Was machen eigentlich … die Student*innen der Europäischen Literaturen?

Was machen eigentlich … die Student*innen der Europäischen Literaturen?

Schon mal damit geliebäugelt, das Fach zu wechseln oder einfach mal in ’ne Vorlesung zu setzen, damit man versteht, was der*die Mitbewohner*in da immer so faselt? In unserer Reihe „Was machen eigentlich…“ geben Fachfremde Einblicke in die Studiengänge unserer Uni. So auch Jurastudentin Susanna, die sich zum ersten Mal in die Phil-Fak wagt, um herauszufinden, was im Fach „Europäische Literaturen“ eigentlich so passiert.   

Es mag vielleicht den einen oder die andere Leser*in dieses Textes überraschen, aber es ist tatsächlich möglich, acht Semester in Marburg zu studieren, ohne jemals einen Fuß über die Schwelle der Phil-Fak gesetzt zu haben. Zum Beispiel, wenn man Jura studiert. Da alle unsere Veranstaltungen in der Innenstadt stattfinden und auch die Fachbereichsbibliothek – wenigstens steht das Savignyhaus der Phil-Fak in Sachen architektonischer Eleganz in nichts nach – unmittelbar nebenan liegt, bestand für mich bisher einfach keine Notwendigkeit, den Teil des Campus jenseits der Mensa zu besuchen. Trotzdem bin ich neugierig: Was machen die eigentlich in der Phil-Fak?

In meiner Vorstellung jedenfalls wird dort viel diskutiert. Kritische junge Akademiker*innen kämpfen gegen den Kapitalismus, gegen Fremdenhass und Homophobie, manche wohl auch gegen Fleischkonsum, Massentierhaltung und die Produktionsbedingungen in Dritte-Welt-Ländern. Hier wird gegendert, vegan gekocht und „Burschis kloppen“ auf Klotüren gekritzelt. Dass sich die „richtigen“ Studenten in Marburg nicht im Savigny- oder Landgrafenhaus aufhalten, ist wohl keine große Neuigkeit.

Die Veranstaltungen tragen aufregende Namen

Interessant hört sich für mich der Studiengang „Europäische Literaturen“ an. Ich lese gern und viel und fühle mich auch irgendwie als Europäerin. „Super, Entscheidung getroffen!“, denke ich mir und hoffe gleichzeitig, dass die richtigen Student*innen dieses Fachs ihre Wahl mit einer etwas dezidierteren Begründung getroffen haben. Ein erster Blick ins Vorlesungsverzeichnis verrät mir, dass die Veranstaltungen jedenfalls deutlich aufregendere Namen haben, als in meinem Fachbereich, in dem jeder Vorlesungstitel auf „-recht“ endet. „Literatur und Mystik“, „Der deutsche Griechenwahn“ oder „Anthropologie des Todes in Renaissance und Barock“ versprühen durchaus eine gewisse Dramatik. Ich entscheide mich schließlich für „Literatur und Kunst um 1900“ bei Prof. Dr. Volker Mergenthaler, weil mir aus meinen Deutsch-LK-Zeiten immerhin mehr als 50 Prozent der in der Inhaltsbeschreibung genannten Schriftsteller*innen vage bekannt vorkommen.

„Europäische Literaturen“, erfahre ich, ist in einen Pflichtbereich und zwei Wahlpflichtbereiche aufgeteilt. Während im Pflichtbereich allgemeine Kenntnisse der europäischen Kultur- und Literaturgeschichte vermittelt werden, können im Wahlpflichtbereich zwei Literatursprachen gewählt werden. Und zwar: Deutsch, Englisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Keltisch, Latein und Spanisch. Die Vorlesung, die ich ausgesucht habe, gehört zum Wahlpflichtbereich „Deutsche Literatur“ – deswegen sitzen dort auch noch Deutsch-Lehramtsstudent*innen und Germanist*innen.

Geflügelte Wörter

So richtig viele Zuhörer*innen sind wir dann aber doch nicht. Dies mag allerdings auch an der Uhrzeit liegen: Die Vorlesung beginnt um 8.30 Uhr am Donnerstagmorgen. Insgesamt trudeln nach und nach etwa 45 Personen ein, wobei der Mädchenanteil erwartungsgemäß hoch ist. Der Hörsaal gefällt mir extrem gut. Er hat nämlich Fenster, durch die die ersten Sonnenstrahlen des Tages fallen. Die Sitze sind gemütlich und – und dies kommt wirklich von Herzen – ich freue mich über die geraden Tische, die das Mitschreiben ungemein erleichtern, weil nicht ständig etwas auf den Boden zu rutschen droht. Ganz ehrlich, wer entwirft schräge Tische? Außerdem ist es angenehm warm.

Fast pünktlich geht es los. Der Aufbau der Veranstaltung gestaltet sich im Wesentlichen wie folgt: Professor Mergenthaler liest eine Passage aus einem Werk oder einer Rezension vor und erklärt danach den Text, bestimmte Ausdrücke oder Fremdwörter – „Verlegenheitsidealismus des Philistertums“ zum Beispiel. Damit ist die verklärende Weltsicht der spießigen Bevölkerung gemeint, der die Naturalist*innen seit Mitte der 1880er mit ihren Texten entgegenzuwirken versuchten.  Schwerpunktmäßig dreht sich die Sitzung um drei Spätwerke von Theodor Fontane – „Stine“, „Frau Jenny Triebel“ und „Effi Briest“. Prof. Mergenthaler weiß wohl, dass nicht jede*r zu Schulzeiten ein Fan von Effi Briest war: Man könne Effi ruhig doof und langweilig finden, erklärt er, das dürfe man nur nicht sagen, weil sonst diejenigen, die das Werk ganz toll fänden, schnell beleidigt wären. Bevor er ein neues Werk einführt, fragt der Dozent jedes Mal, ob jemand das Buch gelesen hat. Über die – zugegebenermaßen spärlichen – Meldungen scheint er sich ehrlich zu freuen.

Nach 45 Minuten wird eine Pause angekündigt. Moment, eine Pause? In einer 90-minütigen Veranstaltung? Das ist ja wie in der Schule! Überrascht nutze ich die unerwartete Unterbrechung für ein bisschen Toiletten-Tourismus. Klo-Sticker finde ich nämlich richtig super und ich werde auch nicht enttäuscht: „STILL <3in‘ TOFU“, „Gegen Patriarchat und Penisfixierung! – Viva la Vulva“, „Wir sind alle 129a“.

Die machen ernsthaft Pausen

Im zweiten Teil vertiefen wir uns dann stärker in die Handlungsstränge der einzelnen Werke. Ich habe keines von ihnen gelesen und bin bald verwirrt. Leopold, Hildegard, Roswitha, Jenny, Corinna, Otto, Effi, Crampas, Stine, Waldemar – schnell habe ich den Überblick verloren, wer eigentlich wen heiraten möchte. Eines nehme ich aber mit: Fontane übt Kritik an der Gesellschaft seiner Zeit (Zitat des Professors: „Das können Sie immer schreiben und das ist auch immer richtig.“). Fasziniert lerne ich dann noch, warum wir von „geflügelten Worten“ sprechen. Der Ausdruck geht zurück auf eine Zitatensammlung, die erstmals in den 1860ern erschienen ist. Wusste man – in den Vorzeiten des Internets – nicht, aus welchem Werk ein bestimmtes Zitat stammt, konnte man dieses in den „Geflügelten Worten“ nachschlagen.

Und dann ist er auch schon vorbei, mein Einblick in die „Europäischen Literaturen“. Interessant war’s und tatsächlich ein bisschen wie Deutsch-LK. Allerdings bin ich ziemlich sicher, dass ich keinen repräsentativen Eindruck bekommen habe. Die zahlreichen Wahlmöglichkeiten geben schließlich die Möglichkeit, das Studium individuell zu gestalten, was ich richtig gut finde. Hätte ich mich nach dem Abi nicht so sehr von Lebenslaufgesichtspunkten und Torschlusspanik leiten lassen, wäre ich vielleicht auch in diesem Studiengang gelandet. Wieder muss ich daran denken, wie zufällig ich und viele, viele meiner Freunde ihre Studienwahl getroffen haben – und dies meist ohne überhaupt zu wissen, welche Alternativen sie gehabt hätten. Auf dem Weg zurück in die Innenstadt fällt mir übrigens auf: In der UB war ich auch noch nie.

FOTO: Susanna Roßbach

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Stellvertretende Chefredakteurin und Ressortleiterin Politik. Hat seit neustem ein abgeschlossenes Hochschulstudium - yeah! - und ist ein Fan von Katzen, dem Internet und Katzen im Internet.

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