Marburg auf Standby: Elija in Spanien

Marburg auf Standby: Elija in Spanien

Bild: E. A. Pauksch und L. Schiller

In unserer neuen Reihe Marburg auf Standby berichten Marburger Studis von ihren Auslandsaufenthalten. Den Start macht Elija. Was man in Córdoba, Spanien, gemacht haben sollte, wie anders das Studieren an einer anderen Uni sein kann und wieso es sich lohnt, auch für die wärmste Stadt Europas einen Wollpullover einzupacken, erfahrt ihr hier. 

„Erasmus is not a year in your life, it is your life in a year“, steht auf einer der Tassen in unserer Erasmus-WG in Córdoba, Spanien. Die Tasse war bereits vor unserer Ankunft im Küchenschrank und muss daher von einer ehemaligen Erasmus-Student*in stammen, die diese von Erasmus Family (Organisation die Veranstaltungen für Austauschstudierende durchführt) bekommen hat.

ErasmusErasmus

Als Person, die bereits nach dem Abitur ein Jahr im Ausland verbracht hat, kam mir der Spruch ziemlich kitschig vor. Es ist schließlich nur ein Jahr und es wird noch so viele andere Erfahrungen im Leben geben, dass ich innerlich den Kopf über den Spruch schütteln musste. Inzwischen habe ich aber gemerkt, dass es mir anders gehen würde, wenn dies mein erster längerer Auslandsaufenthalt wäre. Während ich bereits in meinem Master bin, sind viele der Austauschstudierenden am Anfang ihres Bachelors und teilweise gerade erst volljährig geworden. Für sie kann es wie ihr Leben in einem Jahr sein, denn es ist so anders von dem Alltag, den sie bis jetzt gewohnt waren. Für mich war Irland wie „mein Leben in einem Jahr“, bis ich durch mein Studium eine ganz andere Seite des Alltags kennengelernt habe und gemerkt habe, wie viel mehr Erfahrungen es zu sammeln gibt.

Für mich ist Erasmus mehr die Möglichkeit, mein Spanisch zu festigen und andere Kurse zu besuchen, als zum ersten Mal einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Ich bin bereits von zu Hause ausgezogen, habe die Möglichkeiten, neue Erfahrungen, neue Leute und auch den neuen Alltag, die ein Auslandssemester oder -jahr bietet, bereits kennengelernt. Ich hatte Zeit, mich auch auf die Momente vorzubereiten, in denen nichts läuft wie geplant. Und dennoch haben mich so viele Eindrücke überrascht und mir gezeigt, dass ich doch nicht so viel Ahnung habe, wie ich dachte.

Erasmus-Trips und Freund*innenschaften

Ich habe das Glück, eine wundervolle Erasmus-WG zu haben, in der jeden Dienstag ein gemeinsames Abendessen und (fast immer) donnerstags eine Filmnacht ansteht. Dieser Zusammenhalt und die viele gemeinsam geteilte Zeit, hat mich überrascht und meine Hoffnungen auf zumindest ein halbwegs harmonischen WG-Leben übertroffen. 

Auch über Erasmus Family konnte ich tolle Menschen kennenlernen, mit denen wir ein Friendsgiving und ein Pre-Christmas Dinner  gefeiert haben. Darüber hinaus hat sie mir ermöglicht, verschiedene Wandertrips zu machen und sogar Gibraltar und Nord-Marokko zu besuchen. Für Ende April steht aber die beliebteste Reise an: der Sahara-Trip!

Anderes Land, andere Studiumserfahrungen

Das Universitätssystem in Spanien ist sehr anders als in Deutschland. Ich wusste durch das Erstellen des Learning-Agreements, dass jede Veranstaltung aus 4 SWS besteht und die Endnote sich aus verschiedenen Aspekten wie Projekten, Präsentationen und Klausuren zusammensetzt. Was mir jedoch nicht bewusst war, ist das hier die Veranstaltungen fast ausschließlich im Stil von Vorlesungen ablaufen. In der Klausurvorbereitung habe ich mich beim Daten, Namen und Fakten auswendig lernen sehr in die Schulzeit zurückversetzt gefühlt. Für meinen Kurs „Historiografía del Arte“ (Geschichtsschreibung der Kunst) beispielsweise wurde die Veranstaltung in drei thematische Abschnitte geteilt. Jeder Teil wurde damit abgeschlossen, dass wir eine Zusammenfassung der Informationen und eine Klausur geschrieben haben. Für die Zusammenfassung war es nicht notwendig, kritisch Inhalte zu reflektieren und Sekundärliteratur zu konsultieren. Die 20 Klausurfragen waren mit maximal einem kurzen Satz zu beantworteten und prüften fast ausschließlich die Namen der Autoren (bewusst im maskulinen Plural) einer Theorie oder umgedreht den Namen der Theorie oder des Buches, in dem sie erläutert wurde, ab. 

Die Abgaben in den verschiedenen Veranstaltungen stehen oft wöchentlich an, was zusätzlich zu den 20 Stunden, die man bei 5 Kursen in der Uni sitzt, viel Zeit einnimmt. Besonders durch das Fehlen von interaktiven Diskussionen von Texten habe ich mich oft gelangweilt, auch wenn die Veranstaltungen den Namen nach sehr interessant klangen. So gab es den Kurs „Universalgeschichte der Neuzeit“, auf den ich mich sehr gefreut hatte. Im Endeffekt war ich frustriert, weil es überhaupt nicht universal, sondern extrem eurozentristisch war. 

Davon abgesehen brauchte ich mehr als einen Monat um den andalusischen Dialekt einigermaßen zu verstehen, da hier viele Buchstaben, vor allem am Ende von Wörtern, weggelassen werden. In vielen Situationen war ich überfordert und wusste nicht, ob ich im Unterricht nicht mitkomme, weil mein Vokabular nicht ausreicht oder ob es am Dialekt liegt. Es stellte sich heraus, es war ein Mix aus beiden. Zumindest im Alltag hält mich das nicht mehr auf, da man sich überraschend schnell an den Dialekt gewöhnen kann. Im Universitätsalltag merke ich aber, dass mein B1 an seine Grenzen kommt, besonders wenn es darum geht Texte zu schreiben. (Daher ist es gut, dass ChatGBT mir dabei zur Seite steht.)

Durch diese Unterschiede in den Universitätssystemen, passt das, was ich mir von ‚im Ausland studieren‘ erhofft habe, nicht zu dem, was ich erlebe. Besonders, dass die spanischen Studierenden wenig Interesse haben, sich mit Erasmus-Studierenden auseinanderzusetzen macht es schwer, Anschluss zu finden. Das finde ich sowohl für den Unialltag als auch mein Sozialleben schade, da ich mir vorgestellt hatte, aktiver ein Teil der Studierenden-Community vor Ort werden zu können. Umso mehr freue ich mich, dass ich stattdessen meine kleine Austauschstudi-Community habe.

Semester-Fazit

Die Freund*innen, die ich hier gefunden habe, die vielen Sonnenstunden und die wunderschöne Innenstadt sind es für mich wert, das ganze Jahr hierzubleiben. Wäre dies aber nicht so, dann wäre ich schon nach diesem Semester nach Marburg zurückgekehrt. Von zwei Semester auf eines zu kürzen ist nämlich ohne große Umstände möglich und beeinträchtigt auch nicht die Förderung für das bereits abgeschlossene Semester. 

Da ich meine Marburger Wohnung bis Sommer untervermietet habe und mich zusätzlich zu der normalen Erasmus-Förderung für das Erstakademiker*innen Top-Up qualifiziere, ist es finanziell für mich leicht möglich noch hier zu bleiben. Jetzt, wo ich weiß, worauf ich mich für das nächste Semester einstellen kann, habe ich mir vorgenommen, es entspannter angehen zulassen. 

Akademisch heißt das, mein Learning-Agreement so zu überarbeiten, dass ich Kurse besuche, die keine Klausur und Anwesenheitspflicht beinhalten. So kann ich mehr Energie und Zeit in Ausflüge und meine Freund*innen hier vor Ort stecken. 

Córdoba: Das sollte man gesehen haben

Außerdem ist Córdoba wunderschön und es macht mich glücklich noch ein Semester länger täglich durch die von Orangenbäumen (essbar, aber ungenießbar, weil sauer) gesäumten Straßen zu gehen und mir einige der hunderten Patios (Innenhöfe) anzugucken, die so typisch für die Stadt sind.

Besonders im Mai, denn dann ist die „Fiesta de los Patios“, würde ich einen Abstecher nach Córdoba empfehlen. Aber auch wenn die mit verschiedensten Blumen bepflanzten Patios nicht offen sind (tatsächlich sind aber nie alle Patios unzugänglich), ist die Stadt einen Ausflug wert. Unter dem islamischen Kalifat der Umayyaden war Córdoba die Hauptstadt, weshalb die arabischen Spuren der spanischen Geschichte hier nicht zu übersehen sind. Die Mezquita-Kathedrale, die allerdings von allen nur ‚Mezquita’ genannt wird, ist das Bauwerk im Stadtkern und ein perfektes Beispiel: Eine Moschee, in die nach der Reconquista eine Kathedrale gebaut wurde. Die rot-weißen Hufeisenbögen des Moscheeteils sind nicht nur auf dutzenden von Postkarten zu sehen, sondern auch auf dem Wappen der Universität, die nur ein paar Gehminuten entfernt von der Mezquita in der Altstadt liegt.

Sollte es eine*n also nach Córdoba verschlagen, dann kann ich (unter anderem) folgende Empfehlungen für Besuche geben:

  • Die Mezquita
  • Die Patios: besonders im Mai für die Fiesta de los Patios oder im Dezember
  • Palacio de Viana: ein Palast mit 12 Patios, der das ganze Jahr zugänglich ist
  • Alcázar de los Reyes Cristianos: ehemalige Residenz der spanischen Monarchie mit riesigen Gärten
  • Medina Azahara: die zu Córdoba gehöhrende Palaststadt aus den Zeiten des Kalifats
  • Churros essen gehen (Café Niza im Stadtteil Ciudad Jardín)

Egal ob für Erasmus-Studium, Praktikum oder einfach über die Weihnachtsferien, um der Kälte Deutschlands zu entfliehen, in Córdoba lässt sich eine angenehme Zeit verbringen. Die vielen Sonnenstunden und die Temperaturen – an Heiligabend waren es um die 12 Grad – sind besonders im deutschen Herbst und Winter eine schöne Ablenkung. Allerdings, und das habe ich vorher selbst nicht geglaubt, ist ein Must-have für den Winter hier eine Sammlung an dicken Socken und eine Handvoll Pullover. Nicht, weil es draußen so kalt wird, sondern weil kaum eine Wohnung eine Heizung hat und der Boden gefliest ist. Das führt zu dem Paradoxon, das es draußen wärmer ist als drinnen und ich regelmäßig Menschen aus Deutschland verwirre, wenn ich bei Video-Calls mit einer Tasse heißem Tee und im Wollpullover vor dem Laptop sitze, aber dann erwähne, gerade in der wärmsten Stadt Europas zu studieren.

(Lektoriert von hab, let und jok.)

(Pronomen they/nin)
studiert im Master 'Cultural Data Studies' und befindet sich aktuell im Erasmus Auslandsjahr in Spanien. Seit Dezember 2023 Redaktionsmitglied. 24 Jahre alt. Liebt es Fremdsprachen zu lernen und zu lesen.

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