Sneak Review #213: Vier Wände für zwei

Sneak Review #213: Vier Wände für zwei

Zwei einsame Frauen aus unterschiedlichen Generationen reden in einer Wohnung in Sevilla über Sex. Was die beiden Hauptdarstellerinnen in dem von Bernabé Rico inszenierten Film „Vier Wände für Zwei“ dabei zwingt ihr bisheriges Leben zu hinterfragen erfahrt ihr hier.

Vier Wände, zwei Frauen, zwei Lebensstile

Sara (Juana Acosta) braucht eine neue Wohnung – ein Backup. Während ihre Karriere in einer Versicherungsgesellschaft souverän verläuft, hat die stets adrette Frau ihre Ehe aus den Augen verloren und möchte für den Fall einer Trennung vorsorgen. Mitten in Sevilla findet die 39-Jährige die perfekte Wohnung: zentral, ein großer Balkon und mit etwas Renovierung das doppelte des Einkaufpreises wert. Der Haken an der Immobilie ist Sara von vornherein bewusst. Die Wohnung wird im Nießbrauch verkauft. D.h. die Eigentümerin darf bei einem Verkauf bis zu ihrem Ableben in der Wohnung bleiben. Das hat die alleinlebende Lola (Kiti Manver) so gut es geht vor. Die Rentnerin verlässt nicht gerne die Wohnung und genießt ihre Zeit mit Kaffee, Zigaretten und Gras. Sie möchte sich von dem Geld einen größeren Fernseher und allerlei Dinge beim Teleshopping kaufen. Trotz kleiner Gewissensbisse bei Sara kommt es zum Deal zwischen den ungleichen Frauen.

Lola schätz Ehrlichkeit. Sie möchte von Sara die wirklichen Gründe für den Wohnungskauf wissen, nachdem diese vorgibt eine Wertanlage zu suchen. Eine Frage, die Versicherungmanagerin nicht richtig beantworten kann. Ihr konservativer Lebensstil hat nicht viel Platz für weitere Bedürfnisse gelassen. Eine Beziehung ist sie eingegangen, weil man sich über längere Zeit traf, geheiratet haben sie, weil sie lange genug zusammen waren. Nach anfänglichen Streitigkeiten der zwei stolzen aber einsamen Frauen lernen sie einander zu schätzen. Lola zögert wieder Kontakt mit ihrem Ex-Mann aufnzunehmen und Sara muss wieder zu sich selbst und ihren Bedürfnissen finden. Als die 39-Jährige etwa zwei monate später Lola weinend am Telefon erzählt, dass ihr Mann sie verlassen will und ein Kind mit seiner Affäre erwartet, erleidet Lola gerade einen Herzinfarkt. Im Krankenhaus kollabiert die aufgelöste Sara. Ereignisse, die beide Frauen zum Umdenken zwingen.

Konservative killen den Sex

Die spanische Tragikomödie ist überraschend am stärksten, wenn es um das Thema Sex geht, was man bei einem Feelgoodfilm zwischen zwei Generationen nicht zwingend erwarten würde. Sara hat keinen, weil sie unglücklich verheiratet ist und Lola verzeiht ihrem Ehemann zwar, dass er fremdgegangen ist, traut sich aber nicht seine Nähe zu suchen. Sex spielt hier also nur eine Rolle im jungen Alter. „Wenn es juckt, sollte man sich kratzen“, sagt Lola, wenn es um sexuelle Bedürfnisse auch Abseits des Ehelebens geht. Sie bereut früher nicht offener dafür gegenüber sich und ihrem Partner gewesen zu sein. Wenn Sara auf der Arbeit unterwegs ist, begleitet die Kamera subtil ihre Blicke auf einen attraktiven Arbeitskollegen. Die Bedürfnisse sind da, aber sie hat viel mehr Angst zu verlieren was sie hat (ihre „Ehe“), als sich einzugestehen, was sie eigentlich möchte. Ihr bisheriger Lebensstil nimmt ihr ihre Sexualität.

Lolas Perspektive ist weniger einsichtig. Ihre Reue und Einsamkeit werden verstärkt, da ihre Ärzte ihr keine allzu hohe Lebenserwartung prognostizieren. Zudem wird ihr Leben nie so genau beleuchtet, dass die Zuschauer*Innen einschätzen können, ob sie bereut einsam zu sein oder ihren Ex-Mann noch liebt. Eine halbe Ohrfeige für einen konservativen Lebensstil, der mehr Schärfe und Richtung durch gehaltvollere Dialoge gut getan hätte.

Morbide Gags, Theatralik und Kitsch

Das genannte Thema wird aufgelockert mit Gags, die die zu erwartenden Rollen austauschen. Die konservative junge Frau und die freie und offene ältere Frau. Vor allem aber zünden die morbideren Gags. Wenn Lola sich zum testliegen in einen Sarg legt oder über ihre Süchte lustig macht angesichts ihres Alters. Ein subtiler Hinweis, der Sara und den Zuschauer*Innen mitteilt, dass die Zeit immer gegen einen läuft. Das Thema und die subtile Herangehensweise verliert der Film aber letztendlich im letzten drittel. Höhepunkt sind die körperlichen Leiden der Darstellerinnen in kitschigen Gesundheitsszenarien, die der Serie „Sturm der Liebe“ in der ARD in nichts nachstehen. Der Tod war nie das Problem, sondern die Bedeutung des Lebens der Hauptdarstellerinnen. Die Kirsche auf der Torte teilen sich ein John Lennon Zitat und die Lolas Antwort auf die Aussage, dass sie verrückt sei, weil sie aus dem Affekt eine Trennwand in ihrer Wohnung abreißen möchte. Die Rentnerin antwortet: „Nein, ich bin am Leben!“.

Ganz nettes ARD Nachmittagsprogramm

So verkommt der Film zu einem netten Feel-Good-Film, bei dem man bangen, lachen und mitfühlen, aber nicht mitdenken kann. Würde der Film nach Bares für Rares laufen, könnte ich mich zumindest mal mit meiner Oma darüber unterhalten, ob sie mal Gras ausprobieren würde oder sich in ihrer Ehe auch mal gerne einen Seitensprung geleistet hat.

„Vier Wände für zwei“ läuft ab dem siebten Juli in den deutschen Kinos.

Foto: Bernabé Rico / La Claqueta PC, 24 Bilder Filmagentur

studiert Politikwissenschaften, verbringt zu viel Zeit um sich über die BILD aufzuregen und isst süßes und salziges Popcorn gemischt.

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