Museum ist nicht nur für alte Leute

Museum ist nicht nur für alte Leute

Ist das Kunst oder kann das weg? In unserer neuen Reihe IST DAS KUNST? wollen wir genau das besprechen. In Folge 2 plädoyiert Karina für die Moderne Kunst auf der „Jungen Kunstnacht“, die am 11. Juni in Kassel statt findet.

Es wird wieder Zeit, das Semesterticket zu nutzen und einen Ausflug in die weite Welt der Kunst zu unternehmen. Was ist nicht weit weg und immer einen Besuch wert? Kassel, die Metropole der Hochkultur, die Mutter der Documenta, die Stadt mit den hässlichen Bahnhöfen. Am 11. Juni lädt die Neue Galerie Kassel zur Jungen Kunstnacht. Diese zählt zu den wohl schönsten Standorten für Moderne Kunst und ist immer einen Besuch wert. Ich sag das nicht nur so, I mean it, I swear.

Von Kunst und wandelnden Klischees

„Was ist denn daran Kunst? Das kann ich auch.“ Würde ich jedes Mal einen Euro bekommen, wenn ich diesen Satz höre, könnte ich mein BAföG locker zurückzahlen. Kaum ein Museumsbesuch kommt aus ohne die obligatorischen Äußerungen wie: „Das ist doch keine Kunst.“, „So malt mein Kind.“, „Das ist aber nicht besonders hübsch.“ Während ich mein professionelles Jokerlächeln aufsetze und mein Augen in meinem Inneren rollen lasse, denke ich, die Kunstgeschichte nicht nur studiert hat sondern sie auch vermitteln möchte: Doch. Herzlichen Glückwunsch. Na und? Du auch nicht. Ja, ja die moderne Kunst. Das scheinbare Problemkind der Kunstgeschichte. Das Enfant Terrible, der kleine Rebell. Das, was die meisten von uns als moderne Kunst bezeichnen, ist über 100 Jahre alt und in den Augen der Kunstgeschichte schon längst veraltet. Während die ersten Impressionist:innen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts von den Kritiker:innen verrissen wurden, dekorieren Monets Seerosen heute nur noch höchstens die Wände trostloser Seniorenresidenzen.

Das Studium der Kunstgeschichte ist eine toller Erfahrung, hat aber wenig mit „der realen Welt da draußen zu tun“. Ich habe die große Ehre auch abseits der Uni meine Erfahrungen mit Museen und Museumsbesuchern zu sammeln. Die Arbeit in der Kunstvermittlung ist ein großer Segen und ein in Erfüllung gegangener Traum. Allerdings kann sie sich für einen temperamentvollen Menschen wie mich auch zu einer Belastungsprobe entwickeln. Die ersten Führungen beendete ich verschwitzt, mit einem Puls von 270 am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Vor meinem inneren Auge vielen die Bilder von der Wand, Menschen stießen Skulpturen und rannten wild durch große weiße Räume. Und ja, alle meine Ahnungen erfüllten sich mit der Zeit. Nun ja, zumindest zum Teil.

Sex Drugs and Rock’n Roll – oder Knie, bunte Farben und PoetrySLAM

Wie in jedem Lebensbereich gibt es auch unter den Museumsbesucher:innen verschiedene Gruppierungen. Der erste Typ ist der Mittläufer. Er ist unauffällig, hält sich dezent im Hintergrund, starrt auf den Boden oder wahlweise in deinen Ausschnitt, aber blooooooß keinen Augenkontakt. Schön hinten bleiben und auf keinen Fall auf das Bild schauen. Sonst denkt noch jemand, man habe Interesse und zieht dich vorne auf die Bühne. Wie bei einer Magier Show. Desinteresse gemischt mit Angst. Ein Traum für jede:n Kunstvermittler:in. Sein kompletter Gegenspieler ist der Experte. Dieser beäugt dich misstrauisch, korrigiert dich, ergänzt jeden Satz, wirft mit Fakten und Meinungen um sich und ist zudem meistens sehr, sehr alt. Dazu ist er häufig mit einem Klappstuhl bewaffnet mit dem er regelmäßig den Sicherheitsalarm auslöst. Ist er zudem noch recht konservativ, erweist er sich häufig als größter Kritiker der Moderne. Dieses Geschmiere hätte es damals noch nicht gegeben. Dass sich einige Künstler:innen der Nachkriegszeit scheinbar in die Abstraktion flüchteten, versteht er, dass eine schwarze Leinwand aber Kunst sein soll, nicht.           

Claes Oldenburg, London Knees, 1966, Neue Galerie Kassel
Claes Oldenburg, London Knees, 1966, Neue Galerie Kassel

Aber ich will nicht wieder abschweifen. Die junge Kunstnacht zielt auf ein Publikum unter 50 Jahren. Es gibt Drinks, musicSLAM und poetrySLAM. Alles hip und mega trendy. Neben der „selfieCOUCH“ gibt’s auch eine Menge Kunst zu sehen. Einer der Glanzpunkte sind die „London Knees“ von Claes Oldenburg. Die Plastik zeigt zwei Damenknie auf einem schwarzen Podest. Sie entstanden Mitte der 60er Jahre, als der junge Künstler nach London kam und von der Flut von nackten Knien übermannt wurde. Die Erfindung des Minirocks und der GoGo Stiefel setzten neue Reize frei, die der Künstler in vielen seiner Multiples verarbeitete. Man stelle sich vor, wie diese Skulptur aussehen würde, wenn sie in der heutigen Zeit entstanden wäre. Ein riesiger Hintern, rund und breit mit Marmorstaub bezogen, ganz im Sinne des Kardashian-Kultes. Ein Bestseller bei Instagram.

 

Ruprecht Geiger, Goulimine, 1964, Neue Galerie Kassel
Ruprecht Geiger, Goulimine, 1964, Neue Galerie Kassel

 

Zu den Sammlungshighlights zählt das monumentale Bild von Rupprecht Geiger. Das Gemälde in Rot und Pinktönen fasziniert alle. Egal ob jung oder alt, dumm oder klug, alle bleiben stehen und staunen. Es vermittelt ein Gefühl von Wärme und lässt dich schwindelig zurück. Ganz wie ein Sonnenuntergang an einem heißen Sommertag. Ein Mann erzählte mir nach der Führung, dass er früher in den Siebzigern viele solcher Sonnenaufgänge auf LSD erlebt habe. Wieder lächelte ich professionell, während ich ihm vor meinem inneren Auge ein High Five gebe.

Kinder, Kunst und Kritik

Zusätzlich zu der Dauerausstellung und den Documenta-Werken könnt ihr die Sonderausstellung „Schöner Schein! Luxustapeten des Historismus von Paul Balin“ ansehen. Wenn jetzt jemand denkt, dass Tapeten langweilig sind, ist er oder sie voll uncool und verklemmt. Und schaut heimlich RTL. Komm nach Kassel, fahr in die Neue Galerie und lass dich von einer:m der vielen Kunstverstärker:innen überzeugen. Die Kunstverstärker:innen sind die, die in passenden T-Shirts gekleidet in der Gegend rumstehen und darauf warten, Augenkontakt aufzubauen, um dich dann wild auf die Bühne zu zerren. Muahaha. Nein, Spaß, die sind alle mega nett. Und klug!

Ah, übrigens. Die besten Museumsbesucher sind Kinder. Ein Junge meinte mal zu mir: „Aber wann schauen wir uns die Bilder an, die nichts darstellen, aber so viel aussagen?“. Mit Tränen in den Augen habe ich ihn in mein Herz geschlossen. Im Museum sollten wir öfter unser inneres Kind herauslassen. Einfach offen sein für alles, was kommt. Sich berauschen lassen und alles einsaugen. Auch mal auf den Boden setzten und die Wand anstarren. Einfach mal sagen was man denkt. Und immer schön sagen was man scheiße findet. Das nennt man dann kultiviert Kunstkritik.

Surprise, Surprise! Weil wir von PHILIPP Big Spender sind, und Moderne Kunst unser Herz mindestens genauso höher schlagen lässt, wie lange Spaziergänge am Strand, kannst du 2 Tickets für die Kunstnacht gewinnen. Dazu musst du nur in die Kommentare (hier oder auf Facebook) schreiben, was für dich Kunst ist, und mit ein bisschen Glück kannst du sie am Abend der Abende zwei golden Tickets an der Kasse der Neuen Galerie abholen!

HIN DA Die junge Kunstnacht findet statt: am 11 Juni, von  20 bis 24  Uhr in der Neuen Galerie Kassel, Schöne Aussicht 1, Kassel. Ab Bahnhof Wilhelmshöhe erreichbar mit der Straßenbahn Richtung Innenstadt, Haltestelle Rathaus und dann 2 Minuten Fußweg. Ab Hauptbahnhof: Mach einen Spaziergang,  erreichbar in unter 15 Minuten. Weitere Infos findest du hier.



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Die Kunsthistorikerin bekocht gern ihre Freunde, fährt gern Zug und liest noch lieber Kafka.
Im Museum mutiert sie zu einem grinsenden Kind im Süßigkeitenladen und bringt ihre Freunde in Verlegenheit.