Zwischen Mansaf und Moderne

Zwischen Mansaf und Moderne

Ein Auslandssemester in Jordanien. Das klingt nach vielen Gefahren und einer abenteuerlichen Lebensmüdigkeit. Das haschemitische Königreich ist im Nahen Osten jedoch eines der wenigen Länder, in dem von den umliegenden Problemen nur wenig zu spüren ist. Mehr noch, die staatliche Sicherheit funktioniert einwandfrei und auch der Islamische Staat (IS) traut sich nicht, öffentlich wirksam zu werden.

Diese Gegebenheiten verleiteten mich dazu, in Amman einen Arabisch-Sprachkurs zu belegen. Da ich auch die kulturellen und sozialen Aspekte in der eher konservativen (Stammes-)Gesellschaft kennenlernen wollte, entschied ich mich dazu, für zwei Monate bei einer jordanischen Familie zu leben. Über couchsurfing lernte ich eine beduinische Familie kennen, die jedoch nicht mehr in Zelten, sondern in einer großen Villa haust. Unter Beduinen versteht man nomadische WüstenbewohnerInnen, die zumeist von der Viehzucht leben und mit eng mit ihrem jeweiligen Stamm verknüpft sind. Sie boten mir an, bei ihnen zu bleiben und ich nahm die Herausforderung an.

Zeit spielt (fast) keine Rolle

Bei einer jordanischen Familie leben? Von meinen Kommiliton*innen belächelt, ließ ich mich nicht beirren und zog nach Mahis, einem kleinen Dorf im Umland von Amman. Die Familie besteht aus Mama und Papa sowie vier Kindern, die in einer geräumigen Villa leben. Sie gehört dem ‘Abbadi-Stamm an, der mit ungefähr 350.000 Anhängern zu den großen Stämmen in Jordanien zählt. Im Dorf wohnen überwiegend Mitglieder*innen desselben Stammes. Viele Familien sind konservativer als in der weltoffenen Hauptstadt Amman, da sich Menschen aus dem Westen nur selten hierhin verirren. Mein Gastbruder Oday (24) gab mir vor dem Einzug einige Tipps, auf die ich achten solle. Im Nachhinein hätte er vielleicht lieber ein ganzes Seminar abhalten sollen.

Seit langer Zeit im Mittelpunkt der herrschenden Dynastien: Amman, die Hauptstadt Jordaniens.
Seit langer Zeit im Mittelpunkt der herrschenden Dynastien:
Amman, die Hauptstadt Jordaniens.

Ich stand immer mit dem jüngsten Gastbruder (Obay, 14) um 6 Uhr auf. Er musste zur Schule, ich zur Universität. Die drei anderen Gastgeschwister (Oday, 24; Hala, 23; Qusay, 19) hingegen schliefen bis zum Mittag – dann war das Essen fertig, zubereitet von einer eigens dafür eingestellten Hausfrau. Bis zum Morgengrauen aufbleiben ist bei ihnen die Regel, keine Ausnahme. Nicht fehlen darf: natürlich, die Shisha! Diese gehört zum alltäglichen Abend wie der Sonnenaufgang zum nächsten Morgen. Während der Rauch der Wasserpfeife das komplette Wohnzimmer einnebelte, kamen die Freunde. Denn nach einem harten Tag des Ausruhens war eine Entspannung bitter nötig. Zusammen wurde das aus dem Ausland exportierte Kultgetränk – Red Bull – getrunken sowie Karten gespielt. Auf meine Frage, welche Pläne momentan verfolgt werden, bekam ich die Antwort: „Doch nicht im Winter! Ich mache jetzt mein drittes Urlaubssemester. Hala hat zwar letztes Jahr schon ihren Abschluss gemacht, ihrer Meinung nach jedoch hart dafür geschuftet, sodass sie noch einige Monate Pause braucht. Qusay ist momentan in der Findungsphase, will vielleicht irgendwas mit Architektur machen.“ Und sowieso: „Mohammed, ein Fehltag in der Uni ist kein Fehltag. Komm‘ und spiel mit!“ Diesen Satz hörte ich jeden Abend, während ich vor meinen Hausaufgaben saß. Es war unverständlich, wieso ich um 8 Uhr morgens in der Uni sein musste. Ich lernte, dass die Zeit unendlich sein kann.

Die politische Ader

Es ist kein Zufall, dass meine Gastgeschwister nach den Kindern von Saddam Hussein, dem ehemaligen Präsidenten des Iraks, benannt sind. Der Familienvater studierte in Bagdad und erhielt ein Stipendium von der irakischen Baath-Partei, weshalb er seitdem für deren Ideale und Vorstellungen eintritt. Die Idee eines panarabischen Staates ist in der Familie nicht gestorben. Generell fällt mir auf, dass die Familie politisch interessiert ist und auch vor Kritik an das Königshaus nicht zurückschreckt – in Maßen, versteht sich. Ich wollte wissen, wie sie zu den Verbrechen gegen die Menschlichkeit stehen. „Saddam Hussein hat vielleicht einige kleine Taten begangen, aber vor allem der Bevölkerung geholfen und auch den Ärmsten Aufstiegschancen ermöglicht!“. Ich hakte nach: Was ist mit den Genoziden und Unterdrückungen in den kurdischen Gebieten? „Alles Terroristen, die ihn stürzen wollten und das bekamen, was sie verdienten“. Die Verschwendung von Steuergeldern für seinen dekadenten Lebensstil? „Er ist ein Präsident und hat es verdient, sich auch mal etwas zu gönnen.“ Danach vermied ich es, die Person Saddam Hussein zu erwähnen. Wenn die Nationalmannschaft des Iraks spielte, wurden die alten Porträtbilder herausgeholt – ein Grund, an diesen Abenden ein „wichtiges Referatstreffen“ zu haben.

Mein erstes Mansaf
Mein erstes Mansaf

Eines Tages bekam die Familie Besuch. Zwei fremde Männer saßen plötzlich im Wohnzimmer und aßen mit uns. Sie übernachteten im Gästezimmer und ich erfuhr: In beduinischen Familien ist es üblich und eine Frage der Ehre, Fremde und Reisende für drei Tage zu beherbergen – inklusive Verpflegung, Übernachtung und allem, was dazu gehört. Erst nach drei Tagen fragt man „Wer seid ihr und wie können wir euch helfen?“. Ich wollte wissen, woher diese Regel kommt. „Sie gehört zu unserer Tradition, als die Beduinen noch nicht sesshaft waren und oft ihren Wohnort wechselten. Deshalb nehmen wir auch Couchsurfer*innen auf.“ Die Gastfreundschaft entstand aus einer Notwendigkeit mit dem Ziel des Überlebens in einem der feindlichsten Lebensräume: Der Wüste.

DAS kulturelle Ereignis: die Hochzeit

Ein kulturelles Ereignis auf dem Lande sind die Hochzeiten. Leider gibt es so viele von ihnen, dass man gefühlt jeden Freitag auf einer eingeladen ist. Das Besondere an diesen ist, dass sie geschlechtergetrennt sind – es ist unvorstellbar, dass Frauen und Männer zusammensitzen. Während einer traditionellen jordanischen Hochzeit sitzen die Männer auf Plastikstühlen und versuchen sich trotz der überhöhten Musiklautstärke zu unterhalten, was eigentlich unmöglich ist. Als „Fremder“ stand ich natürlich unfreiwillig im Mittelpunkt und voller Stolz wurde ich vielen Leuten vorgestellt, die ich noch nie gesehen hatte. Nachdem wir erfolglos versuchten, unsere Nachbarn nach ihrem Wohlbefinden und dem Wetter zu fragen, wurden die Tische für das Essen vorbereitet. Üblicherweise wird das jordanische Nationalgericht Mansaf serviert. Das Gericht besteht hauptsächlich aus Lamm und Reis und wird auf einem großen Tablett namens Mansaf serviert, nach dem es auch gleich benannt wurde. Mein Vorschlag, das Fleisch durch Gemüse zu ersetzen, damit auch Vegetarier*innen in den Genuss kommen können, wurde leider mit Entsetzen aufgenommen: „Das ist Tradition, das dürfen wir nicht ändern“, war die wenig verständnisvolle Antwort. Nach dieser Tradition wird im Stehen und mit der Hand (!) vom zentralen Tablett gegessen, ohne Messer und Gabel.

Mansaf, soweit das Auge reicht.
Mansaf, soweit das Auge reicht.

Ob gut oder weniger gut betuchte Paare heiraten, erkennt man übrigens meist an der Menge Essen, das an die hungrigen Gäste verteilt wird – beim nächsten Fest durfte ich in die Küche und das gesamte Ausmaß begutachten. „Heute haben wir für euch insgesamt 1100 kg Reis und 42 geschlachtete Lämmer gekocht“, erzählte mir der stolze Koch, Cousin des Bräutigam. Es gab so viele Tabletts, dass viele von ihnen auf den Boden gestellt werden mussten. Ein wahres Festmahl für das komplette Dorf! Dass nach der Hochzeit ein Großteil des Essens übrigblieb und weggeschmissen wurde, war allerdings eine unrühmliche Begleiterscheinung dieser Verschwendung. Ich fühlte mich kulturell bereichert und genoss es, die jordanische Gesellschaft zu erkunden, trat jedoch auch in ungeheuerliche Fettnäpfchen. So beispielsweise während des islamischen Gebetsrufes. Es ist nahezu skandalös, währenddessen Musik zu hören. Hierbei ruft der Muezzin von der Moschee aus zum Gebet. Damit es auch alle hören, gibt es an jeder Straßenecke überdimensional große Lautstärker, die fünfmal am Tag (der erste Ruf ertönt gegen 05:20 Uhr) ertönen. Da ich immer mit Kopfhörern in den Ohren lernte, bekam ich die Rufe gar nicht erst mit und wunderte mich, wieso ich böse Blicke erntete.

Der unterentwickelte Westen

Auf dem traditionellen Lande ist es eher ungewöhnlich, dass Menschen – dazu in kurzen Sportklamotten – öffentlich Sport treiben und joggen gehen. Vor allem werden diese sonderbaren Sportler*innen von Menschen belächelt, die im Café sitzen, Wasserpfeife oder Zigaretten rauchen und zuckerhaltige Erfrischungsgetränke zu sich nehmen. Als leidenschaftlicher Sportler gewöhnte ich mich relativ schnell an die Blicke und genoss schließlich die Aufmerksamkeit – sogar ein Kamel fand mich interessant und begleitete mich ein Stück! Das ging bis zu dem Tag gut, an dem ich in kurzen Kleidungsstücken an der örtlichen Moschee vorbeijoggte, während die Gläubigen diese zeitgleich verließen. Einigen muss es einer Katastrophe gleichgekommen sein, einen nichtbetenden, joggenden jungen Mann zu sehen. Das jedenfalls berichtete mir später mein Gastbruder, der die Gemüter beruhigen musste, indem er auf meine westliche Kultur und Sozialisation aufmerksam machte, die geradezu unterentwickelt sei.

Völlig beeindruckt, joggt hinter mir ein echtes Kamel her.
Völlig beeindruckt,
joggt hinter mir ein echtes Kamel her.

Wo wir schon dabei sind: Ein unbedingt zu beachtendes No-Go ist übrigens, die Beine übereinanderzuschlagen, wenn jemand neben dir sitzt! Das ist ein Schrecken für jede*n jordanische*n GastgeberIn. Die Person wird es sich zwar nicht anmerken lassen, jedoch gilt dieser Akt als große Unhöflichkeit und wird lediglich missbilligend toleriert.

Darf’s noch ein bisschen Zucker sein?

Bei jeder Gelegenheit, ob zum Essen, bei Besuch, während der Pause oder einfach nur zum Zeitvertreib, gehört schwarzer Tee dazu. Dieses Getränk nach arabischer Art fördert nicht nur die Gesundheit, sondern auch Karies. Das besondere am Tee in der arabischen Welt ist nämlich der Zuckergehalt – dieser ist meist so hoch, dass Diabetes eine ganz andere Bedeutung als Volkskrankheit bekommt. Passend hierzu gibt es süßes Gebäck, das in großen Mengen mitgegessen wird. Lehnt man dankend ab, wird dies als unhöfliche Geste gegenüber dem*der Gastgeber*in  verstanden. Die Frage, wie viel Zucker in den Tee soll, ist fast überflüssig: Eher sollte man fragen, wie viel Tee in den Zucker soll.

Vor lauter Zucker weiß man nicht mehr, wo der Tee hin soll.
Vor lauter Zucker weiß man nicht mehr, wo der Tee hin soll.

Nach zwei Monaten entschied ich mich dazu, mit Freunden in eine WG zu ziehen. Diese Wohnform vermisste ich besonders an dem deutschen Uni-Alltag und wollte sie nun auch im Ausland auskosten. Die lehrreiche Zeit gab viele Einblicke in die Stammesgesellschaft Jordaniens und ich bin froh, diesen Schritt gewagt zu haben.

FOTOS: Mohammed Al Hayek

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