Theater Review #28: Ab Jetzt Zusammen! Eine Komödie mit Musik über die Zugehörigkeit zur Unzugehörigkeit.

Theater Review #28: Ab Jetzt Zusammen! Eine Komödie mit Musik über die Zugehörigkeit zur Unzugehörigkeit.

„Wir helfen dabei, Schranken einzureißen, die zwischen unseren Communitys existieren

Aus dem Flugblatt der LGSM, „A victory for the miners is a victory for us all“

One out, All out!

Im walisischen Dorf Dulais ist der Großteil der arbeitenden Bevölkerung 1984 im Kohlebergwerk beschäftigt. Überall in Großbritannien stehen aufgrund von durch die britische Regierung geplanter Schließungen von Zechen unbefristete Streiks an, organisiert durch die zu diesem Zeitpunkt mächtige Gewerkschaft. Der Großteil der Handlung spielt in einem Pub in besagtem Ort, in dem die Treffen und Diskussionen der örtlichen Gewerkschaftsmitglieder stattfinden, welche ihre Solidarität mit dem Schlachtruf „One out, All out!“ bekunden.

So Leute, jetzt aber mal Solidarität!

Das Stück ist definitiv hochpolitisch. Es geht um die großen politischen Fragen zu einer Zeit, in der der aufkommende Neoliberalismus unter Margaret Thatcher im Vereinigten Königreich massive Negativauswirkungen auf verschiedene, marginalisierte Gruppen zur Folge hatte. So bilden Begriffe wie Klassenkampf, Solidarität, der Kampf um Arbeitsplatzerhaltung und LGBT-Rechte auf der einen, sowie staatliches Handeln und Repressionen auf der anderen Seite den roten Faden des Stückes.

Das Aufkommen und Verständnis der Notwendigkeit von Solidarität führt zur Gründung der LGSM (Lesbians and Gays support the miners) Bewegung im urbanen London, die beiden Gruppen haben nur auf den ersten Blick wenig miteinander gemeinsam. Denn bei genauerem Hinsehen sind beide auf ähnliche Weise Repressionen der Thatcher Regierung ausgesetzt. So verbünden sich die von der Regierung titulierten „Feinde im Inneren“ mit den „Feinden der Familie“, der Weg dorthin, die Zusammenarbeit und die Folgen bilden die Haupthandlung des Stückes. Die Solidarität der LGSM war der Beginn einer langfristigen Partnerschaft, so wurde umgekehrt dann auch von den Mitgliedern der Gewerkschaft ein Jahr später der Christopher Street Day angeführt.

Inszenierung

Die musikalische Untermalung unterstützt die Bedeutsamkeit und Emotionalität der Thematik für die beiden Gruppen: Die Songauswahl der Szenen, bei denen die LGSM Bewegung im Vordergrund steht, könnte problemlos als Best-Of 80’s Pop durchgehen. Die Lieder, die im Kontext des Arbeitskampfes gespielt werden, sind klassische Arbeiter:innenlieder wie „Bella Ciao“ oder „Solidarity Forever“, welche auch meist von der vollen Besetzung auf der Bühne mitgesungen werden, was das wichtige Gemeinschaftsgefühl der Gewerkschaftsbewegung authentisch transportiert und die Zuschauer:innen zum Mitmachen animiert, was allerdings leider eher wenig angenommen wurde. Die erwähnten Emotionen wurden dem Publikum durch das szenische Spielen der Darsteller:innen sehr gut näher gebracht, sowohl bei den ernsten politischen Diskussionen als auch bei den humorlastigen Stellen, welcher als trocken und britisch beschrieben werden kann.

Die Kostüme entsprechen sehr dem Stil einer 80er-Jahre Ästhetik , vor allem die der Darsteller:innen der LQSM-Bewegung sind mit Halstüchern, Ohrringen und entsprechenden Frisuren doch sehr klischeehaft ausgewählt, wobei dies absichtlich so gewählt wurde (was im Vorprogramm erwähnt wurde). Das Bühnenbild ist recht schlicht gehalten und kommt ohne großen Prunk aus.

Neben der Haupthandlung werden zudem mehrere verschiedene Problematiken erwähnt, innerfamiliäre Konflikte (eine engagierte Gewerkschafterin ist mit einem regierungstreuen Polizisten verheiratet) oder die (vor allem) in provinziellen Gegenden wie die dem Handlungsort zu diesem Zeitraum gesellschaftlich weit verbreitete Homophobie, die zu dieser Zeit auch vor Gewerkschaftskreisen nicht Halt machte. So lief zu Beginn durch Ressentiments der Gewerkschaftsmitglieder gegen die Ihnen zunächst völlig fremde andere Bewegung die Zusammenarbeit eher zögerlich an, obwohl die Gewerkschaft aufgrund eingefrorener Streikgelder dringendst auf die finanzielle Hilfe angewiesen war.

Als Gegenpool zu den Diskussionen im Pub und den Mitgliedern der LGSM Bewegung werden immer wieder Originalinterviewaufnahmen von Margaret Thatcher auf der Leinwand gezeigt, die die gänzlich gegensätzlichen Standpunkte zwischen der Regierung und den beiden Gruppen aufzeigt.

Dafür, dass am Schluss die verschiedenen Happy-Ends mit entsprechender musikalischer Untermalung stimmungsmäßig nicht als Schlusspunkt beim Publikum hängenbleiben, sorgt die Aufzählung der wichtigsten Fakten zu den Folgen des Streiks, der Frauenbewegung und der LGSM Bewegung. Diese waren nämlich nicht in allen Bereichen erfolgreich, so gab es Unstimmigkeiten in der Gewerkschaft bezüglich des Zeitpunkts der Beendigung des Streiks in verschiedenen Regionen. Oder auch den Import von Kohle aus anderen Ländern und das Anhäufen von Kohlevorräten, wodurch die Regierung einen streikbedingten, von der Gewerkschaft gewollten Kohleengpass verhindern konnte. Diese Aufzählung bringt die Zuschauer:innen dann trotz unterhaltsamer Darstellung und den humoristischen Parts wieder zur ernsten Thematik des Stückes zurück, und dies obwohl es sich um eine Komödie handelt, was dem Stück aber vielmehr positiv denn negativ auszulegen ist. Dies im Sinne von der sicherlich nicht einfachen Leistung, dem Publikum ein ernstes Thema auf humoristische Weise aufzuzeigen und die notwendige Ernsthaftigkeit dabei nicht zu verlieren.

Ein Verweis zum Titel des Stückes scheint kaum notwendig, dieser spricht für sich und ist sehr passend zum Inhalt und der Botschaft gewählt.

Fazit

Das Stück ist interessant für politisch interessierte Menschen, insbesondere für Interessierte jüngerer britischer Geschichte sowie der Gewerkschafts- und LBGT Bewegung. Politische Themen werden mit einem passenden Mix aus der notwendigen Ernsthaftigkeit, aber auch einer ordentlichen Portion Humor und passender musikalischer Untermalung, dem Publikum auf unterhaltsame Weise näher gebracht. Durch die Einführung vor dem Stück mit historischen Fakten und die zahlreichen Interviewpassagen mit Thatcher während des Stückes, ist dieses aber auch Zuschauer:innen zu empfehlen, die sich vorher noch nicht mit der Thematik beschäftigt haben; diese erhalten mit Ab Jetzt Zusammen eine empfehlenswerte und übersichtliche Einführung in das Thema. Außerdem kommen Fans von typisch britischem, trockenem Humor auf ihre Kosten. Die am Ende zusammenlaufenden Happy-Ends, welche humorvoll inszeniert sind, wirken aber doch etwas kitschig, zudem erscheint an einigen Stellen der gegebene Pathos etwas übertrieben, sonst gibt es an dem Stück allerdings kaum etwas zu kritisieren.

Nächste Termine: 03.03.2020 um 19:30 Uhr, 08.04.2020 um 19.30 Uhr, 21.04.2020 um 19.30 Uhr, 20.05.2020 um 19.30 Uhr.

Regie: Carola Unser; Bühne & Kostüme: Anna Dischkow-Braml; Musikalische Leitung: Christian Keul; Choreografie: Sophia Guttenhöfer; Dramaturgie: Lotta Seifert

Theaterpädagogik: Michael Pietsch; Regieassistenz: Vivien Janke; Soufflage: Silke Knauff; Die Band: Sven Demandt, Christian Keul, Burkhard Mayer
Der Chor: Doris Betz, Petra Bremer, Sabina Kaiser, Karin Klein, Martin Künstler, Hanne Rinke, Kaya Mogge, Björn Struckmeier

Besetzung: Saskia Boden-Dilling, Metin Turan, Lisa Grosche, Dominik Bliefert, Jürgen Helmut Keuschel, Anna Rausch, Ben Knop, Camil Moraiu, Harwin Kravitz, Daniel Sempf, Annelie von Lieres

Weitere Informationen zum Stück gibt es hier.

Foto: Jan Bosch

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