Sneak Review #103 – The Shape of Water

Sneak Review #103 – The Shape of Water

Bald ist er da: Valentinstag. Der Tag an dem Pärchen und Floristen sich selbst feiern dürfen. Passend dazu gab es in der Sneak mit Guillermo del Toros „The Shape of Water“ schon eine Woche vorher einiges an Romantik und auch ein bisschen nackte Haut auf die Augen. Aber Vorsicht: in diesem Film sind Thriller-Elemente ebenso inklusive wie abgetrennte Gliedmaßen und Schwimmhäute!

Baltimore, irgendwann Anfang der 60er Jahre. Der Kalte Krieg ist in vollem Gange. Natürlich gibt es deshalb auch ein streng geheimes US-Forschungslabor und jemanden, der sich immer wieder über die bösen Russen aufregen darf. So weit, so typisch. Ganz untypisch ist hingegen die Hauptfigur, die sich durch dieses prekäre Szenario schlagen muss. Eliza Esposito (Sally Hawkins) ist nämlich stumm. Als Putzfrau arbeitet sie nachts, zusammen mit ihrer Freundin und Kollegin Zelda (Octavia Spencer), in eben jenem streng geheimen Forschungslabor. Ihre Tage sind eine Aneinanderreihung immer gleicher Ereignisse, sie ist einsam und fühlt sich isoliert. Doch eines Nachts macht sie eine Entdeckung: Ein eingesperrtes, fremdartiges Wesen (Doug Jones), dem die amerikanische und russische Regierung gleichermaßen – zu Forschungszwecken – nach dem Leben trachten. Zusammen mit ihrem gutmütigen Nachbarn Giles (Richard Jenkins) startet Eliza eine waghalsige Rettungsaktion um das „Monster“, das sie zunehmend fasziniert und in seinen Bann zieht, zu befreien.

Same same but different

Ja, zugegeben, ein bisschen merkwürdig ist es schon der Protagonistin dabei zuzusehen, wie sie nach und nach eine Verbindung zu ihm aufbaut, die schließlich in einer Romanze mündet. Denn dieses Wesen wirkt noch fremder als jenes aus dem thematisch verwandten „Die Schöne und das Biest“. Einerseits weil es im Wasser lebt, andererseits weil es sich nicht über die menschliche Sprache verständigen kann. Aber genau hier setzt Del Toro mit seiner unkonventionellen Lovestory an. Denn diese Eigenschaft teilt das Wesen mit der stummen Eliza und ist ihr darum näher als die meisten Menschen um sie herum. Das macht ihre Motivation derart glaubwürdig, dass man als Zuschauer irgendwann über alle äußerlichen Differenzen hinwegsieht, die gegenseitige Faszination der beiden als solche anerkennt und nicht länger hinterfragt.

Besonders stark ist dabei, dass die Geschichte, anders als einige Adaption von „Die Schöne und das Biest“ niemals in den Kitsch abdriftet, eben weil sie nicht nur rund um das Pärchen geschrieben wurde. Denn neben dieser Verbindung ist das Dreiergespann aus Eliza, Giles und Zelda der Schmelzpunkt der Publikums-Sympathien. Alle drei leben an den Rand gedrängt und sind von der amerikanischen Gesellschaft der 60er Jahre unerwünschte Individuen. Eliza ist stumm, Giles schwul und Zelda farbig. Auf dieser Ebene funktioniert der Film also nicht nur als fantasiereiche Liebesgeschichte, sondern auch als gesellschaftskritische Parabel, die in Zeiten politischer Instabilität und aufkeimenden Fremdenhasses besondere Aktualität genießt.

Mehr als nur Romantik 

Zwischen den Konfliktparteien beginnt eine Hetzjagd, die ebenso gut einem schicken Hollywood-Thriller entnommen sein könnte. Richard Strickland (Michael Shannon) versucht als verlängerter Arm der skrupellosen US-Regierung den Amphibien-Mann wieder einzufangen, schreckt dabei vor keiner Grausamkeit zurück und verleiht der Handlung so die nötige Dynamik. Shannon spielt den chronisch sexistischen, rassistischen und cholerischen Widersacher mit ekelerregend selbstverliebter Blasiertheit als Idealbild eines Ehemannes der 60er Jahre, der ganz im Sinne des American Dreams nach ständiger Selbstoptimierung und Dominanz strebt, dabei aber schließlich fatal scheitert. Die enorme körperliche und emotionale Brutalität der Figur wird dabei mit schockierender Glaubwürdigkeit auf die Leinwand gebracht. Ebenso glaubwürdig brilliert Sally Hawkins. Mal zerbrechlich, mal stur strahlt sie eine beeindruckende Präsenz aus, die umso beeindruckender wird, wenn man bedenkt, dass sie den ganzen Film hindurch kein Wort verliert. Exemplarisch dafür ist ihre spürbare Verzweiflung bei Versuch Giles davon zu überzeugen, das „Monster“ zu retten. Ihre stille Mimik schreit einen in dieser intensivsten und emotionalsten Szene förmlich an.

„The Shape of Water“ ist ein ziemlich düster aber dennoch liebevoll inszeniertes, modernes Märchen, das einfach Spaß macht. Es entnimmt Elemente aus verschiedenen Genres und schafft damit eine abwechslungsreiche, skurrile Geschichte, die für jeden Zuschauer etwas bieten kann, der sich auf sie einlässt.

„The Shape of Water“ kommt am 15. Februar in die deutschen Kinos. 

 

 FOTO: Fox Searchlight Pictures

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Hat in Marburg den Bachelor Deutsche Sprache und Literatur abgeschlossen und studiert jetzt, weiterhin in Marburg, den neuen Master Literaturvermittlung in den Medien.