Cavete – lesen und lesen lassen

Cavete – lesen und lesen lassen

Gibt es in der Marburger Kulturszene noch etwas anderes als Theater und den Ruppelschen Slam? Autorin Xenia lässt ihrer Leidenschaft zum Texten nicht nur bei PHILIPP, sondern auch auf der Lesebühne der Cavete freien Lauf.

Poetry Slams über Poetry Slams, seit Jahren, überall, natürlich auch in Marburg. Hier ist man schließlich besonders studiert und intellektuell, siehe: rechtzeitiges Luftholen, wenn eine der drei variablen Reimschemen des Poetry Slams die taktische Sprechpause erfordern. Lacher sind quasi ein Muss, aber werden immer noch nicht auf die Plakate geschrieben. »Poetry Slam, yeah, Comedy unter dem Versprechen der Poesie!«. Nicht jede:r steht auf diesen poetischen Schlagabtausch, bei dem auch jedes Mal ein:e Sieger:in gekürt werden muss. Durch diesen Zwang zur Massenbegeisterung fehlt es leider an vielen Stellen an Ernsthaftigkeit und Empathie. Nachwuchstalente verstecken ihren eigenen Stil hinter erfolgversprechenden Phrasen und Gesten. Geht’s denn nicht auch anders?

This is not your usual slam

Seit 13 Jahren gibt es eine etwas andere Lesebühne im Jazz-Club Cavete. 400 Autor:innen haben laut einschlägigen Quellen aus dem Umfeld der Cavete-Lesebühne schon ebendort gestanden und Literatur und Vergleichbares vorgetragen.

Für Veranstalter Christoph Kirschenmann ist diese Lesebühne kein Slam. Warum wirbt der Flyer denn dann damit – wirst du dich sicher fragen? Wird man da womöglich in die Falle gelockt? Freut man sich auf eine wilde Abstimmungs-Gaudi und trifft dann nur eine biedere Kaffee-Runde an? Die Lesebühne will dem Slam seine Eitelkeit nehmen und das gemütliche Beisammensein in den Vordergrund rücken – weil es kein Wettbewerb und wesentlich weniger reißerisch ist. Man ist als Neuling nicht gleich so einem Druck ausgesetzt. Es werden zwar auch populärere und damit bühnensicherere Autor:innen eingeladen, doch die Mischung aus alt und neu ist fester Bestandteil des Gesamtkonzepts. Die Location der Cavete wurde als Standort ausgewählt, weil dort eine Wohlfühl-Atmosphäre herrscht und diese Lesebühne nun mal zur Cavete gehört wie das Biertrinken zum Studentendasein. Christoph hat es das Gewölbe besonders angetan, deswegen ist er auch Initator des Ganzen Geleses. Stets eröffnet er den Abend mit kuriosen Geschichten von seinem (früheren) WG-Leben oder tragisch-komischen Ereignissen aus Beziehungen. Autor:innen freuen sich auf ein Wiedersehen, geben sich Tipps und lassen sich voneinander inspirieren. Zusätzlich gibt es immer wieder ganz besondere Koryphäen, die man aber tatsächlich live erlebt haben muss.

Safe Space mit Mikrofon

Wenn der:die geneigte Leser:in nun wie ich gerne auch mal abgrundtief deprimierende Texte zwischen oder neben Lachern hören möchte, ist er hiermit herzlich auf die »älteste Lesebühne Marburgs« eingeladen. Wen spontan die Vorlese-Lust überkommt, kann sich während des Abends noch melden und den Open-Stage-Slot dazu nutzen. Selbst wenn man sich nicht auf die Bühne stellen mag – es können einige gute Texte und angenehme Geselligkeit erwartet und dann auch genossen werden. Man kann sich gerne auch still in die Ecke setzen, nichts vortragen und sich geil fühlen, wenn man innerlich seine wohl fundierte Slam-Bewertung abgegeben hat. Jede kurzweilige Textform und auch neugieriger Besuch ist willkommen. Denn zum Credo der Cavete-Lesebühne gehört es nicht nur, unerfahrenen Schreiberlingen eine Bühne und so etwas wie einen literarischen safe space mit Mikrofon zu geben, sondern auch zu inspirieren und zum selbst Schreiben zu motivieren.

Und Bier oder Wein gibt es natürlich auch, falls das irgendwie noch unklar gewesen sein sollte. 

Ok, ich komme. Wie & wo war das nochmal?

Jeden zweiten Mittwoch im Monat findet in der Cavete (Steinweg 12, Marburg) die Open Stage Lesebühne statt. Jede:r kann mitmachen, ob man nun seine zukünftigen Poetry Slam Texte erstmal ausprobieren, surreale Gedichte aus seinem:ihrem pubertären Tagebuch oder die Korrespondenz mit seiner:ihrer Krankenkasse vortragen möchte.

Uuuuund: Die nächste ist am 14.12.2016, diesen Mittwoch. 21:00, gerne pünktlich. Diesmal mit Weihnachtsspecial. Juchu, ein paar PHILIPP-Autor:innen sind auch auf der Bühne anzutreffen!

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Studiert Kunst, Musik und Medien und bereitete sich darauf mit Wörtern, Dreck und tiefgründigen Gesprächen über Taubenkacke vor. Russischer Import, in Berlin kultiviert.
http://kitarsis.wordpress.com