TheAngelcy vergleichen Israel mit einem Donut

TheAngelcy vergleichen Israel mit einem Donut

TO THE ENGLISCH VERSION

„Verzweifelt, naiv, irgendwie komisch und vielleicht auch sensibel“ – so müssten die Engel für die Agentur ‚TheAngelcy‘ sein. Im echten Leben ist die Agentur aber eine Band aus Israel, die gerade erst auf Europatour war. Die sechs Musiker:innen spielten am 16. Februar im KFZ in Marburg. PHILIPP hat mit dem Sänger und Gitarrist Rotem Bar Or über das Leben, Israel und seine Ex-Freundin in Hamburg geplaudert.

PHILIPP: Wenn ich eure Musik höre, habe ich – als jemand der noch nie in Israel ist und wenig über die politische Lage dort weiß – das Gefühl, dass ihr den Soundtrack Israels macht. Liege ich damit richtig? Hat die israelische Musikkultur einen großen Einfluss auf euch?

Rotem Bar Or: Naja… also die israelische Musikkultur?

Maya Lee Roman, die die Band auf ihrer Tour mitsamt ihres Babys und einer Sitterin begleitet, schiebt den Kinderwagen durch den Raum. Alle Blicke sind auf den Sprössling gerichtet.

Rotem: Jeder interessiert sich für das Baby, weißt du? Das ist gerade spannend. Ich beantworte die Frage. Er (zeigt  auf das Baby) wird eines Tages ein Singer-Song-Writer werden, oder Maya?

Maya Lee Roman: Ein Songer-Sing-Writer. Es ist der reinste Alptraum! (lacht)

Rotem: Sie hätte lieber, dass der kleine ein professioneller Vergewaltiger wird, oder so etwas…

Alle lachen. Einen so derben Humor hätten wir der Band nicht zugetraut. Schließlich schlägt die Kombo aus Tel Aviv meist zartere Töne an. Maya schiebt den Kinderwagen in die Ecke des Raums.

Ja, das ist eine ziemlich lange Frage.

Rotem: Wir haben nicht den Soundtrack zu so einem großen Thema wie Israel gemacht, einfach nur den Soundtrack zu unserem Leben. Und klar, weil wir Israelis sind, hat unser Leben auch eine Menge mit der Situation zu tun, mit der wir dort als junge Menschen – also fast noch jung – konfrontiert werden. Aber wir versuchen auch etwas universelleres mit unserer Musik zu erschaffen. Die Musik ist wie ein Tor für uns. Unsere eigene örtliche Erfahrung oder sogar unsere spezifische Erfahrung ist einfach Mensch sein: Es geht um unseren Liebeskummer, unsere Ängste und Freuden. Wir versuchen das als ein Tor zu etwas universellerem, menschlicherem zu nutzen.

Es scheint, dass das auch bei vielen Menschen außerhalb Israels ankommt…

Rotem: Ja, das hoffe ich. Ich denke Israel hat eine sehr komplexe Kultur dafür, dass es so ein kleines Land ist. Sehr heterogen, weil die Menschen jüdischer Herkunft oft aus der ganzen Welt kommen, aus vielen verschiedenen Kulturen, verschiedene Musikstile und Traditionen kennen und unterschiedliche Einflüsse haben. Und natürlich gibt es da noch die Palästiner (überlegt) dieses Gebiet. Wir sind aus all dem zusammengewürfelt und damit ein Teil der globalisierten Welt, ein Teil des Imperiums… ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Ein Teil des Westens, verstehst du? Wir sind Teil des gleichen Imperiums.

Vielleicht der westlichen Zivilisation? Aber das wäre ein großes Wort…

Rotem: Aber es stimmt. Wir sind alle ähnlich aufgewachsen: Du in Deutschland, ich in Israel, jemand anderes vielleicht in Frankreich und höchstwahrscheinlich war die Hälfte dessen, was wir im TV, im Kino und Radio mitbekommen haben, dasselbe.

Der Schlagzeuger Udi Naor filmt das Interview und schaltet sich ein.

Udi Naor: Und das Gleiche gilt auch für unsere Eltern und Großeltern. Meine Großeltern kommen aus der Tschechei, Bulgarien, Polen und Ungarn. Also so eine osteuropäische Kultur.

Rotem: Meine Eltern kommen aus Südamerika. Die Menschen jüdischer Herkunft kommen aus der ganzen Welt.

Ihr lebt in Tel Aviv. Ist die Stadt eine Blase, also ein relativ friedlicher Ort im Vergleich mit anderen Städten in Israel?

Udi: An dem Tag an dem unser Flug in Israel ging, war ein Bombenalarm. Die Leute hatten alle Angst, weil es vor eineinhalb Jahren fast täglich einen Alarm in Tel Aviv gegeben hat, weil eine Menge Raketen auf uns geschossen wurden. Die Leute trinken Kaffee, sind auf Instagram – Cupcakes, Einhörner und alles – und dann hören sie, dass sie bombardiert werden.

Rotem: Die Werte – noch vor den politischen Ansichten – für TheAngelcy sind die einer Minderheit in Israel. Aber es ist nicht nur Tel Aviv. Wir haben auch eine große Zuhörerschaft außerhalb von Israel. Aber es sind immer sehr bestimmte Leute. Allein dadurch, dass die Musik auf englisch ist, spricht sie mehr Leute an, die offen für die westliche Kultur sind und weniger auf den hebräischen Pop stehen. Es ist eine ganz andere Welt. Die meisten von diesen Leuten wissen nicht einmal, dass wir existieren. In manchen Kreisen sind wir sehr populär und in anderen unsichtbar. In Tel Aviv ist die liberale Minderheit eine Mehrheit. Diese Mehrheit will einen säkularen Staat und Teil der Welt sein. Es ist also eine Art Blase in Israel. Aber auf eine bestimmte Art denke ich, dass Israel eine Blase in der Welt ist und Tel Aviv der einzige Teil, der nicht Teil dieser Blase, sondern mit der Welt verbunden ist.

Eine Blase in der Blase, ein bisschen wie bei Inception…

Rotem: Israel ist eigentlich ein Donut und Tel Aviv ist die komplette Mitte des Donuts.

Udi : Ich liebe diese Metapher!

Rotem: Er liebt Essen.

Udi (murmelt): Israel ist ein Donut…

Okay, ich möchte jetzt nicht zu sehr in das große Thema eintauchen. Ihr habt darüber gesprochen, dass sich eure persönlichen Erfahrungen in eurer Musik widerspiegeln und ich habe das Gefühl, eure Musik ist sehr intim. Ihr singt über manche Sachen, die ich mich nicht einmal trauen würde, einem guten Freund zu sagen. Wie könnt ihr mit dieser Art von Verletzlichkeit umgehen?

Rotem: Ich kann dir sagen, dass es eine Herausforderung für mich ist, manche Textstellen zu singen. Ich werde immer nervös, bevor ich sie singe. Aber immer, nachdem ich sie gesungen habe, ist da ein komplett anderer Vibe im Raum. Wenn wir immer nur das teilen würden, was korrekt zwischen uns ist – wenn du also jemanden triffst und ihr tauscht euch nur auf politisch korrekter Ebene aus – das ist als würde sein Repräsentant deinen Repräsentant treffen, ihr hättet euch nie wirklich getroffen. Und um eine wirkliche Verbindung aufzubauen, müssen wir Grenzen überschreiten, etwas kaputt machen. Wir müssen das falsche sagen, aber die Dinge beim Namen nennen, sogar auf eine lustige Art und Weise. Wir müssen einen Weg finden, die Dinge ein bisschen weniger schrecklich zu machen. Aber wir müssen uns mit dem Schrecklichen auseinandersetzen, um eine Beziehung aufzubauen. Und ich denke, dass es eine große Kraft von Kunst ist, dass sie uns erlaubt, ein bisschen mehr zu sagen, als in einer normalen Unterhaltung, zumindest mit einem Fremden. Dinge, die ich niemals zu einem Fremden sagen würde, kann ich auf der Bühne singen. Und es ist okay, weil (überlegt) es ist Kunst. Ich habe diese Texte meiner Mutter vorgesungen, als ich sie geschrieben habe. Sie war schockiert, aber dann sagte sie: „Okay, es ist Kunst.“ Wir haben uns nicht wirklich getroffen.

Drückst du also deine Meinung durch Kunst aus?

Rotem: Es geht nicht nur um Meinungen. Es ist wie ein Teil meiner Persönlichkeit, meiner Träume und Alpträume. Es sind nicht nur Meinungen, die ich habe. Ich kann sehr pazifistisch sein wie nobody’s soldiers and nobody’s land. Ich kann aber auch eine Line wie I am killer, I kill singen. Ich kann beides sein.

Wie schreibst du diese Songs?

Rotem: Ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich muss wieder mehr Lieder schreiben und versuchen, mich zu erinnern, wie ich diese Songs geschrieben habe. Ich denke, damit ein Lied sehr gut ist, muss es überraschend sein. Es muss auch den Songwriter überraschen. Wenn ich nämlich wüsste, dass ich diesen oder jenen Song schreiben kann, dann hätte ich ihn bereits geschrieben. Um also etwas neues zu finden, muss ich eine Regel, die ich mir selbst aufgestellt habe, brechen. Eine Regel für Lieder, eine Regel über das Leben, eine Regel über Gedanken – ich muss eine Regel brechen. Und immer muss ich einen neuen Weg finden, um eine Regel zu brechen. Entweder durch ein Trauma – sie bekommt ihr Herz gebrochen oder es gibt einen Krieg oder irgendetwas schlimmes oder besonders gutes passiert – das ist auch Trauma. Du wirst von etwas geschockt. Manchmal willst du aber nicht auf den Schock warten. Manchmal versuche ich, meine Filter auszuschalten… indem ich einfach für fünf Stunden Gitarre spiele, bis mein Bewusstsein wie ein Kaugummi wird und ich mich selbst überraschen kann, weil irgendetwas komisches aus meinem Mund kommt und ich einfach erschöpft bin.

Schreibst nur du die Lieder für TheAngelcy?

Rotem: Bis jetzt sind alle Texte von mir, aber ich weiß nicht, wie das in Zukunft aussehen wird. Die Musik war bis jetzt das Ergebnis eines Dialogs zwischen mir und der Band. Ich habe die Grundidee mit in die Probe gebracht und ein paar Ansätze für das Arrangement, aber wenn ich alleine komponiere, ist das Ergebnis meistens sehr flach. Und diese Band ist einfach sehr, sehr talentiert und sie sorgen dafür, dass einfach jeder Song Raum bekommt, besonders Uri.

Mal eine andere Frage. Du bist eine Menge um die Welt gereist und jetzt reist du mit deiner Band. Hat das Reisen einen Einfluss auf deine Musik?

Rotem: Ja, klar! Jede Erfahrung, die wir gemacht haben, hat einen Einfluss. Aber es fällt mir schwer, das nur auf eine Sache zu beschränken. Ich kann nur sagen, dass ich niemals wieder die gleiche Person geworden bin, die ich vor dem Reisen war. Wenn ich all die Jahre, die ich gereist bin, in Israel geblieben wäre, vielleicht hätte ich mich auch auf eine andere Art geändert. Das wäre auch eine Art Reise ohne Bewegung gewesen. Es ist so eine lange Zeit, da ändern sich die Leute auf jeden Fall. Ich habe für eineinhalb Jahre in London gelebt und dann bin ich zurück nach Israel und dann nach Indien für ein Jahr. Sechs Monate lang bin ich ein obdachloser Musiker in Deutschland und Frankreich gewesen.

Wirklich obdachlos?

Rotem: Ja, ich habe mit einem Schlafsack und meiner Gitarre in Parks geschlafen. Ich habe das ein halbes Jahr lang zwischen Mai und November gemacht. Im November ist es mir dann zu kalt geworden. Also habe ich mir eine Freundin in Hamburg gesucht und bin dort geblieben bis ich zurück nach Israel gegangen bin. Aber was ich sagen wollte ist, dass ich einen Freund hatte, der die ganzen vier Jahre, in denen ich gereist bin, in Israel geblieben ist. Und als ich zurückgekommen bin, hatte ich so ein Traveler-Ego entwickelt: Ich bin hier und dort gewesen, ich habe so viele Erfahrungen gesammelt…

Und natürlich die dazugehörigen Facebook-Bilder?

Rotem: Damals hatte ich noch kein Facebook. Das war vor neun Jahren. Und dieser Freund, von dem ich eben erzählt habe, das war der Typ, mit dem ich die ersten TheAngelcy-Tracks aufgenommen habe. Im Aufnahmeprozess habe ich dann gemerkt, dass er auch eine Menge Erfahrungen gesammelt hat, während er einfach nur an einem Ort geblieben ist. Er hat gelernt, verantwortlich zu sein und eine Menge anderer Dinge, die ich nicht gelernt habe. Auf eine gewisse Art hat er also auch eine Reise gemacht, während ich auf Reisen war. Ich habe also nicht mehr gelernt als er, nur auf eine andere Art und Weise.

Könnt ihr eigentlich von der Musik leben oder müsst ihr nebenher noch arbeiten?

Rotem: Wir hatten eine gute Europatour und Konzerte in Israel. Wir konnten da ein bescheidenes Einkommen für TheAngelcy verdienen, aber nicht genug. Wir machen andere Jobs in der Zwischenzeit. Ich persönlich, naja, im Grunde nehme ich Darlehen und schulde Leuten Geld.

Udi (unterbricht): Das ist ein guter Job!

Rotem: Es ist ein guter Job. Aber wir haben eine gute Fanbase in Israel. Dennoch ist es sehr schwer die Band ökonomisch ertragreich zu machen und es ist immer noch sehr risikoreich. Selbst wenn wir die Shows ausverkaufen, könnten wir immer noch Geld verlieren. Wir brauchen eine Menge Leute, weil die Kosten für uns sehr hoch sind, hierher zu kommen und Instrumente zu mieten und alles. Aber ich denke, dass wir uns dennoch in einer viel besseren Lage befinden, als die meisten israelischen Bands. Wir hatten sehr viel Glück. Wir haben gute Probleme, wir haben gute Chancen und gute Möglichkeiten. Wir werden sehen, was am Ende funktioniert. Ich bin 36 Jahre alt, habe keine Ersparnisse und auch keine Aussicht auf ein regelmäßiges Einkommen. Da ist einfach nichts. Aber es ist unsere Entscheidung. (Überlegt) Ich denke, dass wir auf eine andere Weise reich sind.

Es ist zwar ein Klischee, aber wahrscheinlich seid ihr dann reicher als jemand, der einen Job hat, den er überhaupt nicht mag…

Rotem: Gerade als Singer-Songwriter hätte ich einfach ein Soloprojekt machen können und damit vielleicht auch mehr Geld verdient. Aber die Erfahrung in einer Band zu spielen und die Musik mit ihr zu teilen ist etwas, das man mit Geld nicht kaufen kann. Wenn man Musiker dafür bezahlt, für dich zu spielen, ist es nicht das gleiche, wie mit Musikern zu spielen, die fühlen, dass die Musik auch ihnen gehört. Du hast dann deine sechs Leute, die fühlen, dass es ihre Dinge sind… Es ist eine großartige Atmosphäre. Du teilst etwas, das sehr stark ist.

Ja, ihr erschafft etwas zusammen. Offenbar ist Freiheit wichtig für dich, wenn du solche Entscheidungen triffst. Aber wie definierst du Freiheit für dich? Freiheit spielt auch eine große Rolle in euern Songs.

Rotem: Wow, das ist ein großes Thema… das kann ich so nicht einfach fest machen. Ich denke, dass Freiheit eine Frage ist, nicht eine Antwort. Ich weiß nicht, wer ich bin und ich verstehe mich überhaupt nicht. Ich weiß nicht einmal, welcher Teil meiner Gedanken meine eigenen sind, welche Inputs mir gehören und da ich von einer Menge Dinge bewegt werde, weiß ich auch nicht, welcher Teil meiner Persönlichkeit ich bin. Was ist Freiheit? Ist es die Kapitulation vor der Freiheit oder vor irgendetwas anderem?

Das war trippy. Erstmal durchatmen und weiter geht’s.

Also würdest du sagen, Freiheit ist ein Bewusstseinszustand, in welchem man immer den Status Quo anzweifelt?

Rotem: Ich habe keine Ahnung. Vielleicht ist das Zweifeln ja auch Versklavung. Ich weiß nicht einmal, wovor wir versuchen wegzulaufen. Ich denke Freiheit ist eine Suche. Es ist eine Richtung, nicht eine Position.

Wenn TheAngelcy wirklich eine Agentur für Engel wäre, was für Leute würdet ihr casten? Was wären deren Eigenschaften?

Rotem: Verzweifelt, naiv und…

Udi: Lustig!

Rotem: Nein, sie müssen nicht lustig sein.

Udi: Ich denke jeder muss lustig sein. Jeder hat seine eigene Art lustig zu sein.

Du meinst vielleicht merkwürdig?

Udi: Ja, so etwas wie eine merkwürdige Lustigkeit. Irgendetwas, das komisch ist.

Rotem: Vielleicht auch sensibel.

Ich verstehe, weshalb die Leute sensibel sein sollten. Aber warum verzweifelt und naiv?

Rotem: Ich denke, dass man keine große Veränderung erzielen kann, ohne verzweifelt zu sein. Jetzt muss ich noch etwas naives über das naiv sein sagen. Wenn du die Verbindung zu deiner Naivität verlierst, dann verlierst du die Verbindung zu etwas sehr essentiellem in dieser Welt, oder der Natur, oder der Magie. Wenn eine Person überhaupt nicht mehr naiv ist, dann geht es in ihrem Leben nur noch um Macht. Ich glaube Jimi Hendrix hat gesagt, dass die großen Genies und Künstler sich einen Teil ihres Gehirns kindlich erhalten haben. Sie haben sich nicht von der Welt verändern lassen. Das ist der Ort, an dem die Blumen wachsen. Ansonsten ist alles so geplant. Es gibt keine Überraschung, keine Magie und keine Inspiration. Das sind alles Dinge, die auf ihre Art sehr naiv sind.

Das ist eine Menge zum Nachdenken…

Rotem: Ich versuche, die Leute nur mit Worten zu verwirren.

Ja, wir werden uns die richtigen Gedanken raussuchen. Danke für das tolle Gespräch!

Lasst euch von theAngelcy beflügeln, hier ist das neue Album Exit Inside.

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Autorin, 22 Jahre, Ku-Mu-Me-Studentin. Mein Traum Amy Winehouse zu interviewen, ist leider schon geplatzt. Philippmag hält mich aber ziemlich gut am Leben!