Don’t Look back in Anger, Bitte

Don’t Look back in Anger, Bitte

Wie der Rock ’n Roll aus dem Leben verschwindet. Acht Jahre nach der Trennung der Rockband Oasis versuchen es die Gallagher Brüder auf eigene Faust.

Die letzte Rockband

Die Zeit der populären Rockbands scheint vorbei zu sein: Bands wie U2 haben ihren Zenit überschritten, während andere, wie zum Beispiel Linkin Park, auf tragische Weise verschwinden. Der fast einzige Weg aus dem subkulturellen Status ist heute die Transformation zur Pop-Band, siehe Coldplay.

Eine der letzten weltweit gefeierten Rockbands war Oasis. Die 1991 in Manchester von den Gallagher-Brüdern Liam und Noel gegründete Band exportierte den Brit-Pop in die ganze Welt und wurde so eine der berühmtesten Rockgruppe der 90er-Jahre. Ihre Songs überleben teils bis heute: Wer hat nicht schon mal betrunken „Wonderwall“ in die Nacht geschrien?

Oasis war eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten. Dabei könnten ihre Hauptcharaktere, die Gallagher-Brüder, unterschiedlicher nicht sein: Hinter dem etwas zu hoch gestellten Mirkrofonständer stand Liam in seiner typischen Haltung (nach oben schauend, Hände hinter dem Rücken) und sang mit seiner unverkennbaren Stimme, etwas hochnäsig wirkend, diese so großartigen Rockhymnen. Weiter hinten auf der Bühne stand Noel, der immer souverän die Gitarre bediente – ja, bediente. Es wirkte nie so als schmeiße er sich in einen Song, sondern als arbeite er ihn ab. Dass er dem Publikum seinen Rücken präsentierte, war nicht selten. Nebenbei schrieb Noel noch alle Oasis Songs. Alles in allem ergab das eine perfekte Mischung: Das „Genie“ Noel, der die unglaubliche Rocksongs schrieb und spielte und der Sänger Liam, der diese Songs zu zelebrieren wusste.

Jetzt bringen beide fast zeitgleich Soloalben auf den Markt. Im September hat Liam Gallagher mit seinem Album „As you were“ vorgelegt, nun folgt „Who Built the Moon?“ von dessen Bruder Noel. Kann das gut gehen?

Ambitionierte Alleingänge

Eines vorweg: Wer erwartet, Liam und Noel Gallagher hätten gleich zwei Oasis Alben produziert, wird enttäuscht. Das liegt vor allem daran, dass Liam zum ersten Mal Songs schrieb und sein Bruder Noel mit seinem neuen Album einen Imagewechsel forciert. Das Ergebnis sind zwei ambitionierte Alben ohne die großen Rockhymnen, die Oasis so berühmt gemacht haben.

Liam Gallaghers erstes Soloalbum „As you were“ knüpft noch eher an vergangene Oasis-Zeiten an: Typische Rock-Beats und raue elektrische Gitarren sorgen für den Sound. Hinzu kommt Liam Gallaghers berüchtigte Stimme: Wohl keine Stimme dieser Welt passt so gut zum Klang einer E-Gitarre, wie die des Liam Gallagher. Sie kratzt, schrammt und ist dabei unvergleichlich rau. Der ehemalige Oasis Sänger hat es sich bewahrt seinen Zuhörern jegliche gesungen Worte in einem charakteristischen Manchester-Dialekts entgegen zu rotzen. In Zeiten von perfekt abgemischten Popsongs klingt das umso schöner.

Textlich aber klingt das Album nach dem neuen Lebenstil des Liam Gallagher: Ruhig, verantwortlich und ohne Höhepunkte. Ein typischer Familienvater eben. Es wirkt als sei der ehemalige Rockstar (und er war ein wirklicher Rockstar) geläutert worden. Aus dem Hau-Drauf-Rebellen der 90er-Jahre wurde jemand der um 6 Uhr morgens joggen geht. Früher wäre er wahrscheinlich um die Zeit noch unterwegs gewesen. Auch wenn er es selbst wahrscheinlich bestreiten würde: Man hört es dem Album an. Der Höhepunkt dieser Beobachtung ist der Song „For What It’s Worth“. Er ist eine Entschuldigung an all diejenigen, denen er mal auf den Slips getreten ist. Seinen Bruder natürlich ausgenommen: Schließlich habe er sich bei diesem Noel Gallagher für verdammt noch mal gar nichts zu entschuldigen! Trotzdem muss man Liam Gallagher anrechnen, dass er im Alter von 45 erkannt hat, dass er nicht mehr der Rebell von damals ist.

Eben jener Noel Gallagher erfindet sich gerade neu, zumindest versucht er es. Und das muss er auch: Schließlich muss er nun den Bandleader geben, den er bei Oasis nie war. Sich ab und an hinter der Gitarre zu verstecken kann nicht mehr seine Rolle sein. Damals wie heute trägt Gallagher eine Sonnenbrille. Ob dabei wirklich die Sonne scheint, ist dabei so ziemlich egal. Schlussendlich aber wirkt sein Accessoire heute weniger cool als peinlich. Sonnenbrillen bleiben scheinbar nur so lange cool, solange man auch ein Rockstar ist. Die Songs sind brandneu und klingen ebenfalls ganz nach Veränderung. Häufig wirken sie aber einfach zu glatt. Teilweise hören sie sich so geglättet an wie ein modernes Instagram-Profil aussieht. Das, was Oasis-Songs damals so unverwechselbar gemacht hat, vermisst man auf „Who Built the Moon?“. Stattdessen liefert der damals noch so großartige Noel Gallagher hauptsächlich schon zu oft gehörte Pop-Beats und verkauft sich damit als Songwriter deutlich unter Wert.

Trotzdem lohnen sich einige Songs von „Who Built the Moon?“. Und zwar diejenigen, in denen der ehemalige Oasis-Gitarrist zu alter Stärke findet. Der Bonus-Track „Dead in the Water“ ist ein solcher Song, der Noel Gallaghers mitreißende Akustik-Stimme in Szene setzt.

Ingesamt aber ist das Album ein ganzer Abschied vom damaligen Brit-Pop von Oasis. Das muss gleichwohl nicht zwangsläufig schlecht sein. Dennoch hat Noel Gallagher aber noch Arbeit vor sich, wenn er sich auch als Solo-Künstler einen Namen machen möchte.

Ein Star allein macht kein Meisterwerk

Für beide Gallaghers sind die Alben ein Schritt in eine Zeit nach Oasis. Beide begeben sich dabei auf Neuland. Der große Coup gelingt weder dem einen noch dem anderen, doch wäre es nicht ohnehin etwas vermessen das zu erwarten? Natürlich, denn die Zeit des Rock ’n Roll haben beide hinter sich gebracht: „As you were“ verdeutlicht das durch seine Texte, „Who Built the moon?“ durch seinen neuen Klang. Ein Lieferant für die großen Rockhymnen der Oasis-Zeiten sind beide Alben nicht.

Es gibt bei der ganzen Sache allerdings einen zusätzlichen faden Beigeschmack (als Oasis Fan und als Fan guter Rockmusik): Der ständige Brüderzwist, der alles überschattet.  Dabei könnte sich doch alles so schön fügen: Der Sound von „As you were“ und Liam Gallaghers Stimme gepaart mit dem Willen zur Innovation, wie man es bei Noel Gallaghers Album vorfindet, würden wahrscheinlich eine äußerst Interessante Mischung abgebe und beiden Gallaghers weiterhelfen. Die Zeiten des Rock ’n Roll sind zwar für beide wahrscheinlich vorbei, für gute Musik allerdings ist es nie zu spät.

Die ambitionierten Alleingänge der Gebrüder Gallagher zeigen, dass auch die größten Musiker allein keine Garantie für die großen Musikerzeugnisse sein müssen. Was dem einen fehlt, hat meistens der andere. Musik und gerade Rock ’n Roll hatten schon immer eine übersummative Komponente. Mit Blick auf zukünftige Alben der Oasis-Brüder kann man nur eines hoffen: Dass die Liam und Noel eben nicht in Anger zurückschauen, wie sie es selbst einst sangen, und ihren Zwist irgendwann beseitigen. Danach sieht es nach aktuellen Stand allerdings nichts aus.

FOTO: CC Freschwill, unverändert.

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