Sneak Review #143 – Widows

Sneak Review #143 – Widows

Nach seinem oscarprämierten Film „12 Years A Slave“ gab es diese Woche in der Sneak Steve McQueens neuen Film „Widows“ zu sehen. Ob (Spoiler: Ja!) – und warum es sich lohnt, diesen Film zu sehen, erfahrt ihr hier.

Veronica (Viola Davis) hat ihren Ehemann (Liam Neeson) verloren. Aber nicht nur sie, auch Linda (Michelle Rodriguez) und Alice (Elisabeth Debicki) sind jetzt Witwen. Ihre Männer wurden auf der Flucht, nach einem Überfall, von der Polizei erschossen. Das gestohlene Geld ist verbrannt. Es gehörte Jamal Manning (Brian Tyree Henry), einem aufstrebenden kriminellen Politiker, der sich in der anstehenden Stadtratswahl gegen den alteingesessenen, ebenso korrupten Jack Mulligan (Colin Farrell) durchsetzen will. Jamal Manning gibt den Witwen ein Ultimatum von wenigen Wochen, um ihm sein Geld wiederzugeben. Die Besuche seines brutalen Geldeintreibers Jatemme (Daniel Kaluuya) lassen keine Zweifel an seiner Skrupellosigkeit. Zusammen mit der Friseurin Belle (Cynthia Erivo) beschließen die drei Witwen einen Raubüberfall zu begehen, um ihre Schulden zu begleichen

Die Gräben der Gesellschaft

Die Absurdität deutscher Zusatztitel („Widows – Tödliche Witwen“) wird bei diesem Film wieder einmal deutlich. Der Zusatz klingt nicht nur plump und dämlich, er suggeriert, dass sich die Witwen in Actionhelden-Manier für ihre ermordeten Ehemänner rächen. Möglichst mit viel Tamtam und coolen Sprüchen. Doch „Widows“ ist kein Actionfilm und auch kein witzig-clever Heist-Movie, wie etwa „Oceans Eleven“. Er ist vor allem ein Sozialdrama. Neben der Haupthandlung zeigt der Film immer wieder verschiedene Facetten der amerikanischen Gesellschaft, und der Gräben, die sie durchzieht.

So begleitet der:die Zuschauer:in den arroganten Vollblutpolitiker Jack Mulligan und kann teilhaben an seiner Verachtung für die Bevölkerung, die er vertreten soll, und seinem einzigen Ziel: Dem Machterhalt. Oben zu bleiben. Eine brilliante Szene des Films zeigt Mulligan auf einer Wahlkampfveranstaltung, in der er sich rhetorisch von seiner besten Seite zeigt. Als er anschließend in das Auto seines Chauffeurs steigt, begleitet die Kamera das Auto von außen. Der Blick ins Innere wird durch die verspiegelten Scheiben versperrt. Man hört lediglich Mulligans Stimme. Seine Rhetorik ist dem Vulgären gewichen. Man hört ihn das sagen, was er wirklich denkt: Ihm sind die Menschen scheißegal. Die ausgeschlossene Kamera symbolisiert den Graben zwischen Mulligan und seinen Wählern.

Der Film ist voll von solchen Szenen mit großartiger Filmsprache. Ein weiteres Beispiel ist eine Szene, in der ein Mann von Jatemmes Männern zu Tode geprügelt wird. Das wird jedoch nicht direkt gezeigt. Die Kamera schwenkt zu Jatemme, der es sich in einem Sessel bequem macht. Er schaltet den Fernseher ein und stellt lauter. So lange, bis der Fernseher die Schreie übertönt. Gab es je eine bessere Metapher für die Wegguck-Mentalität?

McQueens Film zeigt schonungslos den Druck und die Angst, denen sich viele Menschen in der amerikanischen Gesellschaft ausgesetzt fühlen. Der Film zeigt eindrücklich, wie schwer es ist dem Teufelskreis der Armut zu entkommen. Selbst wenn man 100 Prozent gibt. Manchmal reichen auch zwei Jobs kaum aus, um genügend Geld zu verdienen. Und wie zur Hölle soll sich eine alleinerziehende Mutter mit zwei Jobs um ihre Tochter kümmern? Konsequenterweise verläuft sowohl die Planung, als auch die Durchführung des Überfalls eher amateurhaft und chaotisch. Die Frauen begehen keinen Überfall, weil sie’s halt können oder weil sie clevere Gaunerinnen sind. Sondern weil es um das blanke Überleben geht.

„Widows“ arbeitet mit klaren Bildern, ruhigen Kamerafahrten und präzise choreografierten langen Einstellungen. Die Musik von Hans Zimmer ist dabei ungewohnt zurückhaltend. Besonders müssen die schauspielerischen Leistungen gewürdigt werden: Viola Davis zeigt gefühlt in jedem ihrer Filme und Serien eine neue Höchstleistungen, wenn es darum geht große Emotionen zu zeigen. Doch nicht nur sie, auch Elisabeth Debicki spielt glaubhaft ihre Figur, die im Laufe des Films eine Emanzipation durchläuft. Auch ist es schön, Michelle Rodriguez abseits von Fast & Furious-Filmen zu sehen. So kann sie nämlich zeigen, dass sie eine wirklich gute Schauspielerin ist.

Humoristischer Lustgewinn als ersparter Gefühlsaufwand?

An der These von Sigmund Freud scheint etwas dran zu sein: Man lacht nicht nur aus Freude oder weil man etwas lustig findet. Man lacht aus Verlegenheit, wenn man nicht weiterweiß, oder nicht weiß, wie man mit einer Situation umgehen soll. Man lacht, um sich abzulenken. Man lacht aus Angst davor, Emotionen zuzulassen und sich damit vor anderen zu entblößen.

Die herrische Mutter der Witwe Alice nötigt sie, als Escortservice zu arbeiten. Lachen bei den Zuschauer:innen. Als Alice nach anfänglichem Ausweichen schließlich doch mit ihrem Kunden schläft, klatscht und grölt eine Gruppe im Publikum. Daraufhin wird gelacht. Geldeintreiber Jamal misshandelt einen querschnittsgelähmten Mann. Das Publikum lacht.

Kino kann mehr sein als zwei Stunden reine Unterhaltung. Kino kann und darf anstrengend sein, es darf den:die Zuschauer:in fordern. Das Kino kann der Ort sein, in dem gesellschaftliche Probleme aufgezeigt und für diese sensibilisiert wird. Und das ist nicht immer angenehm, aber es ist notwendig und wichtig. Leider kommt das nicht bei allen Zuschauer:innen gut an. Wer ausschließlich Spaß und Wellness will, sollte vielleicht lieber in den Freizeitpark, in die Lasertag-Arena oder in die Therme gehen. Wer aber offen ist für große Emotionen, Filmkunst und politisches Kino, der sollte sich „Widows“ auf keinen Fall entgehen lassen.

Man merkt es mir an, der Film hat es mir angetan. Gibt es überhaupt etwas an diesem Film auszusetzen? Nun gut, an einigen Stellen merkt man dem Film seinen Spagat zwischen Heist-Movie und Sozialdrama an. Es gibt – ohne spoilern zu wollen – einige typische Wendungen, die nicht zwingend nötig gewesen wären. Ebenso versprüht das Ende einen Optimismus, der sich nach diesem zwei Stunden zwar gut anfühlt, letzten Endes aber vielleicht doch zu optimistisch und nicht ganz konsequent ist. Doch das ist nur ein ganz kleiner Wermutstropfen. „Widows“ ist ein hervorragender Film, der es verdient, gesehen zu werden!

„Widows“ startet am 6. Dezember in den deutschen Kinos.

FOTO: 20th Century Fox.

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