Jede Zeit hat ihre Sitten

Jede Zeit hat ihre Sitten

Das Student*innen gerne feiern, ist kein Geheimnis. Wie wäre es aber, wenn wir anstatt uns von WG-Partys mit Zigaretten auf kleinen, eisigen Balkonen im Wintersemester in den Festival-Sommer mit Outdoor-Partys an der Lahn tanzen, mal einen Blick in die Vergangenheit wagen? WG-Partys gab es damals nämlich nicht. Was aber dann? PHILIPP hat eine Kollision der Generationen organisiert und gefragt, wie damals gefeiert wurde. Erfahren haben wir dabei, was eine Ziege auf einem Maskenball verloren hat und was eigentlich der Seeweg von Weidenhausen ist.

Wir sitzen in einem kleinen Wohnzimmer auf einer grünen Samt- Couch. Hinter uns hängen alte Kunstwerke und auf dem runden Holztisch vor uns steht ein langsam verblühender Blumenstrauß, der aber trotzdem noch bunt leuchtet. Heino Hummel hat uns in sein kleines, aber lichtdurchflutetes Apartment eingeladen. Nachdem er eine Zigarette geraucht hat, macht er es sich auf seiner Couch gemütlich, faltet die Hände auf seinem runden Bauch zusammen und beginnt zu erzählen: „Wir hatten, wie das so im Dorf üblich ist, Familien, die gegenseitig zu Geburtstagen mit Tanzvergnügen oder zum gemeinsamen Schlachteressen einluden. Auch Maskenbälle gab es, allgemein haben sie viel gefeiert.“ Ursprünglich kommt der Mitte-80-Jährige aus Zickelrota in Sachsen-Anhalt. Ehemalige DDR also. „Die wollten ja, dass die Leute ein bisschen abgelenkt werden“, sagt Hummel und sein Blick schweift in die Ferne, während er weiter aufzählt: Betriebsvergnügen, Frauentag, Erntedankfest, Brigadefeiern, zu all diesen Events gab es große Feste, „um die Leute ein bisschen bei der Stange zu halten.“

Anders ist es mit Herr Diekmann. Der erinnert sich eher an die Straßenfeste, wie sie in Marburg üblich waren und noch heute sind. Während seines Studiums in Marburg, war er stets dabei, wenn die Blaskapellen auf den Stadtteilfesten für Tanz und Trubel sorgten. „Da ham’ wa als Studenten auch mächtig tief ins Glas geguckt“, gesteht er, während er in seinem hellen Wohnzimmer zu den mit weißen Vorhängen zugezogenen Fenster blickt. Herr Diekmann ist ein älterer Herr mit weißen Haaren und runder Brille, dessen Lachfältchen von einem guten Gemüt erzählen. Er war immer gerne auf den Straßenfesten, sagt er, und hat später sogar bei der Organisation geholfen. Besonders gern hat er dabei Bier getrunken, „das ist das Übliche gewesen“, und davon dann auch mal etwas mehr. „Wir mussten schon ein paar Bier intus haben, bis wir über die Strenge geschlagen sind, aber passiert ist das auch. Ich kann mich erinnern, als Student bei irgendeinem der Marburger Stadtteilfeste, da haben ‚wa den Seeweg von Weidenhausen in die Innenstadt gewählt, indem wir die Lahn runter geschwommen sind.“

„Ich trinke nicht gern, da bleibt das Feiern schon mal klein“

Bei dem Ehepaar Briel gab es solche Geschichten eher weniger. „Ich trinke nicht gern. Da bleibt das Feiern schon mal klein“, meint Herr Briel. Die beiden sitzen an ihrem kleinen Esstisch, der zuvor noch mit Kaffee und Keksen bedeckt war. Jetzt steht dort das Kinderspiel Looping Louie, das wir zur Präsentation mal mitgebracht haben. Wir erklären den Beiden, wie es heute als Spiel zum Trinken umfunktioniert wurde und machen eine Testrunde. Frau Briel lacht. Ihr Mann findet das leider nicht so witzig. „Sowas würde ich gar net machen.“, sagt er. Herr Diekmann hingegen versteht den Spaß an Trinkspielen: „Wir haben gewürfelt, das stimmt. Das haben wir früher beim Würfeln auch gehabt, wer ’ne Sechs hatte, der musste einen ausgeben und sowas.“ Zum Looping Louie meint er: „Och das würd ich schon machen, joa. Da würd ich ein Bierchen zu trinken, ’ne Cola. Ich kann mir ja ÅLn Schnaps in mein Colagläschen füllen.“ Bei Herrn Hummel gab es auch keine Trinkspiele, Alkohol hat er aber trotzdem gerne getrunken. Er berichtet von Whiskey, Weinbrand, Wodka oder dem „Kumpel tot“ – „Des war ‘n Bergmannschnaps, steuerfrei. Da kostete ’ne Flasche 1,80. Damals in der DDR“ meint er, „da wurde alles getrunken, was flüssig war.“ Da sich das alles sehr wild anhört, fragen wir ihn nach seinen Trink-Abenteuern. „Die Geschichten war’n immer lustig“, sagt er und erzählt uns von einer Wette auf einem Maskenball. Herr Hummel hatte sich damals in den 60ern . la Mad Men als Gentleman verkleidet, mit Hut und allem. Mit Freunden wettete er dann darum, dass niemand die störrische Dorfziege auf die Feierlichkeiten bekommen könne. Doch irgendwann stand sie da. Eine mähende Ziege auf dem Maskenball. Die Freunde konnten es kaum glauben, lachten und tranken darauf. Die Ziege durfte später wieder nach Hause, der Wetteinsatz wurde fair beglichen. Was der war? Eine 0,75 L Flasche Schnaps. „Des ‚is doch nix“, fügt Herr Hummel deshalb mit ernster Miene hinzu.

„Das ist mehr Gehuppel, als Getanze!“

Schließlich wollen wir uns noch mit dem wichtigsten Partygegenstand beschäftigen: Der Musik. Wir möchten von den Herren und der Dame wissen, was sie von der „modernen“ Musik so halten und wie wir ihrer Meinung nach wohl darauf tanzen würden. Wir haben uns etwas ganz Spezielles ausgesucht und spielen ihnen den Goa-Song „Creatures From Planet Nurbach“ von Fuzzonaut vor. Herr Briel ist offensichtlich nicht so begeistert. „Also die modernen Tänze, Rock und so weiter, des haben wir ja alles ga net gemacht.“ Seine Frau allerdings versucht ihr Glück: „Das ist mehr Gehuppel, als Getanze. Ich glaube, dass die da dann so mehr hin und her springen. Auch Herr Diekmann hat einen Vorschlag: „Da könnt ich mir vorstellen, da stehen sich zwei gegenüber und machen irgendwelche Verrenkungen.“ Wir müssen lachen. Irgendwie stimmt das ja auch. „Goa, das klingt nach Südsee. Aber des ‚is gar kein Lied. Das is ‘ne Aneinanderreihung von Schlagzeuggeräuschen.“ Sein Fall sei die Musik jedenfalls nicht. Herrn Hummel geht es ähnlich. „Ach…“, er schüttelt den Kopf, „so ’ne Hip Hop Musik.“ Das ist nicht Hip Hop, das nennt sich Goa werfen wir ein. Er ignoriert uns. „Am schönsten ist der Takt. Am liebsten würd‘ ich dann das Luftwaffenblasorchester hör’n. Ein schöner Walzer. Da wurde getanzt. Schön. Je mehr, dass du die Freundin an dich drücken konntest desto besser war’s.“ „Das haben wir aber leider nicht mitgebracht“, entschuldigen wir uns. „Naja“, meint daraufhin Herr Hummel, „Jede Zeit hat ihre Sitten. Des ‚is eben so.“

Auch die Briels erinnert sich an die damaligen Tänze. „Wir haben wenig getanzt. Wir waren keine Tänzer“, meint Herr Briel und erhält direkt Einspruch von seiner Frau: „Du warst kein großer Tänzer. Ich hab gerne getanzt.“ Mit einem leicht wehmütigen Blick zu ihrem Mann sagt sie: „Der Vadder geht mit mir nicht mehr aus.“, fügt aber llächelnd hinzu: „Wenn ich 100 werd, dann lad ich Sie aber ein.“ Ob es dann auch Alkohol geben wird?, fragen wir. Da verließe das Ehepaar sich auf die Kinder: „Gottseidank haben wir die so erzogen, dass wir dabei keinerlei Schwierigkeiten haben.“ Zum Abschied hat Herr Diekmann noch einen Tipp für uns. Er empfiehlt uns das Weidenhäuser Höfefest. „Da gehen ’se mal auf jeden Fall hin. Das ist das interessanteste Stück Alt-Marburg, was Sie erleben können. Jeder Hof in Weidenhausen macht da ’ne Gastronomie auf oder holt ’ne Blaskapelle und da kommen dann ganz viele Leute hin.“ Und für uns Marburger Studierende weiß er auch für den flüssigen Genuss einen Rat: Mit dem Marburger Nachtwächter könne man nichts falsch machen. „Ein großer Likör aus einer kleinen Stadt. Kaufen Sie Sich mal einen!“

FOTO: Luis Penner

Anna Kochanow

Verantwortliche für Marketing und Akquise bei PHILIPP. Studiert Kunstgeschichte im Master. Hat ein Gründer:innenherz und liebt schöne Menschen, schöne Ideen und schönes Konfetti.