Sneak Review #126 – Searching

Sneak Review #126 – Searching

Schon mal was von Aneesh Chaganty gehört? Nein? Mit seinem Debüt „Searching“ könnte sich das für den jungen Regisseur allerdings ändern. Ein Film, der etwas anders daherkommt als gewohnt. Aber lest selbst:

Es könnte so schön sein. Alles beginnt mit dem idyllischen Familienleben von David Kim (John Cho). Alles aufgezeichnet und archiviert auf einem einzigen Gerät. Schöne Erinnerungen, die kein Gehirn der Welt so detailliert festhalten könnte, geschweige denn teilen kann. So sieht man Familienfotos und Videos von Davids aufwachsender Tochter Margot (Michelle La) oder seiner Frau (Sara Sohn). Und wie das Leben so ist, boxt einem die harte Realität ganz plötzlich ins Gesicht und schreit laut „fick dich!“. Das Familienidyll wird gestört durch etwas, das heute leider viel zu oft vorkommt: Krebs.

Aber das Leben muss weitergehen, soll heißen, wir haben einen alleinerziehenden Vater, der seiner Tochter in der wohl schwierigsten Lebensphase zur Seite steht. Ihr kennt das, die Phase der anstrengenden Eltern, die noch nicht ganz bereit sind, dass ihre Kids erwachsen werden. Die Phase, in der die Eltern alles über ihre Kinder zu wissen glauben, während diese anfangen, ihr eigenes Leben zu führen und eben nicht mehr so mitteillungsbedürftig à la „Mama guck mal“ sind. Die Phase, in der Kinder sich entfremden, ohne das ihren Eltern mitzuteilen, deren Erkenntnisstand letztendlich bei Null liegt. Und dann noch das Internet? Huiuiui! That’s where secrets start.

„I know my daugther!“

Also passiert es, Davids Tochter verschwindet. Der einzige Hinweis: Margots Laptop, der ein ganzes Leben offenbart, das nicht viele kennen. Und so durchforstet David das Leben seiner Tochter, um herauszufinden, weshalb sie verschwunden ist. Dabei findet er viel. Eigentlich schon zu viel. Dinge, die so privat sind und eigentlich nicht im Netz zu finden sein sollten. Wer wir wirklich sind, weiß also nur das Internet. Weder eure engsten Freunde, noch eure Eltern oder euer Psychotherapeut. Nur das Internet weiß, welche Probleme du wirklich hast, wie viel Geld du besitzt oder welche abgefahrenen Sexpraktiken du geil findest. Hast es ja eben erst gegoogelt. Und auch wenn wir es eigentlich wissen sollten: Es ist so einfach, an private Informationen zu kommen. Geteilte Inhalte verschwinden nicht einfach so. Sie bleiben, wie ein Pfad aus Brotkrümeln, ob wir es wollen oder nicht. Searching führt dir all das vor Augen.

Der Film zeigt euch auch, was für eine verlogene Kackscheiße das Internet ist. „Beste Freunde“, die sich plötzlich für dich interessieren? Die sich überhaupt auf einmal interessieren. „Pray for Margot“ heißt es da. Na erkennst du dich wieder? Auch schon mal Tweets in der Richtung abgesetzt, weil es alle so machen? Pray for dies, pray for das, merkste‘ was? Spekulationen, Diffamierungen, dumme Menschen, sensationsgeile Berichterstattung? Willkommen im Internet, willkommen im Irrenhaus!

Ein Film wie ein Desktop

Und nun zu guter Letzt: Was ist denn nun das Besondere an diesem Film? Es ist nicht nur die Thematik, bei der das Verschwinden von Margot eigentlich nur eherNebensache ist. Wer glaubt, dass ein Film notwendigerweise ein bestimmtes Format erfüllen muss, täuscht sich. Wir sehen einen Film in einem Format, das so neu und ungewöhnlich ist und erstmal für Irritationen sorgt. Denn das, was wir sehen, ist nichts anderes als ein Desktop, auf dem Dinge passieren. Soll heißen, wir sehen Videos, Socialmedia-Plattformen, Face Time und vieles mehr, was eben auf so einem Desktop passiert, aber das funktioniert erstaunlich gut.

Die Story und die schauspielerischen Leistungen sind letztendlich okay und es gibt einige Deadends und Plotttwists, was den Film wirklich sehr spannend macht. Aber weißt du was? Das ist eigentlich gar nicht so wichtig. Wichtiger ist es, dass dir nach Searching klar sein sollte, was für einen Scheiß du tagtäglich im Internet fabrizierst und welche Spuren du dabei hinterlässt. Nicht alles ist toll an diesem Medium. Der Film kann also als Sensibilisierung im Umgang mit dem Netz funktionieren, was du daraus machst, bleibt dir überlassen. Gute Unterhaltung bleibt es dennoch.

„Searching“ erscheint am 30. August 2018 in den deutschen Kinos. 

FOTO: Sundance Institute

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Über den Terry Gilliam einmal sagte: "Wer zum Teufel ist das?"
Studiert Kunst, Musik und Medien. Lebt zu einem großen Teil für Künste jeglicher Art. Wenn er mal groß sein sollte ist eine Karriere als Gangster-Rapper eher unwahrscheinlich.