Studentische Vertretung im Stadtparlament? Debattierduell zwischen Studierenden und Professor*innen

Studentische Vertretung im Stadtparlament? Debattierduell zwischen Studierenden und Professor*innen

Foto: Jannik Pflur

Wer hat die besseren rhetorischen Fähigkeiten und ist in der Debatte überzeugender: Professor*innen oder Studierende? Um diese Frage zu klären, lud der Hannah Arendt Debattierclub Marburg e.V. am 18. Juni um 20 Uhr zum Professor*innen-Duell.

Zunächst richtete Oberbürgermeister Thomas Spies ein Grußwort an die rund 80 Gäste im historischen Rathaussaal. Er betonte die Kunst der freien Rede und bedauerte ihren in seinen Augen zu geringen Stellenwert im deutschen Bildungssystem. Der Moderator des Abends erläuterte anschließend den Ablauf der Debatte und stellte die beiden Teams vor: Die Professor*innen Christoph Kampmann (Neuere Geschichte), Kati Hannken-Illjes (Sprechwissenschaft) und Andrea Horz (Musikwissenschaft) traten gegen Studierende aus der Chemie, Geschichte und Politikwissenschaft sowie Musik- und Kunstwissenschaft an.

Über das Thema der Debatte entschied das Publikum per Applaus. Zwei Streitfragen standen zur Auswahl:

  1. Sollte die Universität allen Studierenden ein Budget zur Verfügung stellen, damit diese eigene Projekte zur Verbesserung der Uni finanzieren können?
  2. Sollten Studierende der Philipps-Universität stimmberechtigte Vertreter in die Stadtverordnetenversammlung entsenden dürfen?

Der Saal wünschte sich Letzteres und so zogen sich die Teams für 15 Minuten zurück, um sich zu beraten. Die Studierenden nahmen die Position der Regierung ein, die dieses Vorhaben umsetzen will, die Professor*innen die Rolle der Opposition, die dies zu verhindern versucht. Die Teams wechseln sich am Rednerpult ab und versuchen das Publikum von ihrem Standpunkt zu überzeugen. Dafür haben alle Redner*innen sieben Minuten Zeit. Währenddessen darf die Gegenseite einhaken und Nachfragen stellen.

Längst notwendige Interessenvertretung oder Untergang der Demokratie?

Zu Beginn präzisierten die Studierenden ihre Idee: Zu den 59 regulären Abgeordneten sollen drei dazukommen, die jährlich von der Studierendenschaft gewählt werden. Ziel sei, auf allgemeine Interessen und Probleme von Studierenden, wie die Wohnungsnot, im Stadtparlament stärker aufmerksam zu machen. Es gehe nicht um Parteipolitik, weshalb es eine Personenwahl von unabhängigen Kandidat*innen sein solle. Der Gruppe der Studierenden, die mehr als ein Viertel der Stadtbevölkerung ausmacht, stehe diese höhere Repräsentation zu. Schließlich trage sie maßgeblich dazu bei, das Stadtleben und insbesondere die Kneipen am Laufen zu halten. Auch Studierende, die lediglich ihren Zweitwohnsitz in Marburg haben, sollen eine Möglichkeit zur Mitbestimmung bekommen. Außerdem könne die Regelung dazu beitragen, das Bewusstsein für kommunalpolitische Themen zu schärfen. Viele blieben nur drei Jahre in Marburg und könnten teilweise nicht ein einziges Mal an einer Wahl teilnehmen. Daher lohne es sich nicht, sich für die verhältnismäßig kurze Dauer des Studiums in einer Partei zu engagieren. Es gebe kaum Aussichten, die Stadtpolitik aktiv mitgestalten zu können.

Die Gegenseite der Professor*innen bezweifelte, ob Studierende als eine Gruppe mit den gleichen Interessen zu betrachten sind. Weiterhin fragten die Professor*innen, warum es eine zusätzliche studentische Vertretung brauche, obwohl Studierende wie alle anderen Stadtbewohner*innen auch wahlberechtigt sind. Darüber hinaus bestünden bereits Möglichkeiten zur demokratischen Teilhabe, die jedoch größtenteils ungenutzt blieben. Wenn die Wahlbeteiligung der bisher nur fiktiven Studierendenwahlen ähnlich niedrig wäre wie bei den Hochschulwahlen, könnten die Vertreter*innen kaum für sich beanspruchen, für alle Studierenden zu sprechen. Dieses Jahr lag die Wahlbeteiligung bei den Hochschulwahlen laut vorläufigen Ergebnissen bei 18,97 Prozent. Die Gegenargumente reichten bis zum Niedergang der Marburger Demokratie, wenn plötzlich alle Gruppen eigene Vertretungen in die Stadtverordnetenversammlung entsenden wollten. Denn jährlich wechselnde Abgeordnete und dadurch unklare Mehrheitsverhältnisse erschwerten den Politikbetrieb.

Die Debattierenden waren mit Leib und Seele dabei, durchaus kreativ bei der Verteidigung ihrer Position und so gab es auch einige lustige Momente. Nach der einstündigen Debatte war es Aufgabe des Publikums, per Applaus zu ermitteln, welches Team überzeugender war. Das Votum fiel knapp aus, doch im zweiten Durchgang ging der Sieg an die Professor*innen.

Was zeichnet den Debattiersport aus?

Das Professor*innen-Duell ist mittlerweile zu einer jährlichen Tradition geworden. Der Hannah Arendt Debattierclub Marburg wurde erst im vergangenen Jahr gegründet. Zuvor wurde die Veranstaltung durch den Brüder Grimm Debattierclub Marburg organisiert, von dem sich der Großteil der Mitglieder des neuen Debattierclubs abgespalten hat. Seitdem nimmt der Verein, der Mitglied im Verband der Debattierclubs an Hochschulen e.V. ist, regelmäßig an Turnieren in ganz Deutschland teil. Debattieren als Sport unterscheidet sich von einer einfachen Diskussion. Es gibt klare Regeln, die Teams beharren auf ihren Standpunkten und versuchen die Zuhörer*innen oder eine Jury von sich zu überzeugen. Toleranz, Sportsgeist und Respekt sieht der Club als zentrale Werte seines Sports an.

Laut erfahrenen Debattierenden kommt es neben einem guten Allgemeinwissen vor allem auf Spontanität und Improvisationstalent an, da die Themen erst unmittelbar vor der Debatte bekanntgegeben werden und man sich nicht aussuchen kann, für welche Seite man argumentiert. Bei einem Turnier legt eine neutrale Jury neben rhetorischen Fähigkeiten großen Wert auf eine stringente Argumentation. Die Reden müssen aufeinander aufbauen, weshalb eine genaue Absprache im Team erforderlich ist.

Wer Lust bekommen hat, selbst zu debattieren, kann sich den wöchentlichen Debatten anschließen. Diese finden jeden Donnerstag um 19 Uhr in Raum 101 des Seminargebäudes am Pilgrimstein 12 statt. Für den Einstieg eignen sich Trainings, die regelmäßig vor den Debatten angeboten werden. Weitere Infos gibt es auf der Website.

(Lektoriert von let und hab.)

21 Jahre alt, Redaktionsmitglied seit Anfang 2024 und macht es wie Felix Lobrecht: studiert Politikwissenschaft in Marburg
Außerdem an allem interessiert, was mit Sport zu tun hat: von Fußball über Tennis bis Snooker

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