Wir leben in bitteren Zeiten

Wir leben in bitteren Zeiten

Ich bin empört, weil vor wenigen Wochen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und in Sachsen-Anhalt gewählt wurde. Sachsen-Anhalt, Deutschlands Sorgenkind. Der Kevin unter den Bundesländern. Ein Sonntag, an dem die AfD als stärkste Partei aus den Wahlen in Sachsen-Anhalt hervorging. Nein, das ist kein neutraler Kommentar zum politischen Geschehen in Deutschland, das ist ein Aufschrei, ein Schreiben der Empörung.

Ein Schreiben der Empörung einer Frau, die selbst als Flüchtling vor Jahren nach Deutschland kam. Und nur um es vorweg zu schicken. Beatrix von Storch und Petry haben sie nich mehr alle, was ihre geschmacklosen Kommentare über die Attentate in Brüssel angeht. Aber was mich aufregt sind nicht nur Storch und Petry, sondern der ganze andere Rest, der da mitkommentiert, mitklatscht und jubelt. Der Rest, der die überhaupt zu dem gemacht hat, was sie jetzt sind. Und damit meine ich nicht die Medien, das ist ein anderes Thema, sondern euch, liebe Wahlbratzen. Wer jetzt mit Meinungsfreiheit und Sympathie für das rechte Lager kommt, darf gerne an dieser Stelle aufhören zu lesen. Wirklich. Es ist zum Verzweifeln.

Kaum waren die ersten Chöre der Begeisterung über die Ankunft der Geflohenen vorüber, wurden die kritischen Stimmen immer lauter. Nach den anfänglichen Fragen wie „Schaffen wir das wirklich?“ und „Wie schaffen wir das?“, tauchte plötzlich eine neue Spezies am Medienhimmel auf: Der besorgte Bürger. Der besorgte Bürger* ist vergleichbar mit dem Wutbürger, der ist aber wieder so 2010 und wird heute kaum noch ernst genommen. Der besorgte Bürger ist hingegen weniger laut, aber umso gefährlicher. Er stellt sich nicht immer offen zur PEGIDA-Demonstration, sondern krault sein Wohlstandspläuzchen im heimischen Wohnzimmer, der Arztpraxis oder der eigenen Anwaltskanzlei. Er sieht aus wie der nette Onkel, der auf Familienfeiern immer als erster betrunken ist, oder die nette Nachbarin, die zwar grimmig schaut, aber einem immer die Zeitung vor die Tür legt, wenn man verreist ist. Diese Menschen möchten nicht, dass ihre Steuergelder verschwendet werden. Diese Menschen möchten keine GEZ-Gebühren zahlen. Der Sprit für den VW-Familien-Kombi wird teurer und das neuste IPhone verliert so schnell an Akku. Diese Menschen haben wahre Probleme. Alle, die nach endlosen Fußmärschen und unglaublichen Strapazen in den kaputten Schlauchbooten nach Deutschland kommen, sind Schmarotzer und Kriminelle, die was vom Wohlstandskuchen abhaben wollen. „Aber nicht mit uns.“

Die AfD, im Osten nichts Neues

Der besorgte Bürger teilt nicht gerne, das darf man ja wohl noch sagen. Es sei denn der besorgte Bürger teilt aus. Das macht er gern. Am liebsten auf Facebook. Schön mit den Deutschlandfarben im Profilbild und immer gegen die Merkel, den Endgegner, denn die hat das Übel ja erst möglich gemacht. Aber am Tag der Vergeltung, der Tag der Wahlen, da holt sich der besorgte Bürger zurück, was ihm zusteht. Es ist egal, dass die AfD nicht allein regieren kann, die wird trotzdem gewählt. Um es denen da oben zu zeigen. Um sich zu wehren. Um am Ende der Geschichte als Gewinner auf deutschen Schäferhunden in Richtung Sonnenuntergang zu reiten.

Fassungslos schauen weite Teile Deutschlands auf die Wahlen in Sachsen-Anhalt. Noch fassungsloser macht das Video von Spiegel Online.  In Bitterfeld erzielte die AfD mit 31,9 % ihr stärkstes Ergebnis. In Bitterfeld scheint irgendwas richtig schief gelaufen zu sein. Das Video zeigt Menschen mit ausdruckslosen Gesichtern und noch ausdrucksloseren Parolen. Die Palette an besorgten Bürgern reicht vom Rentner, der deutlich macht, dass es ihm „egal sei, wenn der Neger nüscht zu fressen habe“, und eine Reihe übergewichtiger Frauen, die in die Kamera schmatzen, dass die Flüchtlinge ja alle mehr Rechte und Privilegien hätten als sie selbst. Ne ist klar. Du arme, arme Frau nagst an deinem Döner und am Hungertod. Und das gleichzeitig. Dein armes Kind wurde bestimmt schon mal von Flüchtlingen belästigt, weil die fressen ja bekanntlich gerne kleine Kinder, aber nur die Deutschen! Vor 70 Jahren haben sie die Brunnen vergiftet und jetzt das. Geht gar nicht.

Ich möchte nicht die Büchse der Pandora öffnen und alle Vorurteile entweichen lassen, aber ehrlich gesagt fällt es mir schwer, diese Leute ernst zunehmen. Diese aufgequollenen, hasserfüllten Gestalten sind bemitleidenswerte Wesen. Was muss einem Menschen widerfahren sein, damit er so wird? Wie oft muss ein Kind vom Wickeltisch gefallen sein, um so einen bleibenden Schaden davonzutragen? Ich führe es zum großen Teil auf die mangelnde Bildung zurück. Der Geschichtsunterricht muss einfach zu kurz gekommen sein, denn anders kann man sich so eine ansteigenden Fremdenhass nicht erklären. Es war der gemeine Jude, dann die Türken, dann die Moslems und jetzt alle Ausländer allgemein, besonders die, die sich als Flüchtlinge tarnen. Wie kann es sein, dass die Menschen, die die AfD wählen und dadurch gegen „die Masseneinwanderung vorgehen wollen“, gleichzeitig eine Sanierung von Schulgebäuden einfordern, wenn sie doch selbst die Schule nicht besucht zu haben scheinen? Natürlich sind die Perspektiven nicht sehr gut, wenn man nach der achten Klasse die Schule schmeißt, um den ganzen Tag saufend vorm Pennymarkt zu hängen oder Karriere beim RTL Mittagsprogramm zu machen. Der Horizont dieser Menschen reicht wohl nicht über den Rand des Fliesentisches  auf dem sie ihre stolz ihre Zigaretten auf Vorrat stopfen, bevor die Ausländer kommen und ihnen auch das nehmen.

Die Angst vor dem Fremden, ein treuer Begleiter

Diese Leute in ihren Wohnzimmern wissen nicht, wie es ist, ohne Sprache von den Behörden hin- und hergeschubst zu werden oder in Behausungen zu wohnen, die nach Scheiße stinken, weil schon wieder das Gemeinschaftsklo verstopft ist. Ich weiß es. Unsere Absteige war menschenunwürdig, aber nichts im Vergleich zu den Zelten und den offenen Straßen. Meine ersten Monate in Deutschland verbrachte ich in einem Dorf im Nirgendwo mit vier Leuten auf 20 qm in einem „Wohnheim“. Man könnte es eher als heruntergekommenes Hostel bezeichnen und ja, wir mussten sogar ordentlich Miete zahlen. Nichtsdestotrotz bin ich jeden Tag dankbar in Deutschland zu sein, einem Land, das mich aufgenommen und gebildet hat. Einem Land, das mich in Freiheit und in Frieden leben lässt. Aber der Hass macht mich krank. Die Gier, die aus den Gesichtern der Befragten spricht und sie zu Fratzen werden lässt.

Der Fremdenhass ist salonfähig geworden und ich frage mich, wie es sein kann, dass eine Partei, die Fremdenfeindlichkeit und eine konservatives Geschlechterverständnis propagiert, so viel Zuspruch findet. Es ist nicht die Angst vor dem Unbekannten. Diese Leute bleiben in ihrer Komfortzone, ihrem Schrebergarten, ihrem Stammtisch. Die Leute, die ihr Leben riskieren, ein Leben aufgeben und vor Krieg und Terror fliehen, die kennen Angst. Das Problem der besorgten Bürger ist schlichtweg der Mangel an Empathie, die Gier und ein Fehlen der (sozialen) Intelligenz. Ein Mensch, der nicht an den Bildern von zeltenden Familien mit Kindern verzweifelt, ein Mensch der sich nicht Gedanken über die Schicksale der Geflohenen macht und ein Mensch, der nicht nach Lösungen sucht, ist in meinen Augen schlichtweg kein Mensch. Sollte ich jetzt irgendein braunes Würstchen beleidigt haben, tut es mir nicht leid. Nimm dir „Damals war es Friedrich (1961)“ von Hans Peter Richter zu Hand, setz dich an den Fliesentisch und fang an zu lesen. Auch für dich besteht Hoffnung. Gib dich nicht auf, lern nachzudenken und mitzufühlen.

FOTO: 9gag

*Der besorgte Bürger ist wie das Arschloch geschlechtsneutral. Ich bin so sauer, das ich das Gendern an diesem Punkt vernachlässige!

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Die Kunsthistorikerin bekocht gern ihre Freunde, fährt gern Zug und liest noch lieber Kafka.
Im Museum mutiert sie zu einem grinsenden Kind im Süßigkeitenladen und bringt ihre Freunde in Verlegenheit.

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