Sneak-Review #206: Everything Everywhere All at Once

Sneak-Review #206: Everything Everywhere All at Once

In unserem Universum (und sicherlich auch in dutzend anderen) tauchten Zuschauer:innen am 26.04.2022 in der Sneak-Preview im Cineplex Marburg in den neuesten Film der Daniels ab. Das Regieduo aus Daniel Kwan und Daniel Scheinert, welches sechs Jahre zuvor den erfrischenden Film „Swiss Army Man“ veröffentlichte, kehrt nun zurück mit „Everything Everywhere All at Once“ („EEAAO“). Ob zwei der kreativsten Menschen dieses Planeten mit dem Film die große Masse begeistern können, erfahrt ihr hier (Spoiler: Ja, das tun sie).

Unvorhersehbarkeit – Der Film

Okay, wo fange ich an? In 140 Minuten verpackt der Film, was andere nicht in mehreren Staffeln einer Serie schaffen. Letztendlich geht die Handlung aber auf eins zurück: Die Familie Wang. Dreh- und Angelpunkt ist das Ehepaar Evelyn Wang (Michelle Yeoh) und Waymond Wang (Ke Huy Quan), sowie ihre Tochter Joy (Stephanie Hsu). Bereits in der ersten sehr beeindruckenden Szene versuchen sie, ihr chaotisches Leben in ihrem Waschsalon in den Griff zu bekommen. Sie sind überfordert mit den Kund:innen und stehen unter dem Druck von Evelyns Vater, der zu Besuch ist. Darüber hinaus steht die stressige Planung des bevorstehenden Neujahrsfest bevor und ihre Steuererklärung haben sie fehlerhaft abgegeben. Da kommt Deirdre (Jamie Lee Curtis) ins Spiel. In der Steuerbehörde angekommen, fungiert diese als Sachbearbeiterin der Wangs. Und ebenda treffen verschiedene Universen das erste mal aufeinander:

Ein Waymond aus einem (!) Paralleluniversum übernimmt die Kontrolle über den Waymond des uns bekannten Universums und offenbart seiner Frau, dass unzählige Universen existieren. Im „Alphaverse“ war es sogar eine Version von Evelyn, die eine Technologie entwickelte, mit der man auf die Fähigkeiten und Erinnerungen der Gegenstücke in einem der unzähligen anderen Universen zugreifen kann. Es ist die waschsalonbesitzende, in den Krisen versinkende und überforderte Evelyn Wang, die das Multiversum vor einer übermächtigen Bedrohung retten muss. Es liegt an ihr, zu verhindern, dass jegliches Leben im Multiversum ausgelöscht wird.

Was zur Hölle habe ich da gesehen?

Nach mehr als zwei Stunden war ich überfordert und bin mir sicher, dass ich nicht der einzige war und bleiben werde. Unzählige Universen werden in Rekordzeit geöffnet und alles zielt auf diese kleine, besondere Familie ab, in deren täglichen Problemen sich die Zuschauer:innen wiederfinden. Jedes Universum hat einen eigenen visuellen und akustischen Stil. So brauchte ich ein wenig Zeit, um mich darauf einzulassen und alles im Kopf zu sortieren. Da kommt es gerade richtig, dass „EEAAO“ genau dann einen Gang runter schaltet und mir kein CGI-Rumgefuchtel präsentiert, sondern kleine Einblicke in die Gefühlszustände von Evelyns Familie aus einer Paralleldimension. Die Daniels nehmen sich Zeit und wagen es, unkonventionell zu erzählen und Witze auszuschlachten. Das darauffolgende Gelächter im Kino könnte kaum lauter sein. Zum Glück haben sie das Filmstudio A24 an ihrer Seite, die in ihren Produktionen Wert auf originelle Ideen legen, diese qualitativ hochwertig umsetzen und es mit nur 25 Millionen US-Dollar schaffen, „EEAAO“ besser aussehen zu lassen als viele Blockbuster anderer Studios (hust, hust 200 Millionen US-Dollar für „Red Notice“)

Herrlich bizarr und liebenswürdig

Nach der Sichtung mehrerer Kritiker- und Reviewseiten (u.a.: Rotten Tomatoes: Tomatometer 97 % & Audience Score 92 %, Metacritic: Metascore 82 & User Score 7.7, Letterboxd: Neue Nr. 1 (!), IMDb: 8.8, Stand: 29.04.2022) ist es keine unpopuläre Meinung mehr, zu sagen, der Film trifft den Nerv der Zeit. Schon einen Monat nach Start in den US-amerikanischen Kinos überschlagen sich die Kritiken. Zurecht. Michelle Yeoh liefert die Leistung ihres Lebens ab. Ein Glück, dass Jackie Chan doch nicht für die Hauptrolle in Frage kam und sich Yeoh als starke weibliche Hauptrolle erneut beweisen kann. Stets wird gefragt, wieso es nicht mehr Frauen als nicht-klischeebehaftete Protagonistinnen gebe. Schon 1979 konnte man das mit Sigourney Weaver in „Alien“ beantworten und im Jahr 2022 ist es Michelle Yeoh. Jamie Lee Curtis als schrille, hochgradig unterschätzte Sachbearbeiterin und James Hong als liebenswerter Opa spielten sich in meine Herzen. Ke Huy Quan (Shorty aus „Indiana Jones und der Tempel des Todes“) kehrt endlich zurück in die Schauspielwelt und ist mit all seinen Facetten die Überraschung des Films.

Das Ensemble sollte definitiv mit Lob und Auszeichnungen überschüttet werden, alle anderen Aspekte des Films stehen dem aber in nichts nach. Die Kameraarbeit ist Weltklasse, jeder Schnitt sitzt, mit dem Seitenverhältnis wird gekonnt gespielt. Der Soundtrack der Band Son Lux entwickelt mit jedem Bild eine Symbiose. Die Kostüme und das Make-up sind an Skurrilität nicht zu übertreffen und das Drehbuch ist ein einziger Mindfuck. Zu gerne würde ich wissen, was die beiden Mastermind-Regisseure und Drehbuchautoren, welche die Idee zum Film bereits seit 2010 entwickelten, im Writers‘ Room konsumierten, um diese außerweltliche Erfahrung zu erschaffen. Seit ihrem 2014 erschienen Kurzfilm „Possibilia“, der in 3,618,502,788,666,131,106,986,593,281,521,497,120,414,687,020,801,267,626, 233,049,500,247,285,301,248 unterschiedlichen Weisen geschaut werden kann, steht fest: Die beiden haben das Multiversum verstanden.

Everything Everywhere All the Time

Leider bekommt „EEAAO“ nicht die Aufmerksamkeit anderer Filme ausgeweideter Franchises und wird beispielsweise in Marburg nicht in den großen Sälen, sondern im Capitol gezeigt. Deshalb mein Appell: Schaut euch lieber diesen einzigartigen Film an, statt eine deutsche, pietätlose Komödie als 18. Remake, statt des 28. Versuchs uns die gleiche Storyline eines Superhelden zu verkaufen oder statt männlichen Actionhelden dabei zuzusehen, wie sie sich an Wolkenkratzern hängend die Köpfe einschlagen. „EEAAO“ ist eine Liebeserklärung an das Kino, also sei diese Kritik eine Liebeserklärung an ebendiesen Film. Was für eine Zeit, am Leben zu sein und solch ein Meisterwerk sehen zu dürfen. Viel Spaß allen Bagel-, Waschbären- und Hotdog-Fans bei schleudernden Bauchtaschen und umherfliegenden Hunden. In irgendeinem Universum wird dieser Film als einer der besten des Jahrzehnts oder sogar des Jahrhunderts eingehen und ich bin mir ziemlich sicher, dass es unser Universum ist. Bis bald, Evelyn, Waymond, Joy & Co., wir sehen uns bestimmt in den nächsten Wochen wieder.

„Everything Everywhere All at Once“ erscheint in den deutschen Kinos am 28.04.2022.

Bild: A24

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