Theater Review #5: Der Schluckspecht

Theater Review #5: Der Schluckspecht

Am Samstag lief die Uraufführung von „Der Schluckspecht“ in der Blackbox am Schwanenhof nach dem autobiographischen Roman von Peter Wawerzinek über ein Leben in der Alkoholsucht. Den Ich-Erzähler verkörpern Victoria Schmidt und Stefan Piskorz.

„Sind wir eigentlich dem Alkoholismus verfallen?“, denke ich mir, als die Türen der Blackbox für die Zuschauer:innen aufgehen und diese nun schnell ihre letzten Schlucke Bier oder Wein austrinken, das Glas abstellen, und sich hineinbegeben in die Welt des Schluckspechts. Ich tue es ihnen nach. Die Bühne erinnert an ein Vogelhaus im Zoo, mit Pflanzen und einem Holzgerüst, auf dem Stefan Piskorz schon steht, zum Draufklettern und Runterrutschen. Es soll jedoch eine Kneipe sein darstellen, in welcher der Protagonist einen Abend erlebt, der stellvertretend für sein Leben steht.

„Wir haben alle unseren Platz!“, beginnt plötzlich ein älterer Herr einen Monolog mit einem der Zuschauer. Es ist der „Original Schluckspecht“ – Autor Peter Wawerzinek, 62. „Erst ist der Trinker noch Mensch, dann ist der Mensch nur noch Trinker“, sagt er. Nun taucht Victoria Schmidt auf, und los geht die Lebensgeschichte des alkoholabhängigen Protagonisten.

Wo früher meine Leber war, ist heute eine Minibar

So, wie viele Kneipenabende beginnen – leicht und unbeschwert –, beginnt auch das Stück.  Dabei gibt es keine Dialoge, sondern bloß „Textflächen“, also Romanauszüge. Diese werden abwechselnd einzeln und zusammen von den beiden Ich-Erzählern gesprochen. Es könnte am imaginären Alkoholkonsum liegen, als Dramaturgieelement gedacht sein, vielleicht haben aber auch die Proben nicht ausgereicht: Jedenfalls werden die chorischen Elemente leider oft asynchron, mit Wortauslassungen und -wechslern gesprochen. Verständlich in einer Eckkneipe, auf der Bühne stört es jedoch.

Da nur Textflächen gesprochen werden, gibt es keine Handlung im klassischen Sinne und keine Interaktionen mit anderen Personen. Victoria Schmidt und Stefan Piskorz haben daher Zeit, hin und her zu rennen, das Holzgerüst akrobatisch zu erklimmen und sich an einem Seil wieder runter zu hangeln. Man erfährt von der Tante Luci und dem Onkelonkel, bei dem der Protagonist aufwächst – Wawerzineks Mutter floh ohne ihn und seiner Schwester aus der DDR in den Westen – und ihrer Vorliebe für Rumtopf und Eierlikör, die bald auch der Protagonist unbemerkt von ihnen entwickelt. Erst später aber trifft er „sein Mädchen“, die wie für ihn gemacht scheint –  die selbstgebraute schwarze Johanna. Sie begleitet ihn, ist seine große Liebe, seine Begleiterin. Eine weitere Erinnerung an die Kindheit: Tante Luci mag zwar keine Trinksprüche, benutzt aber trotzdem gerne hin und wieder einen, weil das den Mitmenschen so gefällt.

Der Protagonist lernt selbst auch viele Trinksprüche verschiedenster Gruppierungen. Während Stefan Piskorz verlautet: „Lieber einen Bauch vom Saufen als einen Buckel vom Arbeiten!“ oder die Saufgemeinschaft mit „Ein Hund und ein Schwein, die gingen eine Ehe ein, und das Produkt aus dieser Runde, sind wir versoffene Schweinehunde!“ aufeinander einschwört, wird mir bewusst, wie weit verbreitet Alkoholkonsum in der Gesellschaft eigentlich ist. Nämlich soweit: Wir können vor einem Stück über Alkoholismus genüsslich unser Bier trinken. Und ganz ehrlich – und auch auf die Gefahr hin, wie ein Moralapostel zu klingen: Wann wart ihr das letzte Mal komplett nüchtern feiern?

Wie der Phönix aus der Kneipe

Der Kneipenabend zieht sich fort. Bier wird getrunken, ebenso Schnäpse, die der Protagonist wie Bücher verschlingen kann – 10 auf einmal. Der Kneipenboden wird immer mehr zum Sumpf, der den Protagonisten einsinken lässt. Die beiden Schauspieler:innen werden nun auch äußerlich immer mehr zum Schluckspecht, bis zum bitteren Ende. Dieses kommt nach knapp 80 Minuten, die nun doch wie im Saufkoma verflogen waren und mich mitgenommen, aber nicht mitgerissen haben. „Der Schluckspecht“ ist Simon Meienreis‘ erstes großes Regiestück. Dabei wird sein Ziel, durch die Dramaturgie „Emotionen und Zustände zu transportieren“ nur ansatzweise erreicht. Am Ende bleibt das Gefühl bestehen, dass noch etwas fehlt, dass der Sumpf des Alkoholismus noch tiefer sein muss als es im Stück rüberkommt.

Bewegend ist das Stück dennoch. Insbesondere ist es ein großer Gewinn, dass Autor Wawerzinek mitspielt und miterzählt, seine Anwesenheit übermittelt die Authentizität der Zerstörungswut des Alkohols. Im Stück hat der Ich-Erzähler seine schwarze Johanna nicht vollständig verlassen und sie ihn auch nicht. In der Wirklichkeit trinkt Peter Wawerzinek höchstens drei Getränke (nur Gin Tonic oder Sekt!) am Abend. Eine Sucht kann man nicht besiegen, nur kontrollieren. Wem das noch nicht klar ist, sollte sich dieses Stück ansehen. Wem das bereits klar ist, sollte sich dieses Stück auch ansehen.

Besetzung: Peter Wawerzinek (a. G.), Stefan Piskorz, Victoria Schmidt
Musiker: Stefan Scheib
Bühne: Mirrella Oestreicher
Dramaturgie: Franz Burkhard

Die nächsten Aufführungen sind am 13.12.2016 und am 08.01.2016 jeweils um 19.30 Uhr in der Blackbox am Schwanenhof.

FOTO: Jan Bosch

Maik Kristen

Freier Redakteur bei PHILIPP. Macht irgendwas mit Jura und reist gerne nach Russland.