So geht Feiern in Jordanien

So geht Feiern in Jordanien

Silvester. In der westlichen Gesellschaft ein beliebter Feiertag, der auch stets ordentlich gefeiert wird. Mit Raketen, die in die Luft gejagt und Böllern, die gezündet werden. Und manchmal auch zu viel Sekt, der aber dazu gehört. In Jordanien sieht das alles ein bisschen anders aus. Für PHILIPP hat Mohammed, der dort gerade sein Auslandssemester verbringt, deshalb aufgeschrieben, wie deutsche und jordanische Studierende zusammen den letzten Tag des Jahres verbrachten.

In islamischen Ländern wird Silvester kaum Beachtung geschenkt. Kein Wunder, denn Silvester ist eine ziemlich christliche Tradition, die auf die gregorianische Kalenderreform aus dem Jahr 1582 n. Chr. zurückgeht, wo man beschloss, den letzten Tag des Jahres vom 24. Dezember auf den 31. Dezember – den Todestag des Papstes Silvester I. – zu verlegen. Und um unseren jordanischen Kommiliton*innen mit diesem Brauch näher vertraut zu machen, beschlossen die deutschen Studierenden, ein für ihre Begriffe ganz traditionelles Silvesterfest auszurichten. Natürlich durfte hier das ausgiebige Silvesteressen im engen Kreise der Freunde nicht fehlen. Den ersten Teil des Abends planten wir somit für das altehrwürdige Raclette ein. Doch weil nach dem reichhaltigen Essen einige der Anwesenden schon schläfrig wurden, beschlossen wir einen kleinen Spaziergang zu machen. Dabei bemerkten wir, dass die Läden anscheinend verplant hatten, dass bald ein neues Jahr voller Möglichkeiten und Hoffnungen eingeläutet wird – jedenfalls deutete nichts auf einen besonderen Abend hin. Nur die Überreste von Weihnachten ließen erahnen, dass Silvester nicht mehr weit weg war.

Getting ready for the party

So langsam nahte die Party. Letzte Einkäufe wurden beschafft, darunter vor allem große Mengen an Bier. Leider kein deutsches, denn in Jordanien wird das lokal hergestellte Bier der Marke Amstel bevorzugt. Aber Guinness und Heinecken, die als Exportprodukte geduldet werden, waren auch okay. Gegen 22 Uhr trudelten unsere Kommiliton*innen ein. Auch der selbsternannte DJ Haytham, eigentlich ein Student der Ingenieurwissenschaften, war schon anwesend und eifrig dabei, sein Podest herzurichten. Viele der Gäste brachten weitere Freunde mit, da sich unsere Hausparty und die Art der Getränke herumgesprochen hatte – in einem muslimischen Land wie Jordanien eine der seltenen Gelegenheiten, unbeobachtet von der Familie Alkohol zu trinken. Leider sollte sich später genau das rächen, denn der bewusste Umgang mit Alkohol muss erst einmal durch Erfahrungen erlernt werden, während viele von unseren jordanischen Freunden zum ersten Mal ein Bier tranken. Das führte dazu, dass die Hemmschwelle enorm sank und wir uns über einige wunderten, die bisher eher durch konservative Meinungen aufgefallen waren. Nun tanzten diese hemmungslos zu Haytham’s Musik und erfreuten sich sichtlich an der guten Stimmung. Anfangs versuchten wir es mit deutscher Schlagermusik, allerdings gaben wir das schnell auf. Es wurde arabische Popmusik aufgelegt, viele Lieder waren patriotisch und schwärmten vom Königreich. Andere Gäste sahen abseits der Tanzfläche und spielten Backgammon, tranken hierzu gesüßten Schwarztee und rauchten Wasserpfeife. Ich wurde eingeladen, an dem wahrscheinlich ältesten Brettspiel der Welt teilzunehmen und musste erst einmal die Regeln erlernen.

Die Party als sichere Atmosphäre Abdullah, ein ansonsten schüchterner Kommilitone, verwandelte sich in einen tollen Entertainer und erzählte witzige Geschichten über das Leben in der seiner Meinung nach spießigen, jordanischen Gesellschaft. Seine Anekdoten über Traditionen und Bräuche fanden in der großen Gruppe viel Gehör und bald beteiligten sich auch andere an den Erzählungen. Meryam, aus strengem Elternhause stammend, konnte auf der Party endlich mit ihrer Jugendliebe, Omar, tanzen. Beide mussten sich immer größtmögliche Mühe geben, die Gefühle füreinander zu verbergen, denn Omar kommt aus einer armen Familie und würde die reichen Eltern von Meryam niemals beeindrucken können. Doch heute war das alles egal; die beiden konnten sich unbesorgt in den Armen liegen und den Abend genießen.

Die Party als sichere Atmosphäre

Um Mitternacht wurde der Countdown lauthals mitgesungen, während außerhalb des Hauses alles ruhig war – von Feuerwerkskörpern keine Spur. Es war überwältigend, so viele fröhliche Menschen zu sehen, die sich nicht um den morgigen Tag kümmerten und den Moment genossen. Der erste Tag im neuen Jahr sah dann aber ganz anders aus: Mit einem kleinen Kater erwacht, kamen langsam die Erinnerungen an den vergangenen Abend zurück und bruchstückhaft auch die gemachten Vorsätze, welche schon sehr bald hinfällig wurden. Erst einmal standen die Reste vom Vortag ganz oben auf der Speisekarte. Es gab kaltgewordenen Raclettekäse und in Sekt aufgeweichte Chips. Das neue Jahr fing also genau so an wie das letzte. Doch selbst das sind Zeichen für den Erfolg der Party: Auch Tage später redete der ganze Campus noch darüber. Selbst einige deutsche Lehrkräfte sprachen uns auf das Event an und beneideten uns darum – sie wären gern dabei gewesen. Pläne, noch einmal solch eine Party zu veranstalten, verwarfen wir. Denn Januar und Februar sind die Hochphasen für die Klausuren und wir vergruben uns in der Unibibliothek. Kurz nach der Klausurphase wurde es  dann leider auch Zeit, sich von Jordanien zu verabschieden.

FOTO: hopeless128 auf flickr.com, CC-Lizenz

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