Sneak-Review #188: À LA CARTE! – Freiheit geht durch den Magen

Sneak-Review #188: À LA CARTE! – Freiheit geht durch den Magen

Die Sneak-Preview läuft in Marburg schon seit längerem wieder und auch unsere Sneak-Review hat es nun endlich wieder zurückgeschafft. Im Cineplex Marburg lief am Dienstagabend „À LA CARTE! – Freiheit geht durch den Magen“ oder im Original: „Délicieux“ von Éric Besnard. Fragt sich nur, ob man bei dem Titel nach dem Film sich beim Ober beschweren sollte oder dem Koch applaudieren sollte.

Herr Ober, die Karte bitte!

Pierre Manceron (Grégory Gadebois) ist ein leidenschaftlicher Koch, der in Frankreich im Jahr 1789 wie sein Vater für den Adel kocht. Um genauer zu sein kocht er mit viel Leidenschaft für den Duc de Chamfort (Benjamin Lavernhe). Es wird kein Gericht ausgelassen, das sich die Adeligen bei Manceron wünschen und er lebt im Gegenzug ein gutes Leben für einen Nichtadeligen. Eines Tages übermannt ihn jedoch seine Leidenschaft und er fügt der Wunschliste seiner adeligen Gäste eine Eigenkreation hinzu, die er Délicieux nennt. Manceron und der Duc werden dafür ausgelacht und beschmäht. Nicht wegen des Geschmacks, sondern weil das Délicieux unter anderem Kartoffeln und Trüffel enthält. Das seien Zutaten für Schweine und nicht für den elitären Kreis der Adeligen und Heiligen.

Wegen dieser Blamage und weil er sich weigert sich zu entschuldigen, verliert Manceron seine Anstellung beim Duc und zieht mit seinem Sohn Benjamin (Lorenzo Lefèbvre) auf den heimischen verkommenen Bauernhof zurück. Betrübt wird dieser zu einer Poststelle mit minimalistischen Speisen für Reisende umfunktioniert. Erst als die unscheinbare Louise (Isabelle Carré) ihn hartnäckig überredet sie als Lehrling anzustellen, findet Manceron langsam zu seiner Leidenschaft zurück. Mit dem Wiederaufbau des Hofes und der fortschreitenden Ausbildung von Louise kommt Manceron, Benjamin und Louise die revolutionäre Idee eine Gaststätte für Jedermann zu eröffnen. Mit regionalen Zutaten und passendem Ambiente soll nach Karte des Kochs serviert werden. In der Zwischenzeit feuert der Duc einen Koch nach dem anderen und überlegt Manceron eine zweite Chance zu geben. Außerdem scheint Louise eine andere Absicht hinter ihrer Ausbildung zu haben als sie Manceron vorgegeben hat.

ARD oder ZDF am Nachmittag

An sich wird schnell klar worauf der Film hinauswill. Eine Prise Revolution und Historie, etwas Liebe, die Familie, gutes Essen und die Bösen dort oben. Wenn es eine deutsche Produktion wäre, könnte sie im Nachmittagsprogramm nach Bares für Rares laufen. Als ich den Film beim schauen in der Mitte wegen seiner Vorhersehbarkeit abgeschrieben hatte, fragte ich mich, ob gerade ein französischer Mensch im Kino einen deutschen Film sieht und sich denkt: „Nicht schon wieder eine deutsche Kömödie!“. Unter anderem deswegen will ich dem Film seine interessanten Ansätze nicht absprechen.

Da wäre zum einen die Besetzung von Manceron und dem Duc. Der stoische Koch, dem man sowohl seinen Schwermut als auch seine Leidenschaft allein von den Augen ablesen kann. Zudem kommt der neurotische Duc, der einem in wenigen Momenten sogar leid tun kann, weil er sich seines traurigen Lebens nicht bewusst ist. Außerdem fiel während der Vorführung mehrmals das Wort „Foodporn“, das die hervorragenden Aufnahmen und Settings beim Kochen gut beschreibt. Außerdem erzählt der Film keine Heldengeschichte eines aufständischen Kochs. Die Hauptfiguren verabscheuen die Unterdrücker der Gesellschaft erst, nachdem sie nicht mehr selber ein Teil davon sind oder davon profitieren. Das wirkt zum einen weniger erzwungen, lässt die Handlung aber auch auf eine klassischere Racheerzählung hinauslaufen.

Zu viele Köche verderben den Brei

Allerdings liegt darin auch eine der größeren Schwächen. Den Figuren werden so viel Aufmerksamkeit im Bezug auf ihre Beweg- und Hintergründe gegeben, dass die Aussage und Richtung des Films dabei aus dem Vordergrund gerückt wird. Deswegen weiß man auch nicht worauf der Film wirklich hinauswill. Tiefgreifende Beweggründe wie Freiheit oder Liebe missraten dabei zu einem Mittel zum Zweck. Sie treten auf um den Handlung voranzutreiben oder weil sie besser in das Alles-wird-Gut-Bild eines solchen Filmes passen. Mehr aber nicht. Dem Film dienen sie dadurch nur selten. Zudem verkommen die weiblichen Figuren in der generellen Anzahl an Darstellerinnen und gerade anhand von Louise leider zu Schmückwerk neben dem Hauptgang. Es geht unter anderem um die Idee eines Restaurants für die Bevölkerung, woran und von wem Geschmack gemessen werden kann und die Befreiung vom Arbeitgeber.

Der Film führt jedoch selten eine Idee konsequent fort. Stattdessen wird die französische Revolution und ein offenes Ende als künstlicher Höhepunkt verwendet. À LA CARTE! – Freiheit geht durch den Magen versucht subtil zu sein und scheitert daran leider. Beim Verzehr kann es zum Aufstoßen führen. In seltenen Fällen kann es in kitschigen Momenten zum Würgen kommen. Deshalb sollte man ihn mit Vorsicht genießen.

À LA CARTE! – Freiheit geht durch den Magen ist ab dem 25. November in deutschen Kinos zu sehen.

Foto: Jérôme Prébois / 2019 Nord-Ouest Films

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studiert Politikwissenschaften, würde gerne mal Helge Schneider interviewen und steht auf Hip Hop, Memes und Western.

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