Was machen eigentlich … die Biodoktorand*innen?

Was machen eigentlich … die Biodoktorand*innen?

Schon mal damit geliebäugelt das Fach zu wechseln oder einfach mal in ‘ne Vorlesung zu setzen, damit man versteht, was der*die Mitbewohner*in da immer so faselt? In unserer Reihe “Was machen eigentlich …” geben Fachfremde Einblicke in die Studiengänge unserer Uni. Diesmal ist Germanistin und Kulturwissenschaftlerin Leo wieder unterwegs in den Naturwissenschaften und versucht herauszufinden, was eigentlich eine Person so treibt, die gerade ihren Doktor in der Biologie macht.

Schon die Busfahrt ist etwas befremdlich. Selten fahre ich dort hoch, auf die Lahnberge, und wenn überhaupt, dann meist, um mich selbst mit einem Powertag in der Medizinbib zu quälen. Diesmal bin ich jedoch ganz freiwillig auf dem Weg in die Gebäude, in denen die Bio-Leute hausen. Naja, sagen wir halb freiwillig. Oben angelangt, kommt mir Peter schon entgegen. Mein Mitbewohner ist inzwischen seit stolzen sieben Jahren in Marburg, war in der Zeit aber auch wirklich nicht untätig. Sowohl den Bachelor als auch den Master in Biologie hat er hier absolviert, jetzt hockt er an seiner Doktorarbeit. Der Clou: Er macht nur einen Teil seiner Studien hier, seine Doktorandenstelle bekam er in Schweden.

Peter nimmt mich mit in das Gebäude, zum „Jack“, wie sie den großen Elefant nennen, dessen Skelett in der Halle quasi von der Decke hängt (laut Peter hieß er tatsächlich so). „Hier ist ja tatsächlich was los!“, bemerke ich erstaunt. Bei meinem letzten Besuch herrschte nämlich tote Hose, zumindest bis auf ein paar meiner Mitbewohner und mir sowie der Reihe Nerfgun-Munition, die mir an den Ohren vorbei zischte. Es war ein Sonntag, Uni stresste  und wir mussten uns abreagieren! Doch heute sind hier einige Studis, lernen, quatschen, oder zocken am Tischkicker und an der Tischtennisplatte.

 Heute leider kein Mückensex

Zunächst zeigt mir Peter die Zucht. Das ist super, ich wollte nämlich schon immer mal wissen, was das eigentlich bedeuten soll, wenn er mir am Telefon sagt: „Ich komme heut etwas später nach Hause. Bin noch in der Zucht, Fliegen klopfen.“ ‚“Nicht Zucht“ , denk ich dann immer, „psychiatrische Klinik nennt sich der Ort, wo man für so ein Geschwafel hinkommt.“ In der „Zucht“ stehen reihenweise runde Eimer, die mit einer Art Netz verschlossen sind. Da drinnen schwirrt es von kleinen schwarzen Viechern. Auf dem Netz stehen umgestülpte kleine Gläschen, in denen Blut klebt. Die haben also gerade ihr Mittagessen. Yumm! Meins hätte wirklich nicht besser aussehen können.

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„Schade“, bemerkt Peter irgendwann, als ich fragend auf ein paar leere Boxen zeige, nachdem ich die vielen anderen bewundert hatte, in denen sich Mückenlarven sowie kleine Mückenbabys tummeln und orientierungslos durchs Wasser schwimmen. „Leider haben wir heute kein Mating-Experiment, sonst hätte ich dir Mückensex zeigen können.“ Ich überlege kurz, wie ich darüber denken soll, beschließe schließlich, darüber echt traurig zu sein und frage Peter, wie das denn ausgesehen hätte. Die Antwort ist etwas verstörend: „Naja, da werden dann männliche und weibliche Mücken in eine dieser Boxen eingeschlossen und solange geschüttelt, bis sie’s tun.“

 Aedes Aegypti

Peter beschäftigt sich viel mit Mückensex. Und nein, er hat wirklich keinen extrem merkwürdigen Fetisch! Geschlechtsverkehr bei Mücken funktioniert überwiegend über den Geruchssinn. Peter erklärt mir, dass man sich in der Biologie immer einer Arbeitsgruppe (AG) zuschreibt. Er ist in der Schachtner aus dem Fachgebiet Tierphysiologie, welche sich mit Gehirnplastizität, insbesondere des olfaktorischen- also des Geruchssystem beschäftigt, scheinbar geht es dabei wohl auch um Sex. Peter beschäftigt sich mit Gelbfiebermücken, oder wie er sagen würde: Aedes Aegypti. Dabei möchte er herausfinden, welche Substanzen sich im Gehirn der Tiere verändern, wenn sie ein bestimmtes Verhalten zeigen und ob diese Substanzen einen Einfluss auf ihr Bluttrinkverhalten haben. Weil, das wissen immerhin auch Laien: Mücken sind vor allem ihres Blutsaugens wegen bekannt.

Derzeit ist er in der Endphase seines Projekts, zumindest von dem in Marburg. Heute besteht sein Tagesablauf aus Scannen. Klingt nicht so spannend, ist es auch nicht. Aber hübsch anzusehen. Wir befinden uns jetzt in einem kleinen Raum, in denen zwei Monitore stehen, ein dickes Mikroskop und noch anderer Kram, den ich nicht benennen will, weil ich nicht dumm dastehen möchte. Auf einem der beiden Monitore sind vier Bildchen abgebildet, alle zeigen ein etwas anders neon-farbiges Bild auf. Das gefällt mir. „Ich scanne gerade Gehirne“, erklärt mir Peter. Klar, denke ich mir, macht er zuhause ja auch öfter. Peter guckt nämlich ganz gerne mal tief in deine Psyche und analysiert deine Gedanken. „Ich untersuche die Veränderung von Menge und Lokalität von Neuropeptiden.“ Peter erklärt mir, dass man dafür eingefärbte Antikörper benutzt, die sich an Neuropeptiden koppeln, wodurch man die farbigen Bildchen erhält. „Wir scannen mit Lasern. Das wird in der Biologie sehr oft gemacht. Dabei wird das Licht von den Molekülen in einer anderen Wellenlänge abgestrahlt, was dann aufgezeichnet wird. Das ist, was du hier siehst.“ Er zeigt auf eine Stelle des Mückengehirns.

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„Neuropeptide sind übrigens so was wie Sprachzeichen“, will mir Peter das Ganze schön sechsteklassegerecht darstellen. „Die sagen den Zellen ‚tut dies und das’ und darauf wird dann reagiert.“ Aha. Ich muss ihm gestehen, dass ich immer noch nicht so genau verstehe, was exakt er da jetzt untersucht. „Leo, man arbeitet als Doktorand immer an einem sehr, sehr eng gefassten Thema“, bekomme ich als Antwort, „das heißt man arbeitet mit einem bestimmten Organismus, zum Beispiel bei Moskitos. Dabei arbeitet man mit Gehirnen von Moskitos, also einer bestimmten Gehirnregion, genauer einer bestimmten Modalität innerhalb dieses Systems, mit einem bestimmten Stoff, mit einer spezifischen Methode, um das herauszufinden und das unter bestimmten Bedingungen. Man arbeitet also an einem sehr kleinen Puzzlestück in einem großen Ganzen“

Warum bin ich nicht Schreiner geworden?

Bevor ich diesen Ort wieder verlasse, gehen wir noch mal auf einen Tee in Peters Büro. Als wir die Tür öffnen, werden wir mit einem Frustrationsausbruch begrüßt: „Ich hab so kein Bock mehr, das ist doch scheiße! Warum bin ich nicht Schreiner geworden?“, ruft einer von Peters Kollegen, der bereits eine Weile auf seinen Bildschirm starrt. „Well…“, denke ich mir nur und verkneife meine Antwort. So als Linguistin verstehe ich ja was von rhetorischen Fragen. Stattdessen erhalte ich von Peter ein Resumé: „Wir haben herausgefunden das, wenn Mücken satt sind, sie die Lust auf Mensch verlieren. Und wenn sie gevögelt haben, sie auch keine Lust mehr auf mehr Sex haben.“ Oh mein Gott!, geht es mir durch den Kopf. Erstens, sind das total lahme Erkenntnisse und zweitens, was für ein langweiliges Leben müssen die führen? „Wir untersuchen jetzt, warum das so ist“, schließt Peter. Und damit habe ich endlich verstanden, was mein Mitbewohner jeden Tag macht. Ich hab zwar wenig Ahnung über den Prozess, aber immerhin kann ich jetzt sagen: „Mein Mitbewohner untersucht, warum Mücken kein Bock auf mehr Sex haben.“

FOTOS: Peter Christ und Leonie Ruhland

PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin. Zwischen ihrem Master in Friedens- und Konfliktforschung ist sie zu Techno und Goa am Raven oder reist durch die Weltgeschichte.

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