Sneak-Review #176: Motherless Brooklyn

Sneak-Review #176: Motherless Brooklyn

In der Sneak des Cineplex Marburg lief diese Woche der Detektiv- und Kriminalfilm „Motherless Brooklyn“. Die Hauptrolle spielt Edward Norton, der hiermit auch seine zweite Regiearbeit ablieferte. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jonathan Lethem.

Worum geht’s?

1950er Jahre, New York. Lionel Essrog (Edward Norton) hat das Tourette-Syndrom. In einem katholischen Waisenhaus wurde er dafür misshandelt, bevor er von dem Privatdetektiv Frank Minna (Bruce Willis) da rausgeholt wurde. Frank nimmt ihn unter seine Fittiche und Lionel wird zu einem der besten Mitarbeiter in seiner kleinen Privatdetektei. Doch eines Tages wird Frank ermordet und wie sich herausstellt, war er an einer ganz großen Sache dran. Zusammen mit seinen Kollegen versucht Lionel den Mord aufzuklären und findet sich in einem verwirrenden Geflecht aus Machtstreben, Korruption und Intrigen wieder, in dem die Bürgerrechtlerin Laura Rose (Gugu Mbatha-Raw) und Baulöwe Moses Randolph (Alec Baldwin) eine wichtige Rolle zu spielen scheinen…

Ein Film Noir

Die Bezeichnung Film Noir bezeichnet eine Reihe von Filmen aus den 1940er und 1950er Jahren, die sich durch ähnliche Stilelemente auszeichnen. Stellt euch folgenden Film vor: Schwarzweiß-Bild. In einem einsamen, staubigen Büro sitzt ein Detektiv und raucht. Draußen regnet es ununterbrochen. Im Hintergrund erklingt langsame und traurige Jazzmusik. Die Jalousien tünchen den Raum mit weißen Lichtstreifen. In der Schreibtischschublade liegt ein Colt und eine Whiskeyflasche. Plötzlich tritt eine verführerische Frau mit blonden Haaren und Netzschleier durch die Tür und bittet den Detektiv ihren verschwundenen Ehemann zu suchen…

Der Film Noir hat zahlreiche Filme wie Chinatown von Roman Polanski oder Sin City von Robert Rodriguez mitgeprägt. Und auch Nortons Motherless Brooklyn orientiert sich maßgeblich an den Stilmitteln dieses Genres. Besonders die Filmmusik von Daniel Pemberton und der Titelsong von Thom Yorke (Radiohead-Sänger) tragen entscheidend dazu bei, sich in ein pessimistisches New York der 1950er einfühlen zu können. Einige Szenen besitzen eine wunderbare Ästhetik, in der man schwelgen kann, so beispielsweise eine lange Tanzszene in einem Jazzlokal. Leider schafft Motherless Brooklyn es nicht, diese Ästhetik und Bildgewalt über den Film aufrecht zu erhalten – viele Szenen brechen mit der Noir-Flair und wirken dadurch deplatziert. Das Haus am Strand passt einfach nicht zum tristen Großstadtdschungel. Edward Norton im Rollkragenpullover wirkt modisch viel zu hip und zu wenig altbacken. Viele der filmischen Stilmittel wirken einfach zu modern für einen Film dessen Handlung vor rund 70 Jahren angesiedelt ist. Das größte Manko aber ist, dass der zu schnelle und unrhythmische Schnitt (in Kombination mit der unsteten Ästhetik) den Aufbau einer dichten Atmosphäre verhindert.

… oder kein Film Noir?

Erzählerisch bietet Motherless Brooklyn sowohl Stärken als auch Schwächen. Eine große Stärke ist die von Alec Baldwin gespielte Figur des mächtigen Unternehmers Moses Randolph, der dem realen New Yorker Stadtplaner Robert Moses nachempfunden ist. Dieser setzte tatsächlich seine Bauprojekte mit äußerster Härte durch und ließ für seine Neubauten ganze Stadtviertel abreißen und deren Bewohner zwangsumsiedeln. Moses Randolph bekommt genug Spielzeit um nicht nur als Standard-Bösewicht herzuhalten. Nein, seine Beweggründe werden ausführlich erläutert. So ausführlich, dass man stellenweise das ungute Gefühl hat seiner Argumentation auf den Leim zu gehen. So etwas macht eine clever geschriebene Figur aus!

Lionel Eggrog hingegen ist der moderne Bilderbuchheld, er ist sensibel, antirassistisch und intelligent. Damit passt er überhaupt nicht in die Rolle des hartgesottenen, moralisch zwiespältigen Privatdetektivs aus dem klassischen Film Noir. Und auch das Ende – ohne zu viel verraten zu wollen – ist moralisch nicht besonders ambivalent. Eine weitere Schwäche des Filmes ist, dass das Tourette-Syndrom der Hauptfigur nicht sinnvoll in den Film eingebunden wird. Es dient lediglich dazu, etwas Humor in die sonst doch eher trockene Geschichte zu bringen und stellenweise scheint das Drehbuch komplett zu vergessen, dass seine Hauptfigur unter dieser Krankheit leidet.

Motherless Brooklyn ist größtenteils kompetent gedreht, gut gemeint und eine grundsätzlich nette Hommage an den Film Noir, kann aber im Vergleich zu Klassikern wieIm Zeichen des Bösen oder Chinatown nicht mithalten.

FOTO: Warner Bros.

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