwortung übernehmen.

Dass wir das Licht ausmachen wenn wir die Wohnung verlassen, nicht unnötig heizen und beim Einkaufen auf Bioware aus der Region setzen sollten, ist uns wahrscheinlich allen bekannt. Und die Frage, ob wir heute mal das Fahrrad anstelle des Autos nehmen, erübrigt sich für die meisten. Was aber noch viel wichtiger ist, ist dass wir über das Thema sprechen. Der Klimawandel braucht einen Raum in unserem Alltag und zwar nicht nur irgendwo in unseren Hintergedanken. Wie wäre es zum Beispiel, nicht zum fünften Mal das merkwürdige Tinder-Date mit den Freunden durchzukauen, sondern es bei vier Mal zu belassen und sich dann über den Klimawandel auszutauschen? Je mehr wir darüber sprechen, desto mehr Ideen dazu was wir tatsächlich tun können, werden uns kommen. Dafür müssen wir uns informieren und unseren Gedanken eine Stimme geben. Nicht die Augen verschließen, sondern informiert bleiben, immer informiert bleiben. Denn es kommt nichts von „oben“, solange wir „unten“ in unserer gemütlichen Depression verharren. Wir müssen unsere Unzufriedenheit ausdrücken – und dafür brauchen wir Wut. Ich weiß, dass Wut negativ besetzt ist in Zeiten der Wutbürger. Aber ein bisschen Wut tut gut. Lasst uns wütend sein über alles, was wirklich ungerecht ist. Lasst uns wütend werden, wenn Menschen ihre Heimat und Tiere ihren Lebensraum verlieren, wenn Natur zerstört wird, um Erdöl zu gewinnen, damit wir unseren bequemen Lebensstil fortführen können. Lasst uns wütend sein wenn uns jemand weißmachen will, dass das alles nicht so schlimm sei. Und lasst uns nicht die Resignation gewinnen. Vertreiben wir sie mit Taten.

FOTO: CC kurrija auf flickr.com, unverändert

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Studiert Geographie, reist gerne, tanzt gerne und liebt Theater.