Sneak-Review #111 – A Beautiful Day

Sneak-Review #111 – A Beautiful Day

Was dürfen wir von „A Beautiful Day“ erwarten? So einfach und simpel wie die Grundgeschichte macht es der Film von Regisseurin Lynne Ramsay den Zuschauern nicht. Der Film schert sich nicht um Erwartungshaltungen. Dafür bietet er kompromissloses Kino.

Joe (Joaquin Phoenix) ist Auftragskiller. Seine neue Mission: Er soll Nina (Ekaterina Samsonov), die Tochter eines ranghohen Politikers aus den Händen von Menschenhändlern befreien. Das hört sich nach einer Geschichte an, die schon oft verfilmt wurde. Direkt denkt man an Filme mit Liam Neeson oder Bruce Willis. Doch schnell wird klar, dass „A Beautiful Day“ anders ist. Spätestens nach der ersten Viertelstunde schlägt der Film eine todernste Richtung ein. Humor und coole Sprüche sucht man vergebens. Hier kämpft kein guter Held gegen das Böse.

Zerzaustes langes Haar, wilder grauen Bart und eine massige Gestalt. Der Killer Joe gibt ein eindrucksvolles und zugleich heruntergekommenes Erscheinungsbild ab. Er erscheint verletzlich. Immer wieder quälen ihn Bilder aus seiner Vergangenheit. Sein Körper ist übersäht mit Narben. Er denkt an Selbstmord, inhaliert mit Plastiktüte über dem Kopf, bis er fast das Bewusstsein verliert. Manchmal wirkt er als sei gar nicht richtig anwesend (Originaltitel des Films: You Were Never Really Here). Schauspieler Joaquin Phoenix spielt diese Rolle grandios. Bereits in Paul Thomas Andersons „The Master“ zeigte Phoenix, wie intensiv er Verzweiflung und Manie seiner Figuren spielen kann.

Charakterstudie statt Action

Wer hier einen Actionfilm erwartet wird bitter enttäuscht. Immer wenn es scheinbar zur Sache geht, findet das Geschehen im off – also außerhalb der Leinwand – statt. Die blutigen Szenen werden zu Standbildern. Die Gegenspieler von Joe sind immer präsent, doch so richtig tauchen sie nie auf. Vielmehr ist „A Beautiful Day“ eine One-Man-Show. Es geht um den Protagonisten, seine Psyche und seine Beziehung zu dem Mädchen, dass er retten möchte. Mehr nicht.

Was denkt Joe, wenn er in den Spiegel schaut und plötzlich lacht? Wenn er bedenklich lange auf die Bahngleise starrt? Oder verheißungsvoll den Hammer im Baumarkt anblickt? All das kann der Zuschauer nur erahnen. Denn der Film lässt viele Fragen offen. Man könnte auch sagen, er lässt Interpretationsfreiraum. Andeutungen bleiben Andeutungen. Nicht alles wird auserzählt. Was Joe zu dem Menschen macht, der er ist, bleibt unausgesprochen.

Stilistisch orientiert sich „A Beautiful Day“ eher am Arthouse als am Hollywood-Kino. Die Kamera arbeitet mit ungewöhnlichen Einstellungen, spielt viel mit Unschärfe. Der Schnitt sitzt punktgenau. Nachhaltig im Kopf bleibt einem besonders der avantgardistische Synthie-Soundtrack von Johnny Greenwood, der manchen wohl eher als Gitarrist der Band Radiohead ein Begriff ist.

Erwartungshaltung

Das grandiose Schauspiel von Joaquin Phoenix, der Mut zur Lücke und das gezielte Unterlaufen der aufgebauten Erwartungshaltung machen die Besonderheit und die Stärke von „A Beautiful Day“ aus. Er hebt sich damit wohltuend von oft gesehenen Genre-Geschwistern ab. Einigen Zuschauern stößt er damit aber sicherlich vor den Kopf.

Trotz aller Begeisterung muss gesagt werden: Der Film hat seine Längen. Manche Storyline wird länger erzählt als sie es müsste. Nicht jeder Kinogänger mag Filme, die ungewohnte Bahnen einschlagen. „A Beautiful Day“ hat keine Vergleiche mit anderen Filmen nötig. Solche Vergleiche sind auch immer etwas unfair. Dennoch sei gewarnt: Den Zuschauer erwartet hier mehr „Taxi Driver“ und weniger „John Wick“.

„A Beautiful Day“ kommt am 26.04.2018 in die Kinos.

Foto: Alison Cohen Ros für Amazon Studios

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