Theater Review #22: Radio Universe

Theater Review #22: Radio Universe

Was löst Krieg in einem aus? Gerade wenn man Krieg nur aus Fernsehbildern kennt oder er im Heimatland weit weg von jemandem stattfindet und das eigene Leben schon genug Probleme bietet. Wie der Kaukasuskrieg sich im transkulturellen Raum zwischen Deutschland und Georgien auswirkt, zeigt die deutsch-georgische Theaterkooperation unter der Regie von Nino Haratischwili. „Radio Universe“ erzählt von 6 Schicksalen, die über mehr als nur einen Radiosender verbunden sind.

Es ist das Jahr 2008. In Georgien herrscht Krieg um die Souveränität und die eigene Unabhängigkeit als ehemaliger Teil der Sowjetunion. In Deutschland häufen sich die Berichte in den Medien. So berichtet auch der Radiomoderator Jo in seiner Nachtschicht unter anderem über den Krieg, während Ilja, Zoe, Adelle, Lile und ihr Hund Giorgy zuhören, um sich abzulenken oder die neuesten Entwicklungen im Kriegsverlauf mitzubekommen.

Zwischen den Ansagen von Jo führen die anderen fünf ihr Leben während des Krieges fort. Lile reist ins Kriegsgebiet, um ihrem Vater bei seiner Operation beizustehen. Ihre Partnerin Zoe wartet währenddessen in Deutschland und hält mit ihr bei der Arbeit über ihr Handy Kontakt. Ilja ist Georgier und lebt in Deutschland. Nachdem er seine Frau betrogen hat und hört, dass seine Affäre schwanger ist, verliert er sich in eine Suche nach einer Frau, die keine Zukunft für ihn bietet. Adelle ist Iljas Frau. Sie versucht, mit dem Lebensbruch umzugehen und verkommt aus Einsamkeit und Frust zu einer Stalkerin. Liles Hund Giorgy wartet darauf, von Zoe abgeholt zu werden, und lässt seinen Frust raus über die Komplikationen, die der Krieg in ihr einfaches, aber glückliches Leben einbrachte. Jo wiederum muss einen Spagat zwischen der Unterhaltung seiner Zuhörer und der Verantwortung der Medien in der Berichterstattung über gesellschaftsrelevante Themen machen.

Über die Bühne verbunden zu einer Gemeinschaft

Die zweisprachige Inszenierung schafft eine kulturelle Distanz zwischen den Figuren und trotz der zusätzlichen physischen Entfernung im Stück, sind die Personen und ihre Gefühle über die Bühne sich sehr nahe. Die Bühne kommt ohne viel Bühnenausstattung aus, da die Charaktere und weniger der Schauplatz im Mittelpunkt stehen. In der Mitte steht eine große breite Wippe, die über Kreuz verläuft mit einer Schmaleren. Je nach aktueller Verbundenheit über die Gefühle in den Handlungen und ihrem Ausdruck stehen die Charaktere näher zusammen oder weiter voneinander entfernt oder werden über die Wippen in den Vordergrund bzw. Hintergrund gestellt.

Gefühle und Gedanken werden dabei neben Monologen auch in einseitig geführten Dialogen dargestellt, wenn diese an die anderen Charaktere gerichtet werden, obwohl diese laut Handlung garnicht da sind. 
Das gibt dem Zuschauer durch das minimalistische Bühnenbild einen genaueren Einblick in die Gefühlslage der Charaktere und die Beziehungen untereinander. Durch diese Transparenz wird aus den einzelnen Charakteren eine Gemeinschaft, die mit dem Thema ‚Krieg‘ konfrontiert ist. Der Krieg erschüttert die Gemeinschaft jedoch in den Individuen und wird damit zu einer Zerreißprobe für die transkulturelle Solidargemeinschaft.

Gefühlschaos

Die Position des Westens in der Auseinandersetzung liegt auf Seiten Georgiens, doch die Einstellung der Charaktere ist deutlich weniger eindeutig. Die Auswirkungen des Krieges auf die einzelnen Charaktere zeigt die Verunsicherung moderner Gesellschaften und bringt Entscheidungen mit sich, die für den Zuschauer nicht sofort nachvollziehbar sind. Um so mehr stieg in mir selber die Frage auf, wie ich mich verhalten würde. Krieg ist natürlich ein Ausnahmezustand, auch wenn man nur indirekt von ihm betroffen ist, aber nichtsdestotrotz fungiert das Theaterstück als Spiegel, um sich mit der eigenen Umgangsweise mit einem so schwer greifbaren Thema auseinanderzusetzen. Wie kann gemeinschaftliche Solidarität zwischen Menschen über die Hürden und Widersprüche der modernen Gesellschaft hinweg funktionieren ?

Das Stück drückt den Finger in eine Wunde der heutigen Zeit. Die Verrohung durch die täglich aufkommenden Ausnahmezuständen in Nachrichten ist ein Thema, mit dem sich jede:r wahrscheinlich schon einmal konfrontiert sah. Über die verschiedenen Schicksale werden verschiedene Anknüpfungspunkte für den eigenen Umgang geliefert. Außerdem sind die dramatischen Einzelschicksale sowohl gut durchdacht als auch sehr gut umgesetzt. Man merkt dem gesamten Team die Verbindung zum Thema an. Trotzdem geht in dem Stück nicht der Unterhaltungswert unter all der Melancholie verloren. Am Ende nimmt man viel Gesprächsstoff, aber auch Denkfutter für sich selbst mit.

Nächste Termine:

26.09.2018, 19.30 Uhr
27.09.2018, 19.30 Uhr
30.09.2018, 19.30 Uhr
10.10.2018, 19.30  Uhr

Besetzung: Nino Burduli, Daniel Sempf, Lisa Grosche, Erekle Getsadze, Natia Parjanadze und Valentina Schüler

Regie: Nino Haratischwili
Bühne: Julia B. Nowikowa
Dramaturgie: Moritz von Schurer
Theaterpädagogik: Juliane Nowak
Kostüme: Gunna Meyer
Musik: Giorgi Khositashvili
Regieassistenz: Twyla Zuschneid

Foto: Katrin Schander

Sebastian Ridder

studiert Politikwissenschaften, würde gerne mal Helge Schneider interviewen und steht auf Hip Hop, Memes und Western.