Ich war bei G20 und mir ist egal, wer den ersten Stein schmiss

Ich war bei G20 und mir ist egal, wer den ersten Stein schmiss

Zwei Wochen sind seit dem G20-Gipfel in Hamburg vergangen und noch immer sind viele Fragen ungeklärt. Autorin Muriel berichtete für die taz. die tageszeitung vom Gipfelgeschehen und rekapituliert hier das Erlebte. 

Wir wandern durch die von Menschen bevölkerten Straßen. Alle sind gekommen, um zu sehen wie das Schulterblatt in Flammen aufgeht. Zugegeben: Es ist spektakulär. Rauchschwaden steigen auf, Polizeitrupps marschieren umher. Ins Herzstück der Sternschanze trauen sie sich trotzdem nicht hinein. Hubschrauber kreisen am Himmel. Immer wieder knallt es. Unter der Sternbrücke spielt eine Gruppe Männer mitten auf der – sonst stark befahrenen – Kreuzung Fußball, ein paar Leute sitzen vor einer brennenden Barrikade und singen Wonderwall. Das Flackern des Feuers wirft seltsame Schatten auf ihre Gesichter. Es riecht nach Rauch und Anarchie.

Eine Woche zuvor: Ich komme aus der Redaktionssitzung der taz, die uns angereiste Journalist:innen auf die kommenden Tage vorbereiten soll. Noch am selben Abend wird ein Konzert der bekannten Ska-Punk Band Irié Révoltés stattfinden, in und vor der Roten Flora. Im Jahr 1989 wurde das frühere Flora-Theater besetzt, seitdem ist die Flora das über Stadtgrenzen hinaus bekannte Herzstück der linksautonomen Szene Hamburgs. »Heute könnte es zum ersten Mal knallen« – der Satz einer taz-Redakteurin hängt in meinen Ohren, als ich später am Abend zu der großen Menge Konzertbesucher stoße. Aus dem überfüllten linken Zentrum dringen erste Musikklänge, ein Mann schreit ins Mikrofon: »GEMEINSAM VERHINDERN WIR DEN G20-GIPFEL«, die Menge skandiert „Alerta! Alerta! Antifaschista“Mitten in der tobenden Menschenmenge zündet jemand ein bengalisches Feuer, dessen roter Lichtschein sein schwarz vermummtes Gesicht erleuchtet. Nach etwa einer halben Stunde verlasse ich das Schulterblatt. Auf dem Weg nach Hause füge ich »Zombie« von den Cranberries meiner Spotify-Playlist hinzu. Mir ist nach Anti-Kriegsliedern.

Willkommen in der Hölle

G20 ist die Kurzform für »Gruppe der 20« und meint die 19 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer und die EU. 1998 gegründet, trifft sich der informelle Zusammenschluss jährlich um über Fragen wie Handel, Finanzsysteme und Umwelt von internationaler Relevanz zu diskutieren. Trafen sich bis zu Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008 »nur« Finanz- und Außenminister:innen, wurde dieser illustre Zirkel seitdem um die Staats- und Regierungschef:innen der Mitgliedsländer ergänzt. Der Vorsitz wechselt jährlich – in diesem Jahr sollte Deutschland das Vergnügen haben. Warum Hamburg als Standort gewählt wurde, wurde im Vorfeld vielfach diskutiert. Zynische Stimmen ließen verlauten, es sei eine Entschädigung für den Hamburger Oberbürgermeister Olaf Scholz, dem die Stadtbewohner:innen eine Absage für die Olympischen Spiele erteilt hatten. Die Hamburger:innen wollten auch den G20-Gipfel nicht – doch diesmal hat sie niemand gefragt.

Schon die Woche vor dem Gipfel verläuft alles andere als ruhig: Ein obskures Machtspiel zwischen Verwaltungsgericht, Polizei und Protestler:innen entwickelt sich an der Frage, ob auf den zwei angekündigten Protestcamps geschlafen werden darf. In der Nacht auf Montag setzt die Polizei zum ersten Mal Pfefferspray ein – und entfernt so erfolgreich elf Zelte im Camp in Entenwerder. Die Organisator:innen der Welcome to Hell-Demonstration stellen ein Ultimatum: Sollte bis Dienstag um 10 Uhr das Camping in Entenwerder nicht erlaubt sein, würden Protestler:innen öffentliche Plätze in Hamburg besetzen. Als das Ultimatum – Überraschung, Überraschung – unbeachtet verstreicht, bilden sich tatsächlich spontane kleine Camps in der gesamten Stadt: Auch mehrere Kirchen und das Deutsche Schauspielhaus öffnen ihre Türen. Spätestens aber, als der Hamburger Fußballverein Sankt Pauli Schlafplätze auf seiner Tribüne anbietet, lachen die Protestler:innen nur noch über das Schlafverbot. »Yes we camp, skandieren sie.

Heute fangen wir mal an

Über die Woche verteilt finden zahlreiche Protestaktionen gegen den Gipfel statt: Vom bizarr anmutenden No-G20-Yoga, über Massencornern am Kiez bis zur Nachttanzdemo gehören viele friedliche Protestformen dazu. Doch es gibt auch die anderen – ein Video der Organisatoren der Welcome to Hell-Demo kursiert im Netz. Dass diese ihren Namen nicht zu Unrecht trägt, lassen die vermummten, wütenden Gestalten, die bepackt mit Schlagstöcken und bengalischen Feuerwerkskörpern durch Hamburg toben, bereits im Video erahnen. Auch die Polizei scheint den Clip gesehen und ernst genommen zu haben, denn sie ist überall. Als die berüchtigte Höllen-Demo losgehen soll, stoppt sie sie nach etwa 200 Metern. Genau wie die Gewalt von Seiten der linksradikalen Demonstrant:innen sollte auch die der Polizei nicht unerwartet gewesen sein. Einsatzleiter des G20-Gipfels Hartmut Dudde ist zumindest stadtbekannt. Dafür, dass er Karriere machte unter dem Rechtspopulisten Ronald Schill, dass er mit Vorliebe Demonstrant:innen einkesselt und 2009 ein noch friedliches Konzert auf dem Schanzenfest stürmte. Dabei soll er seinen Untergebenen gesagt haben: »Heute fangen wir mal an«, wie es der taz berichtet wurde.

Wir sollen auf uns aufpassen. Müssen wir es auch?

Es ist wieder Freitagabend. Unter den Journalist:innen geht die Nachricht herum, die Polizei stürme gleich das Schulterblatt mit einem Sondereinsatzkommando. Wir sollen bitte gehen. Auf dem Weg nach Hause werden wir plötzlich von zwei Männern angeschrien: »Stehen bleiben! Bleibt sofort stehen!« Sie sind unauffällig gekleidet und werden gerade von der Polizei kontrolliert. Vielleicht wollen sie Zeugen. Die Polizisten beachten uns kaum, verlangen die Ausweise der Männer. Nach einiger der Zeit fragt einer der Kontrollierten: »Kann ich jetzt bitte meinen Ausweis wieder haben?« Der Polizist starrt ihn kurz an, dann pfeffert er kommentarlos den Ausweis auf den Boden und steigt in sein Auto. Wir sprechen kurz mit den Jungen. Als sich unsere Wege trennen, sagen sie: »Passt auf euch auf“.

Als ich wieder zurück nach Marburg komme, stellen die Leute Fragen: Wie war’s was hast du gesehen wie war das mit der Polizei und den Demonstranten wer war jetzt eigentlich Schuld? Die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Eigentlich weiß das niemand so richtig: Nicht die Medien, die sich panisch in Erklärungen stürzen und abwechselnd die Linksautonomen und die Polizei anklagen. Auch nicht die Bürger:innen Hamburgs, die von den Weltpolitiker:innen und Protesttourist:innen in den Trümmern ihrer Stadt zurückgelassen wurden. Schon gar nicht Olaf Scholz, dessen »Fest der Demokratie« als furchteinflößendste Straßenschlacht der jüngeren deutschen Geschichte in die Annalen eingehen wird. Fest steht für mich nur eins: Zwischen prügelnden Polizist:innen und Steine und Molotowcocktails-schmeißenden Protestler:innen habe ich ein Stück meines Glaubens an Deutschland als friedliche Demokratie verloren.

Deutschland ist nicht Libyen

Die Präsenz der Polizei vor und während des Gipfels war immens. Das fiel vor allem auf, da diese Polizist:innen nicht wie Polizist:innen aussahen, sondern wie Soldat:innen. Ebenso vermummt wie der schwarze Block, dazu noch ausstaffiert mit schweren Waffen, bot ihr Heer einen furchteinflößenden Anblick. Das war neu für mich: Als ziemlich gesetzestreue Bürgerin, mal abgesehen von meiner Ungeduld gegenüber roten Ampeln,  hatte ich mir nie Gedanken gemacht über die potenzielle Gefahr, die von der Polizei ausgehen könnte. Doch was ist eigentlich Gesetzestreue, in einer Woche in der Miniaturcamps mit Wasserwerfern und Pfefferspray geräumt werden, in der die Polizei durch Lautsprecher verkündet: »Wer sich jetzt noch am Schulterblatt aufhält, ist kein Unbeteiligter mehr«? Mit zunehmender Gewalt seitens der Aktivist:innen erschien mir die Machtausübung der Polizei immer willkürlicher zu werden.

Das Internet definiert: »Willkür, die: Ein Verhalten, das nur eigene Interessen und keine Rücksicht auf gemeingültige Regeln oder Menschen nimmt.« Es ist die Willkür des Handelns der Hamburger Akteure, die für mich rückblickend das größte Problem darstellt. Nicht nur die Polizei handelte zunehmend entgegen allgemeingültiger sozialer Gesetzmäßigkeiten, auch oder gerade die Randalierer der Sternschanze taten es. Andreas Beuth, Sprecher der Roten Flora, erklärte am Tag nach den Ausschreitungen: »Wir als Autonome haben gewisse Sympathien für solche Aktionen, aber bitte doch nicht im eigenen Viertel.« Später distanzierte er sich dafür, der fade Beigeschmack, dass er es aufgrund sozialer Erwünschtheit tat, bleibt trotzdem. Wenn das Handeln der Randalierer selbst für die linksautonome Flora unerklärlich erscheint, ist etwas schief gelaufen. Und in Hamburg ist vieles gewaltig schief gelaufen. Die linke Szene hat ein Problem und will nicht darüber reden. Und Olaf Scholz sagt, Polizeigewalt hat es nicht gegeben, obwohl es auch dafür Beweise gibt.

In den Tagen nach den Ausschreitungen wurden, im Angesicht der Bilder brennender Barrikaden und geplünderter Supermärkte, vielfach Bürgerkriegsvergleiche gezogen. Das ist falsch und anmaßend. Egal wie verrückt die Hamburger Nächte erschienen: Deutschland ist nicht Libyen und niemand von uns war wirklich in Lebensgefahr. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Gewalt seitens der Polizei und der Protestler:innen ein Ausmaß erreichte, das unserer Generation noch nicht bekannt ist.

Dabei ist es egal wer angefangen hat; egal, wer den ersten, mehr oder weniger metaphorischen, Stein schmiss. Wir sollten uns lieber fragen, wie zur Hölle es so weit kommen konnte.

Foto: Privat

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Freie Autorin und Studentin der Politikwissenschaft. Frankophil und mitunter zu zynisch.