Ein VLOG als Kinofilm? Interview mit den Regisseuren von "Projekt: Antarktis"

Ein VLOG als Kinofilm? Interview mit den Regisseuren von "Projekt: Antarktis"

Wie PHILIPP schon berichtete, läuft die Reisedokumentation „Projekt: Antarktis“ für eine Weile deutschlandweit in den Kinos. Das Cineplex Marburg zeigt 20. Januar (11:30) den Film. Wir hatten die Möglichkeit, mit den Regisseuren und Hauptakteuren des Films (Michael Ginzburg, Tim-David Müller-Zitzke und Dennis Vogt) zu sprechen und ihnen einige Fragen zu stellen.

PHILIPP: Vorneweg, herzlichen Glückwunsch zu eurem Projekt. Doch wie habt ihr drei euch überhaupt kennengelernt und wie kamt ihr zu der Idee, einen Film über eine Reise in die Antarktis zu machen?

Michael: Kennengelernt haben wir uns in Bremerhaven. Die beiden sind dorthin gezogen zum Studieren, ich bin in Bremerhaven aufgewachsen. Tim und Dennis waren an der Hochschule im Studium und ich habe in einem Institut gearbeitet und brauchte ein paar kreative Leute für eine Animation. So habe ich die beiden gefunden. Bald darauf entstand die Idee, dann wurde da ein bisschen Bier draufgeschüttet, dann gärte das Ganze und, ja, da sind wir nun.

Dennis: Michael hat schon vorher Polarerfahrung gemacht, aber auch von Tim und mir war es immer schon ein Traum, in die Antarktis zu reisen, den 7. Kontinent zu erreichen. Wir drei haben schnell gemerkt, dass wir eine coole Connection zueinander haben und dass wir als Team auch gut miteinander arbeiten können. Zuerst wurde die Idee immer wieder vertagt, doch dann waren meine Prüfungen gerade fertig, Tim und Michael waren auch gerade fertig in ihren Jobs. Da standen die Sterne gut und wir sagten uns, jetzt starten wir. Das war genau vor 2 Jahren. Also da hat alles angefangen.

Tim-David: Dennis und ich studieren ja auch immer noch Digitale Medienproduktion in Bremerhaven. Der Film ist auch gleichzeitig der praktische Teil unserer Bachelorarbeit, der theoretische Teil kommt dann später.

PHILIPP: Ihr habt auch schon neben dem Studium einige Projekte unternommen…

Tim-David: Ja, genau. Michael ist schon etwas länger fertig mit dem Studium und arbeitet als Wissenschaftsjournalist. Dennis und ich haben immer schon versucht, neben dem Studium viel praktisch zu arbeiten, und wir haben auch eine kleine Agentur für Film und Foto gegründet. In L.A. habe ich an den Visual Effects zu Independence Day 2 mitgearbeitet, was eine schöne Erfahrung war. Dennis hat Dokumentarfilme in Namibia gedreht. So hatte jeder neben dem Studium verschiedene Projekte, aus denen man viel mitgenommen hat.

PHILIPP: … was würdet ihr sagen, wie sind wichtig die Vorerfahrungen für diesen Film?

Michael: Auf jeden Fall hat das geholfen. Es ist schon so, wenn wir die gleichen Sponsoren angefragt hätten und wir hätten außer dem Studium nichts nebenher gemacht, was wir als Referenz vorweisen könnten, also wer soll uns dann glauben, dass wir das umsetzten können?

Dennis: Ich glaube nicht, dass man so ein Projekt startet, wenn man nicht schon Vorerfahrung hat. Aber es ist nicht so, dass wir jetzt das Geld bekommen haben, weil wir vorher schon so viel gemacht haben. Sondern vor allem weil wir auch Passion gezeigt haben und vermitteln konnten, dass wir das wirklich ernst meinen und machen wollen. Wir haben über einige Zeit ein gutes Konzept entwickelt und dann ist es auch egal, was man vorher gemacht hat.  Auch wir haben ganz klein angefangen, sind drangeblieben und haben es schließlich durchgezogen. Und ich glaube, das ist so der entscheidende Punktn nicht die Referenz vorher.

Tim-David: Beides. Die Kombination macht es. Die Referenzen sind das, was dem Sponsor die Sicherheit gibt, dass du einhalten kannst, was du versprichst. Wir haben ein Produkt verkauft, was noch gar nicht existiert. Und da muss man auch gewisse Sicherheiten dem Sponsor rüberbringen.

PHILIPP: Euer Film ist kein klassischer Dokumentarfilm. Wir würdet ihr das Konzept beschreiben? Was für eine Art von Film ist „Projekt: Antarktis“?

Dennis: Etwas noch nie vorher Gesehenes, so etwas wie eine VLOG-Dokumentation. Eine Mischung aus VLOG und kinematografischen Aufnahmen. So in die Richtung.

Tim-David: Wir machen vieles anders. Die Musik, die Kameraarbeit, die Darsteller sind anders als normal. Wir selbst waren keine Schauspieler. Es ist weder Natur-Doku, noch die typische Reise-Doku. Eigentlich ist es eine Erlebnis-Doku, weil man mitgenommen wir auf die Reise und man dem Zuschauer auf Augenhöhe entgegentreten möchte und nicht mit einem allwissenden Erzähler.

Dennis: Erlebnis-Doku. Guter Name!

Tim-David: Ja, ist mir gerade eingefallen (lachen). Dieses Genre von Film wollten wir schon länger machen. Wir haben uns inspirieren lassen von Filmen wie „The Art of Flight“, die geil gefilmt und geil geschnitten sind. Natürlich ergaben sich auf der Reise spontan Probleme, aber das war uns eigentlich klar. Uns war es wichtig, authentisch zu bleiben, nichts zu stellen. Wir haben keine Szene zweimal gedreht, auch wenn man sich mal versprochen hat, dann war das halt so.

Dennis: Natürlich gibt es im fertigen Film eine Dramaturgie. Man muss beim Zuschauer schließlich die Spannung aufrechterhalten. Das heißt, am Ende überlegt man sich, welche Events betont man mehr, welche weniger. Aber im Grunde ist es alles tatsächlich so passiert. Und ja, das Leben schreibt die schönsten Geschichten.

PHILIPP: Prinzipiell haben es Dokumentarfilme eher schwer, es auf die große Kinoleinwand zu schaffen. War euer Projekt von Anfang an als Kinofilm gedacht oder hat sich das im Prozess ergeben?

Michael: Also das Konzept war schon so, wenn wir das Ding machen, dann soll es auch im Kino laufen. Am Anfang dachten wir aber, dass wir vielleicht 3 Vorführungen in Bremerhaven zeigen, für Family & Friends, vielleicht auch ein paar Vorführungen in Oldenburg oder Bremen. Dass es dann letztlich bundesweit so einen Rummel gab, das hatten wir nicht geplant, das hat sich mit der Zeit entwickelt. Ja, klassische Dokumentationen haben es schwer, auf die Kinoleinwand zu kommen. Die meisten Dokumentationen sind aber auch konzeptionell nicht dafür gedacht, sondern für das Fernsehen produziert. Und damit wollten wir brechen, wir wollten etwas machen, dass im Kinosaal funktioniert. Deshalb war die Musik auch so gezielt eingesetzt, dass sie wirklich durch Mark und Bein geht, dass man die Nässe, die Kälte und auch teilweise die Hektik mitfühlt.

Tim-David: Grundsätzlich ist das Kino eher konservativ, wenn es um neue Ideen geht. Gerade am Anfang ist es unheimlich schwer, mit einem neuen Konzept die Kinowelt zu beeindrucken, oder dass man überhaupt aufgeschlossenen Menschen gegenübertritt. Wenn man sich nicht auf das Konzept einlässt, dann kommt es auch bei einem nicht so gut an. Man muss schon Bock haben, mal was anderes zu sehen. Aber was wir hier auf unserer Kino-Tour erleben, ist dafür schon krass. Viele Vorführungen sind ausverkauft. Wir sind in so vielen Städten unterwegs. Es gibt viele Leute, die der Film wirklich berührt und unterhält. Das ist der Lohn, wenn man etwas wagt, wenn man es einfach trotzdem versucht.

PHILIPP: Kreativität und Freiheit sind bei eurem Projekt ein wichtiges Thema. Wo wurden euch Grenzen oder Einschränkungen gesetzt?

Tim-David: Also wir haben den Film komplett im Eigenverleih rausgebracht. Das heißt, dass wir alle Gelder von Sponsoren selber besorgen mussten. Dafür konnte uns aber kein Verleih von außen in das Konzept reinreden. Wir haben das präferiert, um uns dadurch alle Möglichkeiten für unser Projekt und die Story zu erhalten und so völlig unabhängig zu sein. Ab und zu mussten wir für die Sponsoren Material liefern, was sich aber sehr in Grenzen gehalten hat.

Michael: Product-Placement war auch kein Thema für uns. Wir haben zwar z.B. ein von uns gedrehtes Tutorial für Software-Hersteller gemacht. Das war dann aber nichts, was wir im Film platzieren mussten. Bei der Equipmentauswahl haben wir Produkte im Voraus ausgewählt und daraufhin Firmen angefragt, ob sie unser Projekt unterstützen. Wir haben keine Produkte nur wegen des Geldes verwendet. Dann wäre das nicht unser Film geworden. Wir stellen im Film keine Charaktere dar, sondern uns selber als Personen und das heißt, wir müssen hinter allem, was im Film gezeigt wird, stehen. Da war uns Authentizität umso wichtiger und dass wir nicht als Litfaßsäule auftreten.

PHILIPP: Auf eurer Reise seid ihr bestimmt an bestimmte Grenzen gestoßen. Was waren eure Fehlschläge und wie seid ihr mit diesen Situationen umgegangen?

Michael: Das fängt schon mit dem Unterwasserkamerasystem an, das im Zoll hängengeblieben ist, worauf unsere Unterwasseraufnahmen nie stattgefunden haben.

Dennis: Auch die 360° Kamera ist kaputt gegangen und wir haben Sponsoren versprochen, damit Aufnahmen zu liefern. Da ist natürlich die Luft auch mal dick – auch im Team. Aber auf dem Schiff haben wir uns meistens sehr gut verstanden und es gab wenig Momente, in denen wir uns gestritten haben. Wir konnten vieles mit Humor nehmen. In Buenos Aires haben wir die ersten Tage noch über Probleme gelacht. Aber wenn eine Situation ernster wird, zerrt das ganz schön an den Nerven. Wir haben uns dann aber auch immer wieder gegenseitig hochgepuscht und motiviert weiterzumachen. Als wir krank waren, gab es allerdings mal kleine Auseinandersetzungen. Aber da wurde auch einfach ein Limit erreicht. Das war schon hart. In der Postproduktion war es da schon schwieriger. Wir drei sind ja kreativ freiberuflich unterwegs und jeder wollte seine Vorstellung vom Film durchzusetzen, so dass es nicht immer einfach war, einen Mittelweg zu finden. Da gab es schon öfter Auseinandersetzungen in denen wir auch lernen mussten, auf Kompromisse einzugehen.

PHILIPP: Andersherum, was waren eure Highlights? Was hat euch glücklich gemacht auf der Reise, was hat richtig gut funktioniert?

Dennis: Also jeder hat so seinen Lieblingsmoment, aber was wahnsinnig krass ist nach der ganzen Arbeit und dem Projekt, ist, das Feedback von den Leuten zu bekommen und zu merken, dass der Film ankommt. Und zwar nicht nur bei 18 bis 35-Jährigen, sondern auch bei Kindern und von Menschen über 80. Wir dachten eigentlich unsere Zielgruppe wäre spezifisch und das andere den Film vielleicht gar nicht sehen wollen. Das ist eigentlich die größte Überraschung. Ob über das Internet, bei den Previews oder jetzt auf den Tourveranstaltungen. So was ist sehr schön und macht uns gerade sehr glücklich.

Tim-David: Also mein Highlight wird sein, meiner Oma den Film in ein paar Tagen bei einer Veranstaltung in Gütersloh persönlich zu präsentieren. Sie wird in dem Kino sitzen und nicht wissen, dass sie selbst im Film vorkommen wird. Aber wir hatten auch viele Glücksmomente in der Antarktis. Das erste Mal die Antarktis zu betreten oder nach den vielen Tagen Sturm die Freigabe zum Hubschrauberfliegen zu bekommen, weil wir fast ohne die Antarktis zu betreten hätten umkehren müssen. Die Momente, in denen wir einfach mal die Kameras ausgemacht haben und einfach genießen, dass wir da sind.

PHILIPP: Der Film ermuntert den Zuschauer selber seine Träume und Projekte in die Hand zu nehmen. Ist das die Message eures Filmes?

Tim-David: Also die Message in unserem Film ist, dass es sich lohnt, sein Ding zu machen. Gerade als Mensch in der Orientierung, ob Schüler oder Student, nicht einzig darauf zu achten, was das Vernünftigste, das Sicherste ist und wo man die meiste Asche verdient. Man sollte auch gucken, was einem wirklich liegt und was einem Spaß macht. Wenn man es noch nicht weiß, muss man sich auch die Zeit dafür nehmen. Das wollen wir mit diesem Film zeigen. Deshalb haben wir uns gedacht, der Film ist das, was wir in der Schule selbst auch mal gerne gehört hätten. Diese Message ist uns wichtig.

PHILIPP: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Foto: Projekt: Antarktis

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