Die Universität als Fremdkörper

Die Universität als Fremdkörper

Ein Umzug in eine neue Stadt, die erste eigene Wohnung, die fremden Menschen, aber auch das Studium und die Universität können sowohl aufregend als auch sehr einschüchternd sein. Der Weg zu einer Hochschule fängt jedoch schon vor dem Schreiben der ersten Bewerbung an. Gerade wenn ein Studium oder eine Universität im eigenen Umfeld eher als etwas Unvertrautes oder Fremdes gilt, kann ein Studium auch als großes Risiko angesehen werden.

Der Weg zum Studium ist sehr unterschiedlich trotz allgemein steigenden Zahlen von Studierenden. Abgesehen von den verschiedenen Bildungswegen zu einem Hochschulzugang spielt auch der Bildungshintergrund der eigenen Familie immer noch eine entscheidende Rolle. Stichwort Chancengleichheit. Die Sozialerhebung von 1951 – 2016 sowie der Hochschulbildungsreport belegen Studierenden eine mangelnde Bildungsmobilität. Damit ist gemeint, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder denselben Bildungsweg wie ihre Eltern einschlagen, sehr hoch ist.

Initiative Arbeiterkind

Um mehr Chancen- und Bildungsgerechtigkeit zu erreichen setzt sich unter anderem die Initiative Arbeiterkind seit ihrer Gründung im Jahr 2009 ein. Sie informieren und unterstützen Schüler*innen, Familien und Studierende ohne Hochschulerfahrungen. Dabei handelt es sich nicht um eine rein studentische Inititative. Nathalie Becker, Edeltraud Niehoff und Lena Jur sind Student*innen gewesen und Tarik Orliczek ist es noch. Nathalie ist mittlerweile berufstätig, Edeltraud im Ruhestand und Lena Doktorandin in der Geschichtswissenschaft. Sie engagieren sich in der Marburger Lokalgruppe Arbeiterkind. Neben den monatlichen Treffen in den Lokalgruppen suchen sie „den intensiven Kontakt zu regionalen Schulen, um Jugendlichen von unserer Arbeit zu erzählen, ihnen eine Anlaufstelle zu sein und ihr Interesse an einem beruflichen Fortkommen zu wecken.“, sagt Nathalie. Edeltraud möchte aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen junge Menschen zum Studium ermutigen: „Ich hätte selber jemanden gebraucht, den ich hätte fragen können oder der mir Mut gemacht hätte, Menschen zu suchen, die ich hätte fragen können (…).“.

Die Lokalgruppe in Marburg ist gut vernetzt und kooperiert unter anderem mit der Philipps-Universität, Schulen, der Arbeitsagentur und lokalen Projekten. So haben Nathalie, Lena und Tarik über Mitbewohner, dem Arbeitgeber und durch Zeitungen selber zu Arbeiterkind gefunden. Die Lokalgruppe baut Infostände unter anderem auf Ausbildungsmessen, auf dem Sozial-/Elisabethmarkt oder der Engagier-dich-Messe auf. Außerdem besuchen sie Schulklassen der Oberstufe im Großraum Marburg-Biedenkopf und bieten Informationsgespräche über die VHS im Landkreis an. Aber auch über die lokalen Gruppen hinaus finden hessenweit und bundesweit Treffen zum kollegialen Austausch, für Fortbildungen und Projekte statt. Mittlerweile gibt es sogar je eine Arbeiterkind.de-Gruppe in Paris und Brüssel. Aufgrund der Pandemie finden viele der Treffen und Messen natürlich Online statt. Auch wenn die Onlinetreffen gut funktionierten, konnten sie die Treffen vor Ort nicht zu 100 Prozent ersetzen.

Wert des Engagements

Foto: @Landkreis Marburg-Biedenkopf _Rainer Waldinger

Auch wenn Ehrenämter nicht entlohnt werden, lohnt es sich. Tarik gibt die Arbeit und das Engagement in der Gruppe viel zurück. „Mir selbst bereitet das Eins-zu-eins-Mentoring sehr viel Freude.“ Dabei lernt er die entsprechenden Leute gut kennen und die individuellen Hürden, die jede*r Einzelne überwinden musste. „Natürlich ist es dabei immer auch ein großer Freudenmoment, wenn irgendwann die Nachricht einer Stipendienzusage hinein geflattert kommt. Aber nicht nur das; es können sich manchmal auch sehr schöne fachliche Beziehungen daraus entwickeln, wie ich erlebt habe“. Ebenso erfährt Edeltraud viel Erfüllung im Engagement in der Initiative: „Ich liebe das Netzwerken und bin überzeugt, dass mein persönlicher Kontakt sehr wichtig ist, wenn ich etwas bewegen möchte“. Nathalie ist wiederum trotz Widerständen durch ihre Herkunft sehr dankbar für ihren eigenen Bildungsweg und möchte jungen Menschen Mut für ihre eigenen Entscheidungen zusprechen.

Wenn ihr euch auch bei Arbeiterkind engagieren möchtet oder deren Hilfe in Anspruch nehmen wollt oder auch beides, dann könnt ihr über deren Homepage eine Lokalgruppe in eurer Nähe suchen oder euch im Netzwerk anmelden. Was die Marburger Lokalgruppe angeht, könnt ihr euch per Mail melden(marburg@arbeiterkind.de) oder über die sozialen Medien Kontakt aufnehmen.

Foto: @CCPxHere

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studiert Politikwissenschaften, verbringt zu viel Zeit um sich über die BILD aufzuregen und isst süßes und salziges Popcorn gemischt.

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