Sneak-Review #17: Colonia Dignidad

Sneak-Review #17: Colonia Dignidad

Und auch diese Woche fragen wir wieder: Haben sich die vier Euro Eintritt gelohnt oder greifen bereits die ersten Cineast*innen nach ihren Jacken? Diesen Dienstag in der Sneak: Colonia Dignidad von Regisseur Florian Gallenberger.

Endlich ist es soweit. Die Deutschen (beziehungsweise Regisseur Florian Gallenberger und Pro7) arbeiten nun auch ihre Geschichte in Chile auf. Mit hochkarätiger Besetzung (Emma Watson lässt Herzen höher schlagen) und deutschen Schäferhunden sowie einem deutschen Sektenführer namens Schäfer, der seine „Schäfchen“ in einem von Elektrozäunen umschlossenen Dorf körperlich und seelisch misshandelt. Doch beginnen wir am Anfang. Sonst kommt ja niemand mit.

Gute Deutsche, böse Deutsche

Santiago de Chile im Jahr 1973. Proteste auf der Straße erregen das Aufsehen einer Lufthansa-Crew auf dem Weg zum Hotel. Stewardess Lena (Emma Watson) erblickt in der Menge zufällig ihren Liebhaber Daniel (Standartdeutscher Daniel Brühl), der fleißig Flugblätter in die Luft wirft. Das unerwartete Treffen wird sofort ausgiebig und hollywoodreif küssend zelebriert. Ab diesem Moment ist jedem Zuschauer klar, dass der Film sich thematisch eher in Richtung Liebesschnulze entwickelt. So erfährt man nur am Rande von einem Militärputsch, der ihr Liebesglück zerstört und das Paar dazu zwingt, Hals über Kopf und nur mit einer Kamera unter dem Arm, die Wohnung zu verlassen. Auf der Straße werden sie von Augusto Pinochets Geheimpolizei festgenommen. Daniel, der als kreativer Kopf des Widerstands bekannt ist, wird in eine abgelegene Kolonie transportiert und schonungslos (auch für den Zuschauer) gefoltert. Lena versucht indes seinen Standort ausfindig zu machen und hat Glück – als Musterdeutsche ist es für sie nicht schwer, Eintritt in die „Colonia Dignidad“ („Kolonie der Würde“) zu erhalten. In der von Paul Schäfer gegründeten deutschen Sekte herrschen klare Regeln: Frauen arbeiten, Männer spielen „Mensch ärgere dich nicht“. Die Geschlechter leben getrennt, Kinder kennen ihre Eltern nicht. Lena entscheidet, dass sie ihren Geliebten nur auf eine Art und Weise retten kann und lässt alle vorstellbaren Torturen über sich ergehen, bis sie endlich eine Möglichkeit findet, zusammen mit ihm dem Terror ein Ende zu machen. Der wahre Held des Films ist dennoch die Lufthansa, welche mit einem Streik (!) Leben rettet.

Deutsches Grauen in Chile

Hängen bleibt vor allem ein Gefühl der Übelkeit: Man sieht 110 Minuten lang Menschen, die foltern oder gefoltert werden. In der Kolonie werden nicht nur Kartoffeln angebaut und Kühe gemolken, sondern auch Gewehre und Giftgas hergestellt – eine dramatischere Verknüpfung kann für einen Film mit deutschem Bezug nicht hergestellt werden. Es macht wütend zu sehen, wie Paul Schäfer seine religiös vermutete Machtposition als „Pius“ ausnutzt und Menschen mit Gewalt und Psychopharmaka verstümmelt. Der Film verkauft eine fiktive Romanze, verpackt in einer wahren, grausamen Begebenheit: der Geschichte einer deutschen Sekte, die lange Zeit in Zusammenarbeit mit der Pinochet-Regierung Oppositionelle folterte. Noch heute existiert sie als Tourismus-Ort „Villa Baviera“. Es bleibt abzuwarten, ob der Film Besucherströme einbringt.

Kinostart ist am 18.02.2015. 

FOTO:  Majestic/Twentieth Century Fox

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Als Ressortleiterin für Kultur und hauptberufliche "Kunst, Musik und Medien" -Studentin tingele ich am liebsten in der heimischen Kino-, Club- und Radio-Szene herum. Interessiert an allen DIY-Projekten, von der eigenen Fahrrad-Werkstatt, bis zur Late-Night-Lesung.

Ein Gedanke zu “Sneak-Review #17: Colonia Dignidad

  1. Es hat sich sehr gelohnt – allerdings kostet die Karte nun 4,20 Euro. Sehr ärgerlich wenn man immer mit einer Gruppe Leuten ins Kino geht – das wird nun ne ganz schöne Kleingeldschlacht!

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