Drache, Dieb und Drossel – Hörspiel-Review: Der Hobbit

Drache, Dieb und Drossel – Hörspiel-Review: Der Hobbit

Bild: Laura Schiller

Das bis heute beliebte Kinderbuch Der Hobbit von J. R. R. Tolkien wurde in seiner ersten deutschen Übersetzung 1980 von Heinz Diether Köhler und Ingeborg Oehme-Tröndle für den WDR als Hörspiel adaptiert und war nun zeitlich begrenzt online verfügbar. Liebhaber*innen von Bildungs- und Schelmenromanen mit anspruchsvollen Figuren dürfte das Hörspiel gut gefallen.

„In einer Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit.“ Diesen Satz kennen viele. Mit ihm leitet Bilbo Beutlin, der ungewöhnlich abenteuerlustige Hobbit aus dem Auenland, sein Buch Hin und wieder zurück ein. Eben diese Geschichte von Bilbos Reise mit den Zwergen wird in Der Hobbit erzählt. Obwohl John R. R. Tolkien heute zuerst mit seiner legendären Fantasy-Trilogie Der Herr der Ringe assoziiert wird, war es doch 17 Jahre zuvor dieses Kinderbuch, das ihm 1937 zum Erfolg verhalf. 1980, sieben Jahre nach Tolkiens Tod, vertonte dann der WDR Der Hobbit als viereinhalbstündiges Hörspiel.

Bis zum 24. Januar war das Hörspiel nun für wenige Wochen erstmals wieder im Stream verfügbar: Ein 44 Jahre altes Hörspiel, basierend auf einer 87 Jahre alten Erzählung – wie interessant kann Der Hobbit überhaupt noch sein? Tatsächlich wird er bis heute in Bestenlisten von Kinderbüchern geführt. Und auch die kommerziell erfolgreiche Filmtrilogie von Peter Jackson ist noch keine zehn Jahre alt. Was macht die Qualität der Geschichte also aus, und kann sich das WDR-Hörspiel hier einreihen?

Unter Bergen, über Berge, in Berge hinein
Ja, so muss die Reise durch Mittelerde sein

Bilbo Beutlin führt ein gemütliches Dasein im Auenland. Das ändert sich als eines Tages der wortgewandte Zauberer Gandalf vor seiner Tür auftaucht und Bilbo, anfangs gegen seinen Willen, zum Gefährten einer Gruppe von Zwergen um deren Anführer Thorin Eichenschild macht. Die Gesellschaft begibt sich auf den langen, beschwerlichen Weg durch Mittelerde bis hin zum ‚Einsamen Berg‘, einem ehemaligen Königreich der Zwerge. Jenes soll vom Drachen Smaug zurückerobert werden. Allerdings mangelt es den Zwergen an Mut und Selbstdisziplin; in schwierigen Situationen wird Verantwortung daher gerne auf ihren ‚Meisterdieb‘ Bilbo abgewälzt. Gandalf muss der Gruppe häufig aus der Bredouille helfen und Bilbo beweist sich als derjenige mit dem schärfsten Verstand.

Gerade das fehlende Heldentum macht die Zwerge sympathisch und ist Teil des Charmes der Geschichte. Es gibt allerdings auch Heldenfiguren: Gerade Bilbo Beutlin macht eine drastische Charakterentwicklung vom unbedeutsamen Gefährten zu einem der zentralen Akteure durch, der den Verlauf der Dinge durch seine Ideen und Taten mitbestimmt. Dennoch bleibt er im Kern der bodenständige Hobbit, schart keine Anhänger*innen um sich und möchte die Welt nicht verändern. Dem Hörspiel gelingt es, diesen Charme einzufangen. Das liegt zum einen an der gelungenen Synchronisation, mit den charakterstarken Stimmen von Horst Bollmann (Bilbo Beutlin), Bernhard Minetti (Gandalf), und Martin Benrath (Erzähler) allesamt damals bekannte deutsche Synchronsprecher oder Schauspieler. Dazu kommt die Inszenierung mit der passenden und häufig witzigen Undulation zwischen Erzähler und Charakteren, und der akustischen Untermalung des Hörspiels. Tolkien integrierte in sein Buch viele Lieder, praktisch jedes Volk in Mittelerde ist auf seine eigene Art musikalisch (selbst die barbarischen Orks). Dies wird auch im Hörspiel gelungen umgesetzt. Der Chor des Collegium Vocale Köln singt Lieder der Zwerge, Elben und Orks, und Spannung sowie Kampfgeräusche werden durch Percussion, komponiert von Enno Dugend, erzeugt.

Anderes ist weniger gelungen. So sind sich die Stimmen von Thorin Eichenschild und Bilbo Beutlin zu ähnlich, was teilweise unklar macht, wer gerade spricht. Außerdem wurde die Geschichte für das Hörspiel an einigen Stellen massiv gekürzt. Dies fällt vor allem gegen Ende negativ auf. So fehlt beispielsweise Bilbos Rückreise vollständig, welche im Buch als inhaltliche Klammer fungiert und die Charakterentwicklung des Hobbits vor Augen führt. Auch die Gier Thorin Eichenschilds nach Macht und Reichtum, die im Buch am Ende eine zentrale Rolle spielt, kommt zu kurz, sodass seine Charakterentwicklung weniger dramatisch ausfällt. An manchen Stellen tauchen außerdem neue Begriffe und Figuren zu plötzlich auf. Stilistisch lässt sich auch ankreiden, dass Wiederholungen zum Aufbau einer Pointe, ähnlichen dem typischen Aufbau eines Witzes, zu exzessiv eingesetzt werden. Das fällt besonders beim Kennenlernen mit Beorn, dem Gestaltenwandler, auf. Um Beorns Gastfreundschaft nicht zu überreizen, versteckt Gandalf die 13 Zwerge zunächst, um sie dann nach und nach in Zweiergruppen vorzustellen. Dieses Spiel wiederholt sich sechsmal und beginnt nach einigen Minuten leider zu nerven.

Wir wollen hier keine Abenteuer, guten Morgen!

Die Hobbit-Filmtrilogie wird viel kritisiert und gilt als unbeliebt. Das WDR-Hörspiel macht deutlich, warum: Die Filme entfernen sich zu sehr von der Buchvorlage. Im Buch sind die Zwerge versöhnlich und eher ängstlich, in den Filmen hingegen stur und kämpferisch. Auch wirkt der kindliche, unschuldige Humor des Buches in den epischen, Action-überladenen Filmen häufig deplatziert, und kleinste Rand-Erwähnungen aus dem Buch werden als eigene Handlungsstränge unnötig aufgeblasen. Dagegen ist das Hörspiel eine angenehme Abwechslung. Die Motive der Figuren sind simpler und weniger bösartig, was das Hören angenehm und zu einem absoluten Feelgood-Erlebnis macht.

Allerdings zeigt sich das Alter des Hörspiels dann doch an manchen Stellen: Die Erzählung vom bösen Wolf, wie sie auch in vielen Märchen oder in Peter und der Wolf zu finden ist, wird hier ebenfalls bedient. Auch fällt auf, dass keine einzige weibliche Figur in der Geschichte eine Rolle spielt, ein häufig geäußerter Kritikpunkt an Tolkiens Werken. Die vermittelten Werte sind hingegen nach wie vor zeitgemäß: Freundschaft, Partizipation und Solidarität stehen im Mittelpunkt. Aus Krieg – der ‚Schlacht der fünf Heere‘ im Buch – geht kein einzelner siegreicher Held hervor. Der Sieg über den Feind führt auch nicht dazu, dass sich die Welt zum Besseren wendet, wie es so häufig in Hollywood der Fall ist. Hin, aber eben auch wieder zurück – Bilbos Reise endet so, wie sie begann: In einer Höhle in der Erde.

Das Hörspiel war zeitlich begrenzt online verfügbar. Eine Nachfrage beim WDR ergab, dass dieser die Streaming-Rechte nur für einen Monat erworben hatte. Darüber hinaus seien eventuell noch früher hergestellte CDs gebraucht verfügbar.

(Lektoriert von lurs und hab.)

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