Ich bleibe in den Semesterferien (auf gar keinen Fall) in Marburg

Ich bleibe in den Semesterferien (auf gar keinen Fall) in Marburg

Alle drei Monate kommt sie wieder, die vorlesungsfreie Zeit, in der Marburg bis zum Anfang des neuen Semesters einer kleinen Geisterstadt gleicht. Doch nicht alle ergreifen mit der letzten Klausur oder Hausarbeitsabgabe die Flucht und machen sich auf Backpackingreise und (Groß)elternbesuchstour. Manche bleiben hier. Ein Streitgespräch.

PRO von Daniel Zimmermann
Na schön, ihr lieben Nach-Hause-Fahrer. Der guten alten Zeiten wegen setzt ihr euch also in den Zug in Richtung Heimat, um eure Semesterferien dort mit alten Freunden und Familie zu verbringen. Ihr lasst das viel zu verregnete Marburg hinter euch. Damit sorgt ihr dafür, dass die Stadt während der vorlesungsfreien Zeit für diejenigen, die sich entscheiden, nicht nach Hause zu fahren, zur Geisterstadt wird. Denn ihr, meine lieben Nach-Hause-Fahrer, seid Studierende und ohne die sieht es nun einmal düster aus in einer Studistadt. Das ist natürlich metaphorisch gemeint. Natürlich ist es nicht dunkler in Marburg, wenn ihr weg seid – aber das könnt ihr ja nicht wissen. Ich zumindest bleibe trotzdem hier. Weil das immer noch das kleinste Übel ist. Bekanntermaßen ist die Deutsche Bahn schließlich kein Anbieter von Zeitreisen. Wobei: Bei den Verspätungszeiten reist man manchmal weiter in die Zukunft, als einem lieb ist. Doch das obligatorische Bahn-Bashing sei an dieser Stelle nur am Rande zu sehen. Jedenfalls werdet ihr, wenn ihr nach Hause fahrt, schnell merken, dass die Freunde von damals – genau wie ihr – ein eigenes Leben begonnen haben, in vielen Fällen der kleinste gemeinsame Nenner die Schule war und man sich heute nicht mehr allzu viel zu sagen hat. Endstation: Wirklichkeit. Die zerstörte Illusion von den guten alten Zeiten wird zur Petrischale der Nostalgie. Ja, früher ist nicht heute und ja, ihr seid keine 16 mehr. Das ist in Ordnung, ihr seid okay und das Leben ein Frotteeschlafanzug. Aber mal im Ernst: Um die 20 Jahre haben eure Eltern euch großgezogen, um euch zu den selbstständig lebensfähigen Halberwachsenen zu machen, die ihr seid – nur damit ihr bei der nächstbesten Gelegenheit wieder ins heimische Nest flattert und euch benehmt als hätte der Reifeprozess des Alleinwohnens nie stattgefunden? Nein, für mich ist das nichts. Ich bleibe hier und genieße die freie Zeit ganz getreu dem Motto: OLLI- One life, live it! Auch ihr solltet ein bisschen mehr Olli sein, denn ob während der Semesterferien etwas in Marburg los ist, hängt von euch ab. Wir könnten die Semesterferien zu einer einzigen Party machen. Ich warte so lange auf euch. Bis zum Semesteranfang!

PS: An diejenigen, die während der vorlesungsfreien Zeit nicht nach Hause, sondern in die weite Welt reisen: Das ist vollkommen okay, haut schon ab. Aber verschont mich mit euren Urlaubsbildern auf Facebook! Ich habe fast schon den Eindruck, dass Elephantenreiten zum Volkssport geworden ist.

KONTRA von Patrick Vogel
In den Semesterferien mutiert Marburg jedes Mal aufs Neue zu einer Geisterstadt. Spätestens wenn alle Hausarbeiten abgegeben sind, verlassen auch die letzen Passagiere das sinkende Schiff. Im Grunde kann ich das voll und ganz verstehen und würde das vermutlich auch so machen, wenn ich erstens die Kohle hätte, und zweitens mein Heimatort nicht das Dorf aller Dörfer wäre. Keine Frage, meine Liebe zu Marburg ist groß, aber es macht leider nur halb so viel Spaß in den Frazzkeller zu gehen, wenn es so leer ist, dass keine*r der Mitarbeiter*innen rausgehen muss, um auf die Betrunkenen aufzupassen. Das nächste Problem ist, überhaupt irgendjemanden aus dem Freundeskreis zu finden, der*die sich noch in Marburg aufhält. Dann könnte man wenigstens zu zweit leiden. Das Partyangebot in Marburg wird in den Ferien auch nicht besser, eher schlechter. Viele denken, dass dies nicht möglich ist, aber glaubt mir, das ist möglich. In einem vollen Club zu tanzen und sich über Turnbeutel aufzuregen, die einem passend zum Beat in den Rücken gepresst werden, macht immer noch mehr Spaß als alleine auf dem Dancefloor zu raven. Im Sommer ist das Drama ein bisschen erträglicher. Man kann auf den Lahntreppen chillen oder auf den Wiesen grillen, aber das macht man drei, vier Mal, ein oder zwei Wochen lang und dann sollte man kapiert haben, dass verbrachte Semesterferien in Marburg verschwendete Lebenszeit sind. Geht auf Festivals, geht lieber im Atlantik schwimmen, als in der Lahn zu plantschen, macht einen Städtetrip, setzt euch in irgendeinen Zug und fahrt mit dem Semesterticket irgendwohin, macht irgendwas Verrücktes, Unerwartetes. Falls das aber alles nicht klappen sollte, ihr keine Kohle habt, um zu verreisen oder Marburg eine Metropole im Vergleich zu eurer Heimat ist, hier der ultimative Tip: Besorgt euch einen Furby oder wahlweise auch Tinder, wenn euch ein Furby zu 90s ist, das kommt zwischenmenschlicher Kommunikation am nächsten und rettet euch vor der Vereinsamung, falls ihr, warum auch immer, die Semesterferien in Marburg verbringen müsst.

FOTO: barnyz auf flickr.com, CC-Lizenz

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22, autor, studiert kunst, musik und medien - roses are red, grass is greener, when i think of you i play with my wiener

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