Treffen sich Schmidts Katze, ein alter Schwede und das Donnerlittchen

Treffen sich Schmidts Katze, ein alter Schwede und das Donnerlittchen

Chapeau! Der Immernochirgendwiemarburger Lars Ruppel ist in Dresden mit seinen Gedichten über Redensarten der 18. deutsche Poetry-Slam-Meister geworden. Doch längst erzählen sich die Geschichten von Holger, der Waldfee, Schmidts Katze und dem Donnerlittchen nur auf der Bühne – im SATYR-Verlag sind zehn von Ruppels Redensartgeschichten nun endlich auch in Buchform erschienen. Eine Rezension.

Wo liegt eigentlich der Hund begraben? Da, wo der Pfeffer oder das Geld auf den Bäumen wächst? „Ist mir doch schnuppe!“, könnte man entgegnen, denn ist nicht das Schweigen bekanntlich Gold? Mindestens einer wird widersprechen: Der Herzblut-Poetry-Slammer Lars Ruppel.  Spätestens seitdem der auf einem Poetry-Slam zufällig auf eine Dame traf, deren Name nichts anderes als eine Steilvorlage für alle Liebhaber*innen der deutschen Sprache ist: Frau Hempel. Und natürlich passierte, was passieren musste. Ruppel sprach Frau Hempel an „ob sie Mitglied der berühmten Familie Hempel sei, unter deren Sofa es so unaufgeräumt sein solle“. Frau Hempel negierte und schaute traurig drein, denn diese Frage stellte man ihr nicht zum ersten Mal. Dieses Schicksal bewegte Ruppel und er öffnete die Büchse der Sprichwörterpandora. Denn ach wie gut, dass jede*r weiß, dass eine Redensart nicht nur um Frau Hempel kreist. Ruppels Mission ward geboren: ein Bewusstsein schaffen „für Worte, die wir oftmals viel zu sorglos verwenden.“ Bedient hat er sich dabei am gleichsam zugänglichsten wie auch schwierigsten zu komponierendem Stilmittel: dem Humor.

Aus: Das Donnerlittchen.
Aus: Das Donnerlittchen.

Schon das erste Gedicht um den Namenspatron seines Buches, Holger, die Waldfee, offenbart, dass Ruppels Reise durch die Geschichten deutscher Redensarten für den*die Leser*in keine nur märchenhafte werden wird. Denn erleiden müssen sie viel, die Charakter in den Geschichten um Waldfee, Schmidts Katze und Donnerlittchen. Glücklicherweise hat Ruppel Erbarmen mit seinen Helden und lässt sie durchhalten, wenn die Rodung des Waldes durch einen schwedischen Möbelkonzern ansteht, Katzen die Weltherrschaft an sich reißen, ein Monopolist nur noch die Gewinnmaximierung im Sinn hat, oder der Stammtisch mal wieder nur zu meckern hat, weil man „wird ja wohl noch!“.

Empört euch!

Ruppel leistet „genauste Spracharbeit“, wie die FAZ mal passend schrieb, wenn er einlullend-poetisch mit der Schilderung von hübscher Szenerie seine Gedichte einleitet, nur um danach auf eines dieser gesellschaftskritischen Themen unserer Zeit anzusprechen, von denen natürlich jeder weiß, dass sie da sind. Dem erhobenen Zeigefinger bedient er sich dabei nie. Braucht er auch gar nicht. Um auszudrücken, worum es geht, reicht seine Schreibe vom Nazi, der genüsslich an seinem Döner lutscht und dass Unwissenheit natürlich davor schützt, keine Flüchtlinge im Meer zu sehen. Und sicher, die Szenerien der Welten, in denen Heide Witzka, das liebe Bisschen und Herr Specht leben, sind märchenhafte, lustige, mit wohlklingenden Wörtern wie Bauarbeiterknoppersknuspern und Sägespäneschwaden bevölkerte. Aber: Weder wird der*die Leser*in am Ende dieser Fabeln mit einem säuselnden Happy-End, noch mit einer exakten Aufforderung zum Handeln entlassen. Es steht lediglich das Aufzeigen der Möglichkeiten zur Änderung der Verhältnisse am Ende und ist damit, wenn überhaupt, die Moral von der Geschicht‘. Stéphane Hessel würde sicher applaudieren. Frei nach dem Motto: Selbst Denken, selbst Handeln.

Ansonsten: Das Lesen der Texte, die man sonst in professionellem Duktus auf der Bühne und inmitten von vielen anderen Menschen präsentiert bekommt, verändert natürlich auch die Wahrnehmung der Poetry-Slam-Poesie. Der poetische Konsum von Ruppels Texten in Papierform ist sicher ein anderer, als der, der einem auf der Bühne präsentiert wird. An der Qualität der Texte und ihrer humorvoll-subtil-revolutionären Nachrichten ändert aber auch die Papierform nichts. Außerdem, heißt es nicht sowieso so schön: „Ich glaube das erst, wenn’s schwarz auf weiß steht!“?

artikel_holger-die-waldfee_3Lars Ruppel
Holger, die Waldfee: Zehn Gedichte über Redensarten
SATYR Verlag, Berlin 2014
96 Seiten
10,90 € (Buch) /  6,99 € (Kindle)

FOTO: SATYR-Verlag, Illustration von Eyke-Sören Röhrs

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PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin von 2014 - 2017.