Studentische Gedichte sind nicht scheiße, sie sind super!

Studentische Gedichte sind nicht scheiße, sie sind super!

Kürzlich kam in einer der montäglichen Redaktionssitzungen die Idee auf, studentische Gedichte zu veröffentlichen. Die Resonanz war kontrovers, denn Gedichte, nun, ihr wisst es ja selber aus dem Deutschunterricht, geben immer Anlass für Diskussionen. Zeit, einmal eine Lanze für studentische Lyrik zu brechen.

Leider hört man nur selten ein Gedicht einer:s durchschnittlichen Student:in. Auf Lesebühnen und Poetry Slams trifft man doch meistens dieselben Menschen, die man schon fast der Kategorie „Profis“ verschreiben kann. Und traut sich dann doch mal ein Studi auf die Bühne, so wird dieser anschließend oft von den bedeutendsten Literaturkritiker:innen unserer Zeit (a.k.a Marburger Studis auf Poetry Slams) zerrissen, wie abgelehnte Baföganträge. Als beschämend und immer dasselbe thematisierend, wird studentische Poetik häufig charakterisiert, Texte, die die Aufnahme in die edle Klasse der Lyrik nicht verdient haben.

Goethe würde sich im Grabe umdrehen, hörte er, dass Gedichte der Mit-Zwanziger beschämend sein sollen. Schließlich hat der Meister der deutschen Literatur die leidenschaftlichsten Ergüsse, also jene Texte, die wir immer noch gerne in unseren emotionalen Momenten, alkoholisiert, im Mondlicht auf den kalten Straßen Marburgs rezitieren, um uns hinterher voller Gefühlsduseligkeit eine Träne aus dem Augen wischen, in seiner Sturm-und-Drang-Phase verfasst und die durchlebte er zwischen dem 20. und dem 30. Lebensjahr – dem Altersmedian der Marburger Studierenden. Seine späteren Gedichte sind zwar „ganz nett“, aber von wem Nett die kleine Schwester ist, wissen wir alle. In Goethes jungen Jahren fanden seine empfindsamen Gedichte nur wenig Gefallen, die Vernunft stand im Vordergrund, nicht die Gefühle. Wer in Gedichten über seine Träume mit der:dem heißen Angebeteten schrieb, seine letzte Nacht verarbeitete oder die Natur metapherisierend mit einem menschlichen Geschlechtsteil verglich und eventuell auch noch aus den konventionellen Reimschema (abab oder abba oder aaaa) ausbrach, der galt als peinlich. Solch eine Papier- und Zeitverschwendung, hieß es. Ohhh, entdecken wir da etwa Parallelen?

Der Alltag als Leitmotiv

Lyrik ist die höchste Form des kreativen Schreibens. Die meisten Gedichte werden aus besonderen Erlebnissen heraus geboren, aus Empfindungen, die bis in die Fingerspitzen kribbeln und einen dazu zwingen, mittels Silbensaltos und Vokalverflechtungen diese auf Papier zu ergießen. Wer selber schreibt weiß, das Schönste entsteht nicht, wenn einen die Muse nur geküsst hat, es ist oft mehr, als nur ein „Küsschen“.

So handeln viele poetische Schriften der Student:innen natürlich von den wilden Wogen des stürmischen Uni-Alltages, der uns allen immer irgendwie vertraut ist. Deshalb müssten wir studentische Gedichte eigentlich besonders schätzen, denn was ist schöner, als die Wut über das Prüfungsamt in einem Reim zu hören oder den Müll in der Hausarbeit mit einem Augenzwinkern zu betrachten? Freuen wir uns nicht auch, wenn jemand die lieblichen Sätze der Mensafrau mal gereimt vorlesen würde, die Prokrastination in der Bibliothek auf eine neue, lyrische Ebene hebt oder jemand anderes, seine Volltrunkenheit auf der letzten WG-Party so schön in Verse fassen kann, dass man glaubt, er sei immer noch betrunken, wenn er die Worte vorliest?

Zwischen den Zeilen blicken nicht selten die eigenen Erfahrungen einen mitten in das Gesicht. Doch Studis schreiben natürlich auch über anderen Dinge: Romantisierend über den roten Herbst mit seinen goldenen Blättern, polarisierend über die Chancen des Kommunismus, über den Sinn des Seins, das Leben, das Lieben und die Leidenschaft. Natürlich werden nicht immer die richtigen Töne getroffen und manchmal klingt ein Reim wie eine schiefe Note, autsch, da gehört doch ein Dur, kein Moll hin. Aber eigentlich ist nur das Instrument verstimmt, nicht die Melodie falsch, nur die Übung fehlt, das ist den jungen Jahren der Studis geschuldet. Hinter den Versen verstecken sich nicht selten Tiefen, die aufgrund der Unerfahrenheit mit dem Umgang der Lyrik im Schatten stehen, in denen man aber trotzdem manchmal hineinfällt und verloren ist.

Jede Zeit hat ihre eigenen Moden

Doch eins haben Gedichte von Studierenden denen der alten Meister voraus: Sie entsprechen dem Zeitgeist, was die Identifikation mit der Situation erleichtert und so wird aus dem holden Knaben der swaggy Dude und aus vierzeiligen Momentbeschreibungen die Frage „Was das für 1 Life?“. Und alle wissen Bescheid.

Natürlich klingen einige Verse so schlecht, dass man sich gedanklich vor Scham die Kapuze über den Kopf ziehen möchte, allerdings es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und ein Goethe hatte bestimmt nicht nur am Anfang eine große Papierverschwendung produziert. Trotzdem darf man studentischen Gedichten den Wert nicht abschreiben. Nicht alles, was sich reimt sollte als Lyrik bezeichnet werden, ohne Frage, aber bleibt das Gedicht ein bisschen länger im Raum, zaubert es ein Lächeln auf die Lippen oder Gänsehaut auf die Haut, kurz, hat es gewirkt, so dürfen studentischen Gedichte natürlich als solche gefeiert werden. Auch sie sind Lyrik und auch sie haben das Ohr des Publikums und das Lächeln des stillen Lesers verdient.

FOTO: CC Felix E. Guerrero „Poetry“, Flickr, unverändert

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