Sneak Review #72 – Lion: Der lange Weg nach Hause

Sneak Review #72 – Lion: Der lange Weg nach Hause

Ein Dienstag im hauptsächlich grauen und semesterfreien Marburg. Wir fragen uns wie jede Woche: „Sneak oder Sixpack?“. Dieses Mal lief der für einen Oscar nominierte Film „Lion: Der lange Weg nach Hause“ (OT: Lion) von Garth Davis, Saroo Brierley und Luke Davies. 

„Lion: Der lange Weg nach Hause“ basiert auf der wahren Geschichte des tatsächlich existierenden Saroos: Ein mit seiner Familie in armen Verhältnissen irgendwo im indischen Nirgendwo lebender fünfjähriger Junge, Saroo (Sunny Pavar), folgt seinem großen Bruder zur nächtlichen Arbeit, schläft aber am Bahnhof ein. Als er aufwacht, ist sein normalerweise gut sorgender Bruder noch nicht wieder aufgetaucht, Saroo begibt sich auf die Suche. Er steigt in eine leere Bahn ein und durchsucht erfolglos jedes Abteil. Plötzlich fährt die Bahn los. Nach verzweifelten Versuchen, aus zu steigen und einigen Tagen Fahrt landet Saroo schließlich in Kalkutta.

„I’m not from Calcutta… I’m lost.“

Es beginnt ein langer Weg, auf dem sich das Kind selbst mit Essen, Trinken und einem Schlafplatz versorgen muss. Er weiß nicht aus welcher Richtung der Zug kam, spricht kein Bengalisch, sondern nur Hindi, und ist eben ein wehrloses Kind. Alles, was er kann, ist wegrennen.

Nach einigen Monaten auf der Straße wird er von einem freundlichen Fremden zur Polizei gebracht, mit der er sich aber nicht verständigen kann und die nicht mal von seinem Heimatort gehört hat. Er landet in einem Waisenhaus, wo natürlich auch nicht die besten Verhältnisse herrschen. Dort wird er schließlich von einem australischen Paar (Nicole Kidman und David Wenham) adoptiert und beginnt bald in Australien ein „normales“, privilegiertes Leben.

Mit Mitte 20 (den erwachsenen Saroo spielt „Slumdog Millionaire“ Dev Patel) und völlig an das australische Leben angepasst wirft ihn ein „indischer Abend“ bei Freunden in seine Vergangenheit zurück. Saroo beschließt, „Zu Hause“ ausfindig zu machen. Es beginnt ein langer Weg zurück.

Have you heard about this new program Google Earth?“

„Lion: Der lange Weg nach Hause“ ist für sechs Oscars nominiert, unter anderem in den Kategorien bester Film und bestes adaptiertes Drehbuch. Man mag von den Oscars halten, was man will, aber insgesamt ist der Film zurecht nominiert. Es gibt ästhetisch ansprechende Landschaftsaufnahmen, mehr als einige Momente, in denen zart besaitete Kinobesucher von Rührung weinen könnten und natürlich ist die Geschichte gut, schließlich schreibt das Leben die besten.

Auch der Cast des Films ist weitestgehend gut gewählt, besonders im Indien-Teil. Der erwachsene Saroo sieht leider überhaupt nicht aus wie der echte (wird nach dem Abspann gezeigt), was Dev Patels Schauspiel keineswegs weniger gut macht.

Minuspunkte gibt es für die Filmmusik, obwohl das sicherlich Geschmackssache ist. Einige Momente während Saroos Suche werden zu lang gestreckt. Womöglich sollen diese die Recherchearbeit nach seinem Heimatort und den harten Weg nach Hause illustrieren, aber man hätte vielleicht auch anderen Szenen mehr Zeit geben können.

„Lion: Der lange Weg nach Hause“ ist seit dem 23.02.2017 in allen deutschen Kinos zu sehen. 

Foto: The Weinstein Company

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Studiert Kunst, Musik und Medien und bereitete sich darauf mit Wörtern, Dreck und tiefgründigen Gesprächen über Taubenkacke vor. Russischer Import, in Berlin kultiviert.
http://kitarsis.wordpress.com