Mini-Japan in Marburg
Collage: Ina Roh, Bild: Niklas Günther
Das Südviertel in Marburg, welches sich direkt an die Oberstadt anschließt, ist zweifelsfrei eines der optisch und atmosphärisch schönsten Viertel Marburgs. Dabei heben sich einige Orte besonders ab. So erstrecken sich entlang der Lahn sowohl teils dichter Baumbewuchs als auch der südliche Teil der Lahnwiesen. Auch liegt im Herzen des Viertels der Friedrichsplatz, welcher mit seinen Bäumen, dem Café „Frau Friedrich“ und dem Brunnen in der Mitte zum Verweilen einlädt. Diese und viele weitere Highlights werden von den größtenteils im Jugendstil gehaltenen Häusern geprägt, ähnlich wie die Oberstadt durch ihre Fachwerkarchitektur.
Wie das Südviertel zu seinen Bäumen kam
Dies ist allerdings kein Zufall. Denn anders als die Oberstadt ist die Südstadt nicht über Jahrhunderte organisch gewachsen, sondern wurde ab dem 19. Jahrhundert systematisch angelegt. Besonders klar kann man dies an den Straßen erkennen. Diese verlaufen im Gegensatz zu gewachsenen Vierteln mit chaotisch anmutender Wegeführung in einem Raster. Zudem wurde an den Rändern der Straßen bewusst in jeder Straße eine eigene Baumart gepflanzt. Für die Radestraße am westlichen Rand der Südstadt ist diese planmäßige Pflanzung ein Fluch. Denn in ihr wurden ausschließlich Ginkgo-Bäume gepflanzt, deren Samen im Herbst einen Geruch von Erbrochenem von sich geben. Ganz anders sieht dies jedoch in der angrenzenden Stresemannstraße aus. Denn die etwa 500 Meter lange Straße wurde vollständig mit japanischen Blütenkirschen bepflanzt.
Diese Kirschbäume kommen, wie der Name bereits sagt, aus Japan. Hierzulande kennt man sie vor allem aus malerischen Bildern und zahlreichen Animes. In der japanischen Kultur nehmen die Bäume jedoch eine zentrale Rolle ein. Jeden Frühling findet in Japan das sogenannte „Hanami“, das Blütensehen, statt. Bei diesem widmet sich das gesamte Land Der Beobachtung der fortschreitenden Kirschblüte; häufig berichten sogar japanische Medien darüber.
Die Kirschblüten der Stresemannstraße
Auch in Marburg hat sich inzwischen eine Art Brauchtum um die Kirschblüte und die Stresemannstraße, in welcher die Bäume stehen, gebildet. Sobald die Kirschbäume blühen, tauchen in den Instagram-Stories (und bei Menschen höheren Alters auch im WhatsApp-Status) plötzlich massenhaft Bilder der Kirschen auf. Sogar in den örtlichen Lokalmedien wird teilweise darüber berichtet, wie weit die Blüte fortgeschritten ist. Was all die Bilder dabei nicht einfangen, ist die besondere Atmosphäre in der Stresemannstraße. Wenn man an einem Nachmittag durch die Straße läuft, sieht man am Straßenrand Menschen, welche die Bäume abmalen, sich über die Bäume und anderes unterhalten oder einfach gemeinsam die Kirschblüte genießen. Die Stresemannstraße wird in diesen Tagen zu einem Ort der Begegnung, des Austauschs und der allgemeinen Freude.
Passend dazu gibt es inzwischen auch in Marburg ein Kirschblütenfest, welches dieses Jahr am 18.04. stattfand. Japanische Bräuche, jedoch mit deutschen Einflüssen, bestimmen zu diesem jährlich stattfindenden eintägigen Fest die Stresemannstraße. Mit Ereignissen wie traditionellem Bogenschießen und Schwertkampf lockt das Fest zahlreiche Besucher*innen zu den Kirschblüten. Doch auch abseits des Festes hat die Südstadt, und mit ihr Marburg, durch die Kirschblüten ein weiteres, ganz besonderes, Highlight.
Lernt im Studium der Geschichte und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität von verschiedenen Philipps, schreibt beim PHILIPP Magazin manchmal über Philipps und kann schlechte Philipp-Wortwitze langsam nicht mehr hören. Seit 2025 bei PHILIPP.

