Wie sich der gleiche Tag mit und ohne Depression anfühlt

Wie sich der gleiche Tag mit und ohne Depression anfühlt

Anna* leidet an Depressionen, wie fast jede:r Fünft:e in Deutschland. Es ist eine Krankheit, die einen den Boden unter den Füßen wegziehen kann. Nicht, weil man traurig, sondern weil man krank ist. Deswegen ist es – auch dank Therapie – nicht immer schlimm, oft ist es okay, manchmal sogar schön. Für uns hat Anna aufgeschrieben, wie unterschiedlich sich für sie der fast derselbe Tag anfühlen kann. Mit depressiver Phase und ohne.

Szene 1

Der Kühlschrank brummt. Ein Geräusch, das sich seinen Weg in mein Ohr bahnt. Der Vorhang ist geschlossen. Ich spüre, wie ein Sonnenstrahl versucht, sich einen Weg durch das dichte Gewebe zu erkämpfen. Meine Augen sind geschlossen. Ich öffne sie. Wage einen Blick auf die Uhr. 6.30. Mein Herz fängt an zu pochen. Nicht vor Freude, sondern vor Angst, Verzweiflung, Trauer, Sinnlosigkeit. Nicht zur Begrüßung eines neuen Tages, nein. »Fuck you, Nutze den Tag, alles ist jetzt schon beschissen.«

Das Pochen wird stärker. Mein Puls steigt exponentiell an und doch ähnelt meine Körperhaltung der eines Steins. Ich will weiterschlafen. Die Augen schließen. Die Sonne verbannen. Ich bin schlecht, die Welt braucht mich nicht. Ich kann nicht alleine sein. Werde in der Uni versagen. Werde Hartzer. Werde nie meine Bestimmung im Leben finden. Das große Wälzen im Bett beginnt. Ich will entfliehen. Weg von den Gedanken. Den Gefühlen. Doch das diffuse Durcheinander bestimmt mich. Was ist mein Sinn im Leben? Es ist 6.35 und ich stelle alles in Frage. Ich schließe die Augen.

8.00 Uhr. Der Wecker klingelt. Ich liege immer noch im Bett, will aber meiner Pflicht nachkommen. Ich habe Pflichten. Die Pflicht ein guter Mensch zu sein. Eine gute Tochter zu sein. Und die Pflicht eine gute Studentin zu sein. Lustig und humorvoll, ehrlich und verantwortungsbewusst. Wikipedia versteht unter Pflicht, „das Handeln, dem man sich auf Grund bestimmter Normen/Vorschriften nicht entziehen kann.“ Genauso geht es mir. Das Leben ist für mich zur Pflicht geworden. Eine Pflicht, die Handeln erfordert.

Ich zwinge mich zum Aufstehen. Ungern will ich den Vorhang aufziehen. Aber ich muss. Die Sonne scheint. Es ist Sommer. Doch die Wärme kann meine innere Leere nicht füllen. Ich fühle mich kalt. Mein Herzrasen hat aufgehört, jetzt beginnt die große Unsicherheit. Es ist keine Unsicherheit, wie ich mich kleiden soll oder was ich frühstücken will. Es ist eine Unsicherheit dem Leben gegenüber.

Eine unsichtbare Unsicherheit. Ich stehe vor dem Spiegel. Ich weiß, wie man sich schminkt. Ich weiß, was ich an mir mag. Ich weiß, dass andere mich auch mögen. Ich weiß, dass ich humorvoll und selbstbewusst sein kann. Ich weiß, dass mein Leben für die nächsten zwei Jahre in geregelten Bahnen verlaufen wird. Ja, ich weiß das alles! Mein Kopf weiß das.

Mich beherrscht das Emotionale. Manchmal bezweifele ich, dass mein Verstand existiert. Wie kann ein Mensch so viele Tage im Jahr damit verbringen, an sich und allem zu zweifeln? Wie kann das Emotionale alles Handeln bestimmen? Ich bin verzweifelt. Der Tag erfährt seine nächste Hürde: Ich muss das Haus verlassen. Mich den Menschen stellen. Funktionieren. Pflichten erfüllen.

Innerlich spüre ich, wie meine Anspannung steigt. Wie sie mich ganz hibbelig macht. Der Gedanke, heute die Uni besuchen zu müssen. Mich den Menschen da draußen zu stellen. Ja, bewusst zu stellen, denn es ist nicht freiwillig. Wäre mein Handeln freiwillig, würde die Wahl auf eine Rückkehr in mein Bett fallen. Eine innere Stimme leitet mich, sie versucht Licht in das Dunkle zubringen. Du wirst den Tag überstehen, sagt sie. Du wirst 12 Stunden unterwegs sein, aber du wirst ihn überstehen. Es ist ein Denken in den Kategorien Überstehen oder Scheitern. Kein Denken an Spaß und Freude, neue Begegnungen mit Menschen. Ich fühle mich ferngesteuert. Wie ein Roboter. Irgendwas leitet mich. Ich schreite die Lahn entlang. Die Welt um mich herum zieht an mir vorbei. Nichts erweckt mein Gemüt. Nichts erquickt meine Seele. Weiß, wie viele Schritte ich gehen muss. Weiß, wo der Raum ist. Kalt und ungemütlich. Wir bilden ein perfektes Duett. Der Raum und Ich.

Szene 2

Der Kühlschrank brummt. Ein Geräusch, das sich seinen Weg in mein Ohr bahnt. Ich öffne die Augen. Sanft berührt mich ein Sonnenstrahl im Gesicht. Er hat sich den Weg durch das dichte Gewebe des Vorhangs erkämpft. Die Wärme durchfährt meinen Körper. Meine Lebensgeister sind geweckt. Ich springe auf, reiße den Vorhang auf und blicke in die Welt. Mein Blick ist weit geöffnet. Bereit jeden Moment aufzusaugen. Ich will die frische Luft einatmen, will die Vögel zwitschern hören. Öffne die Türe zum Balkon. Da ist er also – mein neuer Tag. Nutze den Tag, die Welt gehört dir.

Mein Wille ist stark. Getreu dem Motto „Gib jedem Tag die Chance, der Schönste deines Lebens zu werden“, will ich heute leben. Ich schreite euphorisch durch den Raum. Mein Leben bietet mir so viele Möglichkeiten. Meine Brust füllt sich mit Stolz. Schau an, wie viel du schon erreicht hast. Schau an, was du kannst. Ich brauche keine Selbstzweifel haben, denn ich bin stark und selbstbewusst.

Schnell checke ich mein Handy. Habe Lust mit Freunden auszugehen – die Leichtigkeit des Lebens spüren. Ich könnte heute 12 Stunden unterwegs sein – und hätte noch nicht genug vom Leben.

Ich wage den Blick auf die Uhr. Es ist 8. Zeit für die Uni. Ich freue mich auf meine Freunde und Kommilitonen. Bin gespannt, was Sie vom Wochenende zu berichten haben. Bin gespannt auf die neuen Eindrücke, die der Tag für mich bereit hält. Meine Lebensenergie scheint mich zu beflügeln. Nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich. Ich will mich schick machen. Meine Lieblingskleidung anziehen. Mich schminken. Ich bin zufrieden mit mir.

Auf dem Weg in die Uni schlendere ich die Lahn entlang. Schaue nach links und rechts. Nehme den Duft von frischem Obst wahr. Lecker! Ich bekomme Appetit. Kaufe mir eine Schale Erdbeeren. Auf den Lahnterrassen lasse ich mich nieder. Wieder scheint mir die Sonne ins Gesicht. Es ist ein Gefühl von Freiheit. Ein Gefühl von Selbstbestimmtheit. Ich genieße die Aussicht. Schwäne und Enten ziehen an mir vorbei. Übe mich in Achtsamkeit. Spüre, wie die Erdbeere in meinem Mund ihr volles Aroma entfaltet. Herrlich. Carpe Diem.

Nach der kurzen Pause schreite ich in die Uni. Die Sonne scheint hinein. Das alte Gebäude ist lichtdurchflutet. Ich beobachte das Spiel aus Licht und Schatten. Das Licht gewinnt. Sollte ich da eine Parallele zu mir sehen?

Ich gehe mit offenen Augen durch das Gebäude. Betrete den Raum. Meine Freunde und Kommilitonen schauen mich an. Ich begrüße sie mit einem breiten und ehrlichen Lächeln. Sie grüßen mich freundlich zurück. Ich fühle die Nähe und Geborgenheit zu ihnen. Der kalte Raum erwärmt sich. Das Licht hat gesiegt.

Genau in dieser Situation erinnere ich mich zurück. 10.Klasse. Ein Junge sagte zu mir: „Wenn du den Raum betrittst, geht für mich die Sonne auf!“. Genau das wollte ich sein: eine Sonne. Das Leben ist ein Spiel aus Licht und Schatten. Ich bin sicher, am Ende wird das Licht in mir siegen.

SO BEKOMMST DU HILFE Depression ist eine Krankheit, die jeden treffen kann. Sie ist aber auch gut behandelbar und heilbar. Nahezu jeder fünfte Deutsche erkrankt einmal im Leben an Depressionen – die Symptomatik ist dabei oft sehr vielseitig. Die Deutsche Depressionhilfe (www.deutsche-depressionshilfe.de) kann für dich eine erste Anlaufstelle sein. Neben einem Selbsttest erfährst du dort Hintergründe zu Ursachen und Auslösern sowie Behandlungsmöglichkeiten. Wenn du aus Marburg oder der Umgebung stammst, kann dir das marburger bündnis gegen depression weiterhelfen (www.bündnis-gegen-depression-marburg.de). Die ersten Schritte sind meist die schwersten, aber lass dich nicht entmutigen! Auch wenn du nicht auf Anhieb einen Therapieplatz bekommst, nimm das Erstgespräch wahr und bleib dran. Es geht um dich und deine Zukunft. Um den finanziellen Aspekt brauchst du dir keine Sorgen machen, denn in Deutschland übernehmen die gesetzlichen sowie privaten Krankenkassen die Kosten für eine Therapie. Für mehr Informationen und eine persönliche Beratung empfehle ich dir das Info-Telefon Depression unter 0800/3344533.

 *Weil unsere Autorin befürchtet, im späteren Berufsleben Nachteile aufgrund ihrer Krankheit erleiden zu müssen, haben wir ihren Namen anonymisiert.

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