Wer Gucci trägt ist scheiße.

Wer Gucci trägt ist scheiße.

Der Schriftsteller Maxim Biller forderte kürzlich in der ZEIT mehr Polemik, die über Hass-Hetze auf sozialen Netzwerken hinaus geht. Dann fangen wir doch mal an und nehmen uns alle vor, die der oberflächlichen Social-Manipulator-Kohorte angehören.

Es gibt zwei Gruppen von Menschen, die sich auf der Sonnenseite der Moral meinen: Die Kapitalismuskritiker, die alles hassen und zerstören wollen, in irgendeiner Weise mit Geld am Hut hat oder von Geld beeinflusst wird. Demgegenüber diejenigen, die den All-Inklusive Luxus unserer westlichen Doppelmoral-Gesellschaft gebucht haben und in diesem Magic-Life nun alles mitnehmen, was sie nur kriegen können. Nicht weil sie es brauchen, sondern weil’s einfach geil ist.

Die Kapitalismus-Feinde haben sich mittlerweile so gut wie verloren und sehen den letzten Ausweg in der Anarchie. Auf die hat aber, sind wir mal ehrlich, niemand so wirklich Bock. Ist doch alles bequem wie’s ist. Da ist es doch nur logisch, dass wir lieber den All-Inklusive-Urlaub nehmen. Und tatsächlich: Wer durch Instagram scrollt, um sich ein bisschen abzulenken vom eigenen Leben, dem wird das Leben der schönsten, heißesten und erotischsten Jungfrauen in die Fresse geworfen.

Die Instagram-Pornostars

Alle Mädchen sind fasziniert von deren Schönheit. Alle Männer denken dasselbe, wie wenn sie Sonntagnachmittags einhändig im Netz auf dubiosen Seiten unterwegs sind. Da räkeln sich Lena „Mein Sixpack ist mein Charakter“ Meyer-Landrut und Stefanie „Ich hab den besten YouTube-Freund der Welt“ am Stand von irgendwo wo’s warm ist und verschaffen der Pornoindustrie, sich selbst und ihren Werbepartnern ein paar mehr Klicks. Immer mit von der Partie: Die festen Freunde dieser Wichsvorlagen. Diese, meist ebenfalls Instagram-Models, geben den ständigen Begleiter mit Kamera. Beneidenswert diese Jungs. Haben tolle Freundinnen, von denen man tolle Fotos machen kann. Und… Das reicht auch eigentlich schon. Irgendwie scheint es diesen hübschen Mädels gelungen zu sein toleriert und bewundert zu werden: Mit ihnen wäre man heute gerne in einer Beziehung. Früher hätte man sie treffender als „One-Night-Fick und Weggeschickt“-Damen bezeichnet. Worüber soll man schließlich am Morgen danach mit ihnen reden, wenn das Wetter zu schlecht zum Fotos machen ist? Und stell dir vor: Eines Tages gäbe es kein Instagram mehr. Wie viele Models dann arbeitslos würden.

Nur noch Gucci Bratan

Doch auch an anderer Stelle hat sich diese Oberflächen-Bewunderung eingeschlichen: In der Musikszene. Die Zeiten in denen Musiker sich nicht um Materielles gekümmert haben sind lange vorbei. Und Lil‘ Pumps „Gucci Gang Genuschel“ wird von der Internet-Welt gefeiert, als wäre es das beste Musikstück ever. Bruno Mars bekommt sechs Grammy-Awards für seine hippen Outfits und zum Definitionskriterium eines Rappers gehört nun nicht mehr sein Sprechgesang oder seine Lyrik-Skills, sondern die Gucci-Brusttasche. Alle was teuer und exklusiv ist, wird mitgenommen und so lange in die Kamera gehalten, bis auch der letzte Musikkonsument diese Exklusivitäten zum eigenen Repertoire und damit zum Mainstream gemacht hat. Wer auf die Idee kommt, diese Pseudomusiker als das zu betiteln was sie sind, nämlich als singende Bianca Heinickes (Moment mal singt die nicht auch?), wird überhört oder ihm wird vorgehalten, er lebe in der Vergangenheit. Stattdessen: Ich trag‘ nur noch Werbeplakate als Kleidungsstücke Bratan. Zu geil ist es einfach, wenn in Musikvideos Tiger durchs Bild laufen oder Max „Einer von 80 Millionen“ Giesinger einen Spruch singt, der einfach zu wahr für das Poesiealbum ist.

Damals war ich glücklich, als entfolgen noch bedeutete, dass man sich bestimmten Content nicht mehr antun muss. Schön war’s: Mithilfe von Sponsorengeldern oder den likenden Freuden landen diese Inhalte früher oder später doch wieder in meinem Feed. Danke. Bleibt nur Eines zu hoffen: Dass diese Freunde nicht die gleichen Maßstäbe an mir anlegen, wie bei ihren Stars.

Foto: CC David Adam Kess, unverändert

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