„Wir sind keine Fremden!“

„Wir sind keine Fremden!“

Wie viele Minderheiten und Andersdenkende wurden auch die Sinti und Roma von den Nationalsozialisten brutal verfolgt und ermordet. Wir sprachen mit Rinaldo Strauß (43), dem stellvertretenden Geschäftsführer des Landesverbands der Sinti und Roma Hessen und selbst Angehöriger der Minderheit, über Vorurteile, Aufklärung und die Vergangenheit.

PHILIPP: Wie viele Sinti und Roma wurden während des Nationalsozialismus aus Marburg deportiert?
Strauß: Leider gibt es zu Marburg nur wenige Zahlen. Beispielsweise wurden viele Akten von der Gestapo vor dem Einmarsch der Amerikaner verbrannt. Beispielsweise ist aber nachweisbar: Von den 100 – 120 Sinti und Roma, die damals in Marburg lebten und verfolgt wurden, wurden 30 am 17.März 1943 nach Auschwitz deportiert. Nur zwei davon überlebten.

In welchen Situationen haben Sie persönlich Erfahrungen mit Alltagsdiskriminierungen gemacht?
Das hat beispielsweise in der Schule angefangen: Mein Vater war damals Schausteller, weswegen wir in der Sommersaison von Ort zu Ort gereist sind. Weil unsere Eltern immer Wert darauf gelegt haben, dass wir zu Schule gingen, sind wir jeweils in den verschiedenen Orten zur Schule gegangen. Das hatte zur Folge, dass wir in den Schulen eine Art Attraktion waren – teils positiv, teils negativ. Und wurden auch als „Zigeuner“ beschimpft oder anderweitig gemobbt.

Erleben Sie ähnliche Situationen auch heute noch?
Ich gehe zwar nicht mehr zur Schule. Trotzdem weiß ich, dass so etwas auch heute noch vorkommt. Wir hören immer wieder von Diskriminierungen im Schulumfeld, auch von Lehrern ausgehend, die stereotype Vorstellungen verbreiten.

Haben Sie dafür beispielhafte Fälle?
Ja! Beispielsweise hat eine Enkelin, die unserer Minderheit angehört, ihren Opa darum gebeten, sie nicht mehr von der Schule abzuholen oder eine Straße weiter zu parken. Sie wollte vermeiden, dass ihre Mitschüler wissen, dass sie eine Sintezza ist. Aus Angst davor, die anderen würden nicht mehr mit ihr spielen. Und auch Lehrer gehen anderes mit ihren Schülern um, sobald sie erfahren, dass diese Angehörige unserer Minderheit sind.

Was tun Sie, um Vorurteile abzubauen?
Wir betreiben Aufklärung an Schulen und anderen Institutionen, indem wir Workshops und Projekte zum Thema Antiziganismus anbieten. Diese beinhalten zum Beispiel eine mobile Ausstellung oder Zeitzeugenberichte.

Woher kommen alle diese Vorurteile und warum sind sie auch heute noch präsent?
Die Sinti sind schon vor ca. 600 Jahren im deutschsprachigen Raum angekommen. 1407 gibt es eine erste Erwähnung in Hildesheim. 90 Jahre später, also 1497, sind Sinti für „vogelfrei“ erklärt worden. Dies blieb für über 300 Jahre in Kraft. Schon damals gab es also Diskriminierungen, Verfolgungen und Tötungen gegen die Sinti. All das ohne eine strafrechtliche Verfolgung der Täter. Die Gründe für diese Verfolgung waren unhaltbare Vermutungen. Man unterstellte den Sinti, sie seien Spione der Türken, wären Betrüger und Kriminelle oder übertragen die Pest. Die Verbreitung solche Vorurteile geschah sogar von damaligen Pseudowissenschaftlern, wie zum Beispiel Sebastian Münster oder Moritz Grellmann. Und selbst Martin Luther sagte, man müsse die Juden genauso verfolgen wie die „Zigeuner“. Viele heutige Vorurteile sind darauf zurück zu führen. Diskriminierungen und Verfolgungen haben bis hin zum Völkermord an über 500 000 Sinti und Roma geführt.

Woran genau störten sich die Nazis oder wie machten sie die Sinti zu einem Feindbild?
Man findet sogar noch in den Lexika der 1980er Jahre negative Attribute, die man uns unterstellt hat. Wir seien beispielsweise asozial oder unfähig, uns anzupassen. Dies hat man auch zuvor zum Anlass genommen, uns zu verfolgen.

Mit Blick auf aktuelle Migrationsdebatten: Was kann heute aus der Geschichte lernen?
Grundsätzlich glaube ich, dass jeder Mensch das Recht auf Leben und Würde hat. Deswegen sollte man jedem Menschen mit Respekt begegnen. Wenn man allerdings Debatten nach dem Motto „Ich weiß alles besser. Und du musst das machen, was ich will.“ angeht, ist ein Dialog auf Augenhöhe unmöglich. Für einen konstruktiven Fortschritt ist diese Augenhöhe aber unerlässlich. Außerdem fehlt mir der Respekt für die Menschen und ihre Schicksale. Menschen sind keine Objekte! Wichtig ist, dass man im Hinterkopf behält, dass jeder Mensch etwas wert ist und ihm die Chance gegeben sein muss, seinen eigenen Beitrag zu leisten.

Gibt es Parallelen zwischen Holocaust und Heute?
Der absolut falsche Slogan: „Die Ausländer nehmen unsere Arbeit weg!“, steht genau in dieser Feindbildtradition, mit der man gegen Juden und Sinti gehetzt hat. Er trennt radikal zwischen Menschengruppen und hetzt gegen Migranten. Vor allem aber beschränkt dieser Tenor den Blick für die wichtigen Probleme: Was Armutsmigration angeht, werden Bilder erzeugt, die alle Zuwanderer als arm verklären, die nicht erwünscht sind. Die Vorstellung, dass alle Roma arm seien, entspricht einem alten Zigeunerbild. Man hätte am liebsten nur akademische Zuwanderer und kann sich nicht vorstellen, dass es natürlich auch Akademiker unter den Sinti und Roma gibt. Man wehrt sich dann aus Angst gegen eine Zuwanderung, ohne sich darüber Gedanken zu machen, warum Menschen in ihrer Heimat arm werden oder flüchten.

In jüngster Zeit steht der Begriff Heimat zur Debatte. Ist dies für die Sinti und Roma ein schwieriger Begriff?
Nein, wieso?

Die Sinti wurden in ihrer Geschichte in Europa, wie bereits erwähnt, immer wieder verfolgt, enteignet und vertrieben. Die Nationalsozialisten haben sogar versucht, sie zu vernichten.
Aber dennoch ist das unser Land! Ich kann natürlich nicht für eine ganze Bevölkerungsgruppe sprechen. Aber dennoch: die Sinti wurden von den Nazis verfolgt und ermordet. Viele unserer Familienangehörige haben den Völkermord nicht überlebt. Aber diejenigen, die überlebt haben, sind zu 99% wieder zurückgekehrt in die Orte, aus denen sie vertrieben wurden. Mit der Begründung: Das ist unsere Heimat! Hier habe ich gelebt! Nach diesem Leid, dass Familienangehörige von den „Deutschen“ ermordet wurden, zurückzukommen und die Leute zu sehen, die Nazis gewesen sein könnten, der Metzger, der Bäcker oder wer auch immer. All das zeigt das große Heimatgefühl der Sinti und Roma. Das ist unser Land! Darum geht es: 600 Jahre im eigenen Land und immer noch fremd, das kann es nicht sein. Wir sind keine Fremden!

Stört es Sie, dass medial oder im schulischen Umfeld mehr über den jüdischen Genozid gesprochen wird, als über die Verfolgung der Sinti und Roma?
Ja. Dass das so ist, ist auch keine persönliche Wahrnehmung, sondern eine Tatsache. Der Begriff Antisemitismus wird zurecht behandelt. Aber es kann nicht sein, dass der Begriff Antiziganismus in Schulen nicht vorkommt. Für hessische Schulen gesprochen: Antiziganismus wird höchstens in einer Schulstunde behandelt. Wir fordern seit etlichen Jahren und debattieren mit dem hessischen Kultusminsterium, dass Antiziganismus, der zum Völkermord führte, auch behandelt wird. Bis jetzt kam dabei nur einer Lehrerhandreichung heraus, die den Begriff Antiziganismus fakultativ aufnimmt. So sind wir immer noch auf das Engagement einzelner Lehrer angewiesen.

Warum wird der Begriff Antiziganismus so selten im Schulkontext behandelt?
Scheinbar interessieren sich die Schulen nicht dafür oder sie haben keine Zeit. Dabei bieten wir die mobile Ausstellung „Der Weg der Sinti und Roma“ kostenlos für Schulen an. Die Resonanz war bisher fast null. Dabei wäre Aufklärung so wichtig: Immer wieder werden wir als „Nomandenvolk“ betitelt oder die Verfolgung der Sinti und Roma fällt unter den hebräischen Begriff Schoah. Aber was hat die Schoah mit dem Völkermord an den Sinti und Roma zu tun?

Wie gedenkt Ihr Verband am 27.Januar an die Opfer des Nationalsozialismus?
Wir nehmen an verschiedenen Veranstaltungen in unterschiedlichen Städten teil, zum Beispiel im Hessischen Landtag und in Darmstadt.

Und Sie persönlich?
Ich persönlich brauche dieses Datum nicht, um an meine Familienangehörigen zu denken.

FOTO: Mahnmal für Sinti und Roma, Berlin Tiergarten. CC Fridolin freudenfett, unverändert

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