Marburg ist die perfekte Stadt für einen Tatort

Marburg ist die perfekte Stadt für einen Tatort

23 Tatort-Teams ermitteln derzeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Darunter sind auch zwei, die in Hessen spielen. Und das gar nicht mal so unerfolgreich. Erst jüngst wurde Felix Murots „Im Schmerz geboren“ mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Trotzdem fehlt eine Stadt, die mit Sicherheit noch erfolgreichere Tatorte produzieren könnte: Marburg.

Es gibt nicht viele Konstanten in meinem Leben, aber der Sonntagabend ist eine von ihnen. Denn dann passiert fast immer genau das: Jan Hofer, Judith Rakers oder Susanne Daubner verlesen die Nachrichten über Kriege, Naturkatastrophen und Steuererhöhungen, meine Freunde und ich sitzen gemütlich im Wohnzimmer einer unserer WG’s und wir bestellen ungesundes Essen. Dabei warten wir auf die berühmteste Melodie der deutschen Fernsehgeschichte, gegen deren Abschaffung noch nicht einmal ein Till Schweiger Erfolg hatte. Dödö. Dödö. Dö. Dö. Dödödödödödö. TATORT erblinkt in einem Fadenkreuz.

Verspießerung der Jugend

Es ist diese Szenerie, die ich einem Fernsehjournalisten und Kollegen von Hofer und Co. in einem Bewerbungsgespräch bei einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender erzählte, als dieser mich fragte, ob ich und meine von „digitalen Medien verseuchte Generation“ denn überhaupt noch fernsehgucken würden. Was ich für meine Sonntagsabendtradition erntete, war Spott: „Na sowas! Die Verspießerung der jungen Leute setzt ja immer früher ein!“ Das Praktikum habe ich trotzdem bekommen. Trotz meiner Liebe für den Lokalkriminalkolorit. Aber wie kann man dieses TV-Juwel, das schon seit 1970 existiert und damit die am längsten laufende Krimireihe im deutschen Sprachraum darstellt, denn auch nicht mögen? Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels beläuft sich die absolute Anzahl der Tatort-Episoden auf 940. Man stelle sich das bitte mal vor. Das sind 84600 Minuten, 1410 Stunden, knapp 59 Tage! Neunundfünfzig Tage!

Wie man sieht: Zwischen Frankfurt und Hannover ist definitiv noch genug Platz für ein Team in Marburg.
Wie man sieht: Zwischen Frankfurt und Hannover ist definitiv noch genug Platz für ein Team in Marburg.

Natürlich wären mitnichten alle dieser 58 Tatorttage wertvolle Tage. Denn neben Perlen wie Felix Murot (Wiesbaden), tummeln sich zwischen Ganz-Okay-Klassikern mit Ballauf und Schenk (Köln) und Laitmayr und Batic (München) eben auch Totalausfälle wie Nick Tschiller (Hamburg) oder Stellbrink und Marx (Saarbrücken). Aber auch das ist irgendwie okay. Weil dieses Kriminalfilmpotpurri unterschiedlicher Stile und Drehbücher eben auch nur eine Begleiterscheinung der Tatortdemokratie ist. So wie die CSU eine Begleiterscheinung der Föderalismusdemokratie im Bundestag ist. Nervt, aber kann man irgendwie mit leben. Was aber ganz und gar nicht okay ist, ist dass ich das Gefühl habe, mit meiner Stadt auf der Landkarte des Tatorts so gar nicht vertreten zu sein. Wenn sogar das langweilige Ludwigshafen einen Tatort bekommen hat, warum dann nicht Marburg? Es gibt nur eine Instanz, die diese Frage beantworten kann: Der Hessische Rundfunk. Theoretisch. Denn eine Antwort auf meine E-Mail, in der ich Marburgs stiefmüttlerliche Tatort-Behandlung thematisierte, blieb bis heute aus. Dabei produzierte der HR in den Achtzigern sogar einen Tatort in Heppenheim. Und mal ehrlich: Wer kennt bitte Heppenheim?

Yes! Marburg can!

Ich kann die Abneigung und Ignoranz gegenüber Marburg als Drehort nicht verstehen. Vor allem, da die ARD in der Vergangenheit schon bewiesen hat, dass sie von unserer Existenz weiß. Erst im letzten Herbst drehte sie einen Spielfilm über eine Medizinstudentin in den Vierzigern, die es „an der Uni nochmal wissen will“, und auch die Filemacher*innen des Historiendramas „Die Hebamme“ nutzten die engen Gassen unserer Oberstadt als Drehkulisse. Ist wohl also alles nur eine Frage des Wollens. Genug Stoff für Kriminalgeschichten bietet Marburg jedenfalls allemal. Das zeigen sowohl die offiziellen Polizeistatistiken (siehe Kasten) als auch die PHILIPP-Recherchen zu geheimnisvollen Vorkommnissen unserer Stadt. In einem Forum namens Allmystery, das sich zur Aufgabe gemacht hat, „die Rätsel dieser Welt zu lösen“, erzählt eine Userin namens „MissMogwai“ beispielsweise, dass ihre 80-jährige Nachbarin sie davor warnte den Weg in die Stadt durch den Marbacher Wald anzutreten. Vor etwa fünf Jahren sei dort nämlich ein Mädchen auf dem Weg zum Klavierunterricht umgebracht worden. „MissMogwai“ war davon ziemlich aufgewühlt, betrieb weitere Recherchen und wurde, was auch sonst, prompt fündig: Der Vater des besagten Mädchens war Wirtschaftsprofessor und augenscheinlich selbst in die Tat involviert, konnte aber wohl in Zusammenarbeit (Verschwörung!) mit den regionalen Institutionen die Sache unter den Teppich kehren können. Warum bleibt bis heute unklar. Unter den User*innen im Allmystery-Forum war daraufhin allgemeines Erstaunen über die Geschehnisse in Marburg die Folge und der Fall wurde heiß diskutiert. Vor allem eine gewisse „Ceddy“ sowie ein „KonradTönz“ berichteten davon, dass der Fall damals vor allem seitens der Presse totgeschwiegen wurde. Ein Schelm, wer Lügenpresse dabei denkt.

Morde unter Burschenschaftlern und eine transnational agierende Pharmaindustrie

Doch was sehen wir an dieser Geschichte? Marburg ist nichts weniger als ein Tatort-Drehbuchparadies! Was könnte man hier nicht alles für Krimis zaubern! Zum Beispiel: Während des Marktfrühschoppens wird ein führendes Mitglied einer Burschenschaft ermordet. Zunächst scheint der Fall klar: Es muss natürlich jemand aus dem gegnerischen linksaktivistischen Mileu gewesen sein. Aber weit gefehlt, denn am Ende findet sich Marburgs Tatort-Kommissar*in in einem Machtkampf der Burschenschaften um die Deutungshoheit im Burschiland wieder. Oder auch: In der Marburger Virologie wird eine Studentin tot aufgefunden. Was zunächst nach einem Unfall aussieht, entpuppt sich bald als mafiöses Kalkül einer transatlantisch operierenden Pharmalobby, die verhindern wollte, dass die Öffentlichkeit vom geglückten Versuch der Studentin erfährt, einen Impfstoff gegen Ebola entwickelt zu haben. Wie geil wär das! Darüber hinaus könnten fanatische Theolog*innen aus dem Jesus-Lebt-Haus, Drogenekzesse bei Waldraves, eine Entführung von Öff-Öff während des Bildungsfestes, oder die guten alten Beziehungstaten in einem der riesigen Freundeskreise, die das Unileben so hervorgebracht hat, zum Dreh- und Angelpunkt eines Tatorts werden.

Hier zu sehen: v.l.n.r. die Schauspieler*innen Leonard Lansik, Sibel Kekilli und Elyas M'Barek
Hier zu sehen: v.l.n.r. die Schauspieler*innen Leonard Lansik, Sibel Kekilli und Elyas M’Barek

Nicht zuletzt steht und fällt ein guter Tatort aber natürlich mit seinen Kommissar*innen. Das sieht man ja zum Beispiel in Leipzig. Egal wie gut die Story ist, Simone Thomalla und Martin Wuttke spielen alles kaputt. Wer könnte also in Marburg ermitteln? Vielleicht ein Mann vom alten Schlag, kurz vor der Pensionierung stehend, mit viel zu vielen Büchern im Schrank und Rauch in der Lunge. Einer, der ein bisschen grantig und kauzig, dafür aber mit jedem vernetzt ist. So einer, der sich ein bisschen wie der moderne, von Benedict Cumberbatch gespielte Sherlock Holmes, das Netzwerk der Obdachlosen für seine Ermittlungen zu Nutze macht. Und aussieht wie ein Leonard Lansik mit Kinski-Attitüde, der im Team mit einem*einer jungen Kolleg*in arbeiten muss, dessen Vater er sein könnte. Der*die junge Tatortkommissar*in sollte dabei hingegen so studentisch wie möglich aussehen, um sich investigativ sowohl auf Verbindungsparties als auch auf Waldraves und WG-Feten schmuggeln zu können. Charakterlich ein bisschen verwegen, ausgestattet mit intelligentem Humor und sportlich genug, mögliche Tatverdächtige durch die Oberstadt zu jagen. Man denke zum Beispiel an eine junge Sibel Kekilli oder einen Elyas M’Barek, die wären dafür sicher gut geeignet. Überzeugt? Dann lasst uns eine Petition beim HR einreichen!

MARBURG CRIME CITY: Laut offizieller Kriminalstatistik für die Stadt Marburg beträgt die Zahl der gemeldeten Straftaten für das Jahr 2013 genau 10.717. Sowohl die absoluten Zahlen der Straftaten als auch die Aufklärungsrate von etwa 62,2 Prozent ist seit fast einem Jahrzehnt konstant. Den größten Anteil der Straftaten bildet mit 17,2 Prozent die Straßenkriminalität. Danach folgen erst Rauschgift- und Gewaltkriminalität mit 5,1 und 3,5 Prozentpunkten. „Straftaten gegen das Leben“ zu denen auch Mord und Totschlag zählen, gab es im Jahr 2013 genau vierzehn an der Zahl, von denen jeder aufgeklärt werden konnte. Bei Straftaten „gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ sieht das ein bisschen anders aus. Hier gab es 131 gemeldete Straftaten, von denen nur 112 und damit etwas über 85 Prozent aufgeklärt werden konnten.

FOTOS: Tatort Promo

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PHILIPP-Gründerin und Chefredakteurin von 2014 - 2017.