Mein alter Freund der Kater

Mein alter Freund der Kater

Den Spruch „Ich trinke nie, nie wieder Alkohol, dieser Kater ist der letzte“ hört man häufiger als das Amen in der Kirche. Manche sprechen dieses Mantra einmal im Jahr, andere etwa jedes Wochenende. Aus einem Bier werden fünf und aus den guten Vorsetzen leere Versprechen. Da wir alle nicht jünger werden und schon wieder Silvester an der Tür kratzt, hat Karina ein paar Überlebenstechniken aus dem Fundus ihrer langjährigen Erfahrung von schlechten, alkoholdurchtränkten Nächten und einer großen Anzahl wilder russischer Familienfeiern zusammengestellt, die sie auf diesem Wege mit euch teilt.

Nur der lebensunerfahrene Ersti trinkt gedankenlos. Der*die bewanderte Student*in trinkt mit System. Die richtige Katerbekämpfung beginnt schon vor dem Trinken. Um die Nacht und den angrenzenden Tag zu überleben, solltest du auf jeden Fall etwas Nahrhaftes wie ein Paar Wurststullen, einen Teller Pasta oder drei Tofuschnitzel essen. Alle Weisheiten wie: „Heute misch ich mal nicht und bleib bei meinem Bier“, sind spätestens nach dem dritten Nörten über Bord geworfen und es ist an der Zeit Plan B anzuwenden. Am besten trinkst du zu jedem Drink ein Glas Leitungswasser, denn glaub mir, dein betrunkenes Publikum wird es nicht merken, ob du deine Reden zum Gin Tonic oder zum Leitungswasser schwingst. Frag einfach charmant an der Theke, niemand sollte dir diesen Wunsch abschlagen. Zu Hause, oder wo auch immer angekommen, solltest du dir nochmal ein Glas Wasser und eine Schmerztablette gönnen. Denn glaub mir: Dein Kopf wird es dir danken. Lass die Flasche Wasser in Griffnähe stehen, denn sie wird sich im Laufe des Tages zu deinem besten Freund entwickeln. Solltest du noch in der Lage sein, eine Dusche zu nehmen, tu es! Es gibt nichts Schlimmeres als mit nach Rauch stinkenden Haaren aufzuwachen.

Sei vernünftig: Verdränge!

Spätestens wenn du deine verklebten Augen öffnest, den bitteren Nachgeschmack der vergangenen Nacht spürst und dein Leben verfluchst, ist es Zeit zu handeln. Nach einer ersten Orientierungslosigkeit werden dir die Bilder der letzten Nacht durch den Kopf schießen. Das ist die Zeit für deinen nächsten vernünftigen Schritt: die Verdrängung. Für den Moment soll es egal sein, ob du den Steinweg runtergekrochen bist, oder zum x-ten Mal deinen Döner im Minicar verteilt hast. Der erste Weg sollte dich zu deinen im Zimmer verteilten Anziehsachen führen. Laufe hin, greife sie und schaff sie am besten weit, weit weg. Am besten überprüfst du gleichzeitig ob deine Geldbörse (samt Inhalt), Schlüssel und Handy es mit nach Hause geschafft haben. Ist das der Fall, musst du ein kleines Dankgebet sprechen. Dein Ansehen oder Image spielt erstmal keine Rolle, ein bisschen Verlust ist immer.

Öffne alle Fenster, wasche dein Gesicht und robbe zum Kühlschrank. Wenn du ein Katerfreund bist, hast du mindestens eine Dose Rollmops oder Saure Gurken im Kühlschrank stehen. Meine russische Oma ist eine weise Frau und sie war es, die mir beibrachte, dass das gute Gurkenwasser Wunder bewirkt. Und sie war es auch, die mir beibrachte, den Kater als alten Bekannten zu sehen, den man ab und zu einfach ertragen muss, sei es auch nur an Feiertagen wie Neujahr. Aber egal, wann er kommt, man sollte vorbereitet sein! Solltest du nicht auf Eingelegtes stehen, kannst du dir einen Becher Brühe machen und diese mit Brot essen. Sollte die Übelkeit die Nahrungszufuhr unmöglich machen, musst du dich entscheiden: Entweder du stehst deinen Mann/deine Frau, steckst dir den Finger in den Hals und fühlst dich danach wie neugeboren, oder du stehst sie aus und leidest für den Rest des Tages. Doch egal für welchen Weg du dich entscheiden solltest, bedenke immer: Wasser, Salz, Schmerzmittel und frische Luft sind deine Freunde. Und sollte alles nicht helfen, denk an die Worte meiner Babuschka: wer saufen kann, der kann auch leiden. Also Freunde, na sdarovja und auf das nächste große Leiden.

FOTO: Rodrigo Soldon auf flickr.com, CC-Lizenz.

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Die Kunsthistorikerin bekocht gern ihre Freunde, fährt gern Zug und liest noch lieber Kafka.
Im Museum mutiert sie zu einem grinsenden Kind im Süßigkeitenladen und bringt ihre Freunde in Verlegenheit.