Sneak-Review #148: Can you ever forgive me?

Sneak-Review #148: Can you ever forgive me?

Mit „Can you ever forgive me?“ lief diese Woche die Biographie der New Yorker Schriftstellerin Lee Curtis, verfilmt von Marielle Heller, in der Sneak. Unter anderem für drei Oscars bei den 91. Academy Awards nominiert, versucht eine Schriftstellerin zwischen Schreibblockaden, unendlicher Katzenliebe und dem ein oder anderen Glas Whiskey, einen neuen Bestseller zu schreiben – und verstößt schließlich gegen das Gesetz.

Auf einer wahren Begebenheit basierend, handelt die Tragik-Komödie von dem Leben der Schriftstellerin Lee Curtis (Melissa McCarthy) in den 90er Jahren in New York und schmückte einst die Bestsellerliste der New York Times. Lee, die sich in einer anhaltenden Schreibblockade dem Alkoholismus zugewandt hat und sich lediglich mit einer Katze als einzigem Freund wiederfindet, weiß nicht mehr, wie sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen soll. Mit einer Verlegerin (Jane Curtis), die nicht mehr ans Telefon geht, einer Wohnung, die im Chaos und Gestank versinkt, und steigenden Rechnungen sieht sich Lee in einer aussichtslosen Lage. Ihren einzigen Hoffnungsschimmer auf einen erneuten Erfolg in der Literaturbranche sieht sie in einer Biographie über die verstorbene Schauspielerin Fanny Brice, mit der sie sich schon seit Ewigkeiten beschäftigt.

Als sie eines Tages in der Bibliothek sitzt und über ihren Büchern das Leben von Fanny Brice studiert, fällt ihr ein Brief von ihr in die Hände – und soll Lees Leben verändern. Nachdem sie den Brief bei einem Ankauf für antiquare Bücher und Schriften verkauft, fängt Lee an, mit mehreren Schreibmaschinen Briefe von Bekanntheiten wie Dorothy Parker und Marlene Dietrich zu fälschen und diese als Antiquitäten zu verkaufen. Ihr Geheimnis behält sie zunächst für sich, vertraut dieses aber ihrem neu gewonnenen Freund, dem ehemaligen Schriftsteller Jack Hock (Richard E. Grant) an, der sich zu ihr nach Jahren ohne Kontakt eines Tages an die Bar gesellt. Lee fällt es jedoch schwer, andere Menschen in ihr sonst sehr einsames Leben zu lassen. Dies äußert sich auch bei der Antiquitäten- Händlerin Anna (Dolly Wells), die Lee für ihren Schreibstil bewundert und sich mit ihr anzufreunden versucht. Doch die Dokumentenfälschung droht zunehmend aufzufliegen und Lee steht vor neuen Fragen, die ihr eigenes Leben, das der wenigen Menschen um sie herum und ihre eigene Moral betreffen.

 Eine undurchschaubare Protagonistin

Melissa McCarthy, die eher bekannt ist für Komödien wie „The Heat“(2013) oder „Tammy“(2014), spielt hier die ernste Rolle der Schriftstellerin Lee Israel, deren Leben, nachdem die Welle des Erfolgs abgeflaut ist, aus den Fugen zu geraten scheint.  Als Zuschauer:in empfindet man zunächst Mitleid mit der unzufriedenen Protagonistin, die sich versucht, durch ihr Leben zu kämpfen und ständig nur auf Negativität und Rückschläge trifft. Doch im Verlauf des Films ebbt das anfängliche Mitgefühl ab, da Lee Israel auch wirklich eine unsympathische Person ist. Obwohl sie deutlich mehr aus sich hätte machen können, fokussiert sie sich lediglich auf die Dokumentenfälschung, um in erster Linie Geld zu verdienen, da sie versucht, die Rechnungen und weitere anfallende Kosten zu begleichen. Doch hätte sie nicht auch mit dem gleichen Aufwand etwas wirklich Sinnvolles tun können, um ihr Leben wieder auf Vordermann zu bringen?

Diese Einsicht und Selbstreflexion finden während des ganzen Filmverlaufs nicht statt, stattdessen wird die Protagonistin immer unsympathischer. Als Zuschauer:in ist es unglaublich schwer, sich emotional in die Protagonistin, die ständig trinkt und Menschen von sich abweist, hineinzuversetzen. Diese Undurchdringbarkeit von Lee Israel, die auch zu den Charakterzügen der Schriftstellerin gehört, ist jedoch auch von den Machern des Filmes so gewollt – als Zuschauer:in soll man auch gar nicht aus der Protagonistin schlau werden, da Lee eine Person ist, die bereits ihre Rolle als „Außenseiterin“ akzeptiert hat und gar keinen großen Wert darauf legt, von anderen Menschen gemocht zu werden. Nur in manchen Momenten bemerkt der:die Zuschauer:in einen Anflug von Zweifel oder Scham in dem Gesicht der Protagonistin und die Resignation hinter ihren traurigen Augen.

Eine Welt fernab der Bestsellerlisten

Jedoch spiegelt der Film auch die ernste Lage vieler Schriftsteller:innen wieder und zeigt die Schwierigkeit, in der Buchbranche auf Dauer zu überleben. Wenn es sich nicht gerade um etablierte Bestsellerautor:innen handelt, verschwinden einige Autor:innen nach einem Bestseller von der Bildfläche. So ergeht es auch Lee Israel, die sich während des Films an ihrer einstigen Karriere festzuklammern scheint und einfach nicht loslassen kann, keinen Neuanfang beginnt. Während leicht klingender Hintergrundmusik der 50er Jahre schleicht „Can you ever forgive me?“ so dahin und nachdem Jack Hock in Lees Leben tritt, wird einem als Zuschauer:in klar: Den Charakteren fehlt einfach die Tiefe. Aber auch an dieser etwas seltsam wirkenden, neu aufblühenden Freundschaft ist etwas dran: Ohne dass man als Zuschauer:in das Gefühl hat, dass Lee und Jack sich besonders mögen, werden die beiden doch schnell ein Team und unterstützen sich gegenseitig. Und auch die Buchhändlerin Anna, die von den Charakteren doch die weicheste Seite zeigt und eine eher unscheinbare Rolle spielt, kann Lee doch auf eine Art berühren, auch wenn sie von ihr weggestoßen wird.

Die Dokumentenfälschung wird schnell zum Teufelskreis und es werden Zweifel und Ängste bei Lee erkennbar, die aber auch immer nur recht kurze Szenen darstellen. Meist präsentiert sie sich verschlossen, unfreundlich und egozentrisch – da sie ihr Leben ständig in den Vordergrund stellt. Mit mehr Emotionen und etwas mehr Tiefgang hätte man vielleicht als Zuschauer:in auch mehr Empathie empfinden können. Zusätzlich lässt sich der Film aufgrund des ständigen Wechsels zwischen Drama, Krimi und Komödie schwer einordnen, weshalb die Intention hinter manchen Szenen schwer erkennbar und fraglich ist, ob der:die Zuschauer:in nun lachen sollte oder eher nicht. Der Film „Can you ever forgive me?“ zeigt mal eine andere Seite fernab der Bestsellerlisten – den Kampf um soziale Anerkennung und das Streben nach der eigenen Selbstverwirklichung. Das Schreiben als Fluch und Segen zugleich, weshalb der Film auch auf künstlerisch ausgeschmückte Momente verzichtet und lieber die traurige Wahrheit hinter Lee Israels Leben nach dem Ruhm durch relativ düsteres Licht mit einer Prise schwarzen Humor reflektiert.

„Can you ever forgive me“ startet am 21. Februar in den deutschen Kinos.

FOTO: Flickr.com / Matthew McQuilkin

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