‚Remigration‘: Unwort des Jahres 2023 in Marburg verkündet

‚Remigration‘: Unwort des Jahres 2023 in Marburg verkündet

Bild: Annabell Sent

Am 15. Januar gab die sprachkritische Aktion Unwort des Jahres ihre Entscheidung für das Jahr 2023 in Marburg bekannt. Dabei fiel die Wahl auf ‚Remigration‘, gefolgt von ‚Sozialklimbim‘ und ‚Heizungs-Stasi‘. 

In rechten bis rechtsextremen Kreisen diene der Ausdruck ‚Remigration‘ als Euphemismus für die Forderung, Menschen mit Migrationsgeschichte massenhaft zwangsauszuweisen, so die Begründung der Jury. Die Verwendung und Verbreitung des beschönigenden Begriffs normalisiere rechtspopulistische und rechtsextreme Aussagen in der Migrationsdebatte. Der Ausdruck habe seinen Ursprung in der Migrations- und Exilforschung und bezeichne dort insbesondere freiwillige Formen der Rückkehr wie die jüdischer Menschen nach 1945. 

Darüber hinaus kritisiert die Jury das Wort ‚Sozialklimbim‘ in der Diskussion um die Kindergrundsicherung. Diese Rhetorik sei herabwürdigend gegenüber Menschen mit geringem Einkommen und Vermögen, da sie staatliche Transferleistungen nicht als existenzielle Lebensgrundlage, sondern als überflüssige Ausgaben darstellt. 

Der populistische Begriff ‚Heizungs-Stasi‘ hingegen diskreditiere Maßnahmen zum Klimaschutz. In Anlehnung an die Repressalien des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR werden Maßnahmen wie das Gebäudeenergiegesetz als diktatorisches Vorgehen dargestellt. Dies verunglimpfe die Opfer der Stasi und das demokratische Gesetzgebungsverfahren. 

Wie kommt die Entscheidung zustande? 

Über das gesamte Jahr hinweg können Bürger*innen Wörter einreichen. Für das vergangene Jahr erhielt die Jury insgesamt 2301 Einsendungen, was die meisten seit zwölf Jahren sind. Darunter sind 710 verschiedene Vorschläge. Den Kriterien entsprachen dabei knapp 110 Wörter, aus denen die sechsköpfige Jury auswählen konnte. Diese besteht aus vier Sprachwissenschaftler*innen, einer Journalistin und einem wechselnden Mitglied.  

Die Sprecherin der Jury, Prof. Dr. Constanze Spieß, erläutert gegenüber PHILIPP die Kriterien: Ein Begriff sei dann als mögliches Unwort qualifiziert, wenn er gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstößt, durch den Gebrauch gesellschaftliche Gruppen diffamiert oder Sachverhalte beschönigt beziehungsweise verschleiert werden. 

Die Jury recherchiert „die Verwendung des Wortes im öffentlichen Sprachgebrauch“ und „in welchen konkreten Kontexten dieses Wort verwendet wurde“, so Spieß. Die Mitglieder überprüfen alle Einreichungen anhand der festen Kriterien, wählen ihre persönlichen Favoriten aus und einigen sich schließlich in einer gemeinsamen Sitzung auf ein Wort. 

Die sprachkritische Aktion ist eine politisch und institutionell unabhängige, zivilgesellschaftliche Aktion. Zum dritten Mal fand die Bekanntgabe an der Universität Marburg statt, wo Sprecherin Constanze Spieß am Institut für Sprachwissenschaft tätig ist. 

Die Historie der Unwörter 

Seit 1991 wird die Aktion jährlich durchgeführt. Eine Auswahl von Unwörtern des Jahres aus der Vergangenheit: 

  • 2022:  ‚Klimaterroristen‘ 
  • 2021:  Pushback 
  • 2020:  ‚Rückführungspatenschaften‘ & ‚Corona-Diktatur‘ 
  • 2019:  ‚Klimahysterie‘ 
  • 2018:  ‚Anti-Abschiebe-Industrie‘ 
  • 2017:  alternative Fakten 
  • 2016:  Volksverräter 

(Lektoriert von hab und let.)

21 Jahre alt, Redaktionsmitglied seit Anfang 2024, studiert Politikwissenschaft und ist großer Fan von Eintracht Frankfurt.

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