Theater Review #21: Robin Hood – Ein Fest für die Gerechtigkeit

Theater Review #21: Robin Hood – Ein Fest für die Gerechtigkeit

Ein Theaterstück im Theaterstück, genauer gesagt ein Theaterstück am königlichen Hofe in »Robin Hood – Ein Fest für die Gerechtigkeit«. Nicht nur der Vorstellungsort – an und auf der Lahn – ist ungewöhnlich an diesem Stück, sondern auch die inhaltliche Realisierung und Kostümierung haben mit einer klassischen Aufführung wenig zu tun.

Das Theaterstück im Theaterstück gibt es zumindest theoretisch, aber praktisch werden zwar all die Weltstars präsentiert, die zufällig im benachbarten Wirtshaus als Schauspieler aufgetrieben werden konnten. Bevor es allerdings losgehen kann, wird die Vorstellung von einer aufgelösten Zuschauerin unterbrochen, welche auf die Bühne stürzt und berichtet, ihr sei das Portmonnaie gestohlen worden. Könnte es ein Zuschauer gewesen sein? Eher nicht, nein. Die sind doch alle freundlich und gesetzestreu. Aber wer nur sonst? Vielleicht Robin Hood? Ja, natürlich! Sherwood Forest ist nicht weit entfernt. Aber würde er das tun, dieser Rächer der Gerechten? Ja, natürlich! Er stellt sich doch ständig gegen das Gesetz! Muss man ihn dafür festnehmen? Ja, natürlich! Es ist also beschlossen. Robin Hood wird von einem speziell für diese Position ausgewählten Sheriff gefangen genommen. Letzterer hat allerdings so einige Probleme mit seiner Aufgabe.

Obwohl das Stück alles in allem sehr ungewöhnlich ist und auch die eigentliche Geschichte Robin Hoods kaum rausgegriffen wird, findet sich doch über das ganze Stück hinweg ein typischer Gegensatz: Die Hofgesellschaft auf der einen Seite, die Stärke demonstrieren wollen und daher den Berater des Königs schicken, um Robin Hood zu fangen. Auf der anderen Seite die Merry Men, die tiefenentspannt und mit dem Flens in der Hand dem Berater entgegen sehen, wie dieser majestätisch auf einem Tretboot stehend über die Lahn geschippert wird. Sobald er einen Fuß in ihren Wald setzt, beginnen sie ihn zu ärgern, indem sie ihm Lollis hinwerfen und das Toupet mopsen. Dabei verstecken sie sich hinter Bäumen. Der älteste Trick der Welt, aber für die Hofgesellschaft vollkommen ausreichend. Wie eigentlich immer haben die Bösewichte einfach mehr Stil. Oder sind sie gar keine Bösewichte? Diese Frage wird den Großteil der Zeit thematisiert, durchgängig unterlegt mit einer großen Portion Klamauk.

Von Zaubertroll-Puppen und X-Wing-Fightern

Das Stück lebt vor allem von seinen Figuren, die teils so wild zusammengewürfelt aussehen, als habe man einfach den Kostümfundus ausgemistet und gesehen, was man noch so übrig hat. Das fängt schon beim Tanzensemble an, welches stark an diese 90er-Jahre-Zaubertroll-Puppen erinnert. Diese Kostümwahl erschließt sich dem:r Zuschauer:in zwar nicht direkt, fällt aber gar nicht so sehr auf, da auch die anderen Figuren rechts zusammenhangslos erscheinen. So ist alles dabei, von einem ranzig aussehendem Schriftsteller, der einfach nicht aufhören will, seine Gedichte vorzulesen, über eine stumme Sängerin, die so lange das hohe A hält wie kein anderer, bis zu meinem persönlichen Favoriten: Legolars der Gelbe. Ob Politiker, Sportler, Stereotypen bestimmter Berufe oder Filmfiguren: Alles kommt vor, alles wird parodiert, ob es nun zum Stück passt oder nicht.

Nicht nur Figuren und Kostüme, sondern auch die Requisiten sind außergewöhnlich, was vor allem dem Spielort geschuldet ist: Die schwimmende Bühne ist bei weitem nicht der einzige Spielplatz, tatsächlich steht die Hofgesellschaft meist direkt unten an den Lahntreppen, die Bühne ist zunächst das Reich der Merry Men. Aber auch die Lahn kommt auf ihre Kosten: sei dies nun in Form vom schnorchelnden Luft- und Wasserakrobaten, dem Einsatz der DLRG oder aber wenn die Trolle, dieses Mal in einer Mischung aus Steampunk und Militär-Outfit, im Angriff auf die Merry Men in ihren zu einer Art X-Wing-Fighter umgebauten Tretbooten über den Fluss rasen.

»Logik? Nein, nicht unser Ding.«

Zwischendurch wird es immer mal wieder überraschend politisch, beispielsweise wenn die von der Hofgesellschaft herangetragene Rakete eine Aufschrift in kyrillischer Schrift trägt. Erwähnung finden auch viele andere politische Themen wie etwa Pay-Gap, Armut, Nordkorea, Trump und Russland, bis hin zur Ordnungspolitik der Stadt Marburg. Gemein ist ihnen allen, dass sie im Stück von einer gehörigen Ladung Witze und Klamauk überlagert werden. Die Humorausrichtung geht von tief-politisch über Witze à la „Jeder nur ein Kreuz!“ (nein, das ist natürlich nicht aus dem Stück ihr Kulturbanausen!) bis hin zu Slapstick.

Wer ernsthaft die exakte Geschichte Robin Hoods sehen und sich auch nicht bekehren lassen will, kann sich dieses Stück sparen. Nicht zu unrecht heißt es am Schluss: »Logik? Nein, nicht unser Ding«. Die tatsächliche Handlung ist innerhalb von fünf Sätzen erzählt, aber darum geht es hier auch nicht. Vielmehr wird der Abend besonders durch die ausgeprägten Diskussionen gefüllt, vor allem durch die Veranstalter des Theaterstücks im Theaterstück, die eine Moderatorenrolle einnehmen. Obwohl sich die verschiedenen Szenen fast immer in den Handlungsstrang einordnen lassen, wirken manche trotzdem so unglaublich random, dass man spätestens dann verwirrt ist. Und begeistert von diesem wieder neuen, wieder vollkommen unpassenden Kostüm. Was außerdem das Stück auszeichnet, ist die viel verwendete Musik. Dabei wirkt es allerdings nicht wie ein Musical, die Musik hat eher szenischen Charakter, also ein bisschen wie im Film. Ansonsten wird vor allem eins: viel gelacht.

nächste Termine: 

09.06.2018, 21.00 Uhr
10.06.2018, 21.00 Uhr
12.06.2018, 21.00 Uhr
13.06.2018, 21.00 Uhr
14.06.2018, 21.00 Uhr
15.06.2018, 21.00 Uhr
16.06.2018, 21.00 Uhr

Regie: Matthias Faltz, Philip Lütgenau

Komposition und Musikalische Leitung: Michael Lohmann

Musikalische Leitung: Michael Lohmann

Bühne: Fred Bielefeld, Matthias Faltz, Philip Lütgenau, Sergej Fuchs

Kostüme: Annie Lenk

Choreografie: Ekaterina Khmara

Dramaturgie: Franz Burkhard, Katharina Fabel, Nadine Wiedemann

Inspizienz: Philip Lütgenau

Tänzer:

Anna-Marie Platz, Christine Schöneberger, Jelena Müller, Katha Huber, Klara Rewicki, Lidia Feil, Luisa Jacobs, Lydia Schanze, Margarita Smagina, Maureen Lemke, Muriel Klonk, Nele Rößer, Teresa Steffgen, Theresa Gering, Vivien Fründ

Besetzung:

Artur Molin, Camil Morariu, Daniel Sempf, Insa Jebens, Julia Glasewald, Julian Trostorf, Jürgen Helmut Keuchel, Karlheinz Schmitt, Lene Dax, Lisa-Marie Gerl, Maximilian Heckmann, Stefan Piskorz, Thomas Huth, Victoria Schmidt

FOTO: Jan Bosch

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studiert Linguistik und Politikwissenschaft und ist regelmäßig wieder über ihren Kaffeekonsum erstaunt.

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