Ich laufe (auf gar keinen Fall) den Nachtmarathon

Ich laufe (auf gar keinen Fall) den Nachtmarathon

Jedes Jahr am Anfang des Monats Juli ist es wieder soweit: Tausende von sportbegeisterten Läufer*innen rennen durch Marburg um ihr Ziel des (Halb-)marathons zu erreichen. Manche alleine, manche zusammen in einer Staffel. Warum man das Spektakel toll finden  – oder doch lieber davon Abstand nehmen sollte. 

PRO von Susanna Rossbach
Mit guten Vorsätzen ist es ja so eine Sache. 2008 wollte ich Französisch lernen, 2012 eine neue Wohnung suchen und 2014 endlich nicht mehr hungrig einkaufen gehen. Das hat – ohne näher darauf eingehen zu wollen – alles nicht besonders gut funktioniert. In diesem Jahr wird aber alles anders: 2015 laufe ich nämlich meinen ersten Halbmarathon. Und zwar den Nachtmarathon! In Marburg! Klar, Marburg ist nicht New York, London oder Boston, aber der Nachtmarathon ist immerhin die größte Laufveranstaltung Mittelhessens. 2014 gingen hier knapp 2000 Läufer an den Start. Für Marburger Verhältnisse handelt es sich also durchaus um ein Groß-Event, das ich mir als ortsansässige Läuferin – ich wohne sogar an der Strecke – nicht entgehen lassen will. Dass der Nachtmarathon aber auch so viele Laufbegeisterte von außerhalb anzieht, hat seinen Grund: Die Strecke ist wirklich unglaublich schön. Gestartet wird auf dem Marktplatz, dann geht es durch die Oberstadt bis zum Wilhelmsplatz und von dort Richtung Bahnhof. Super ist dabei: Für den Nachtmarathon wird die Straße für den normalen Verkehr gesperrt. Mitten auf Universitäts- oder Biegenstraße läuft man ja auch als Marburger*in nicht jeden Tag. Ab etwa Kilometer sieben wird nur noch auf den Radwegen rund um die Lahn gelaufen. Alles flach und – so wird gemunkelt – für Bestzeiten bestens geeignet. Voll des Lobes bin ich auch für die Organisation. Streckenpläne finden sich schon Monate im Voraus im Internet, wer möchte, kann bei einem Lauftreff die Strecke kennenlernen, und während des Laufs werden nicht nur Wasser und Tee, sondern sogar Kekse an der Strecke verteilt! Ziemlich begeistert bin ich auch davon, dass der Lauf von einem professionellen Sportfotografen begleitet wird. Später kann man anhand seiner Startnummer die Bilder im Internet einsehen und bestellen. Fast wie nach einer Achterbahnfahrt im Freizeitpark! Und wenn wir schon bei Achterbahn sind: Laufen setzt im besten Fall ziemlich viele Endorphine frei, macht Spaß und danach fühlt man sich einfach nur gut. Und im schlechtesten Fall kann man immerhin seine Wunden lecken und mit grimmigem Stolz die Runtastic-Statistik vergleichen. Soweit wird es bei mir aber nicht kommen: Ich freue mich riesig darauf, am 3. Juli an den Start zu gehen und etwa zwei Stunden später wahrscheinlich ziemlich verschwitzt, erschöpft und glücklich durchs Ziel zu laufen.

KONTRA von Laura Seime
Das letzte Mal freiwillig gelaufen bin ich vor ein paar Monaten zu Semesterbeginn. Ich wollte mir und meinem Körper demonstrieren, was ihn in nächster Zeit beim Unisport erwarten würde. Da hatte ich die Rechnung aber ohne meine Ausdauer gemacht. Wer schon einmal verschwitzt nach Luft gehechelt hat, mit Blutgeschmack auf der Zunge und laufender Nase, der weiß was ich meine. Seitdem habe ich keine asphaltierte Straße mehr mit Sportschuhen betreten und allein wenn ich das Wort „Jogging“ schon höre, fangen meine Knie an zu zittern. Ich denke, Marathon laufen ist eine neumodische Tort(o)ur, erfunden für Leute, denen es an echtem Schmerz im Leben fehlt. Es gehört schon einiges an sportlichem Übermut dazu, freiwillig den Todeslauf hinzulegen. Diese Erkenntnis hat nicht nur etwas mit meiner persönlichen sportlichen Kondition zu tun, sondern ist auch eine Frage von Ästhetik und Sinnhaftigkeit. Natürlich ist es gesellig, Seite an Seite zu schwitzen, aber ein Marathon ist meiner Meinung nach eher ein Inbegriff der Leistungsgesellschaft, des Individualsports und Mobbings, als ein sozialer AnLAUFpunkt. Ich fühle mich auch gut, wenn ich mir nicht die Beine in den Bauch trete und möchte ungern vorgehalten bekommen, wie untrainiert und faul ich bin. Nur weil man zehn Kilometer am Stück laufen kann, ist man noch lange kein besserer Mensch, oder? Habe ich einen genetischen Defekt, nur weil ich lieber meinen Hintern bequem auf dem Sofa platziere, statt jeden Muskel in diesem zu Höchstleistungen zu fordern? Zudem wird der Nachtmarathon dieser Stadt  vom Ultra Sport Club Marburg organisiert – und mit Ultras verbinde ich eigentlich nie entspannte Zeitgenossen. Mal ehrlich, welcher Mensch, der noch bei Trost ist, denkt sich an einem sommerlichen Abend bei ca. 20 Grad im Schatten: Jetzt mal 40 Kilometer laufen, quer durch Marburg, von einem Kaff zum anderen und zurück, wäre das nicht schön? Dabei stellt sich mir auch oft die Frage: Wem müssen die Laufenden etwas beweisen? Sich selbst oder ihren Facebook-Freund*innen, die ausführlich mit Bildern und „Let’s Go“-Posts bespammt und erniedrigt werden (sollten sie nicht selbst ähnliche sportliche Leistungen vollbringen). Am Freitag-Abend gehört die Stadt den Leuten, die in Ruhe ausspannen und von Kneipe zu Kneipe schlendern wollen. In die Quere kommen sollten einem dabei auf gar keinen Fall sportlich ambitionierte, nüchterne Leistungsläufer! Also liebe Marathon-Teilnehmende: Sightseeing geht anders – nachts sieht man sowieso viel zu wenig von der schönen Kulisse! Und die 30 Euro Startgeld kann man an einem Freitagabend sicherlich besser investieren.

FOTO: Charlene N Simmons auf flickr.com, CC-Lizenz

Susanna Roßbach

Stellvertretende Chefredakteurin und Ressortleiterin Politik. Hat seit neustem ein abgeschlossenes Hochschulstudium - yeah! - und ist ein Fan von Katzen, dem Internet und Katzen im Internet.